31.07.2011 · Martin Mosebach gilt als Stilist klassischer Prägung im Gefolge von Thomas Mann und Heimito von Doderer. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Die zauberische Verwandlung unserer Gegenwart ist das epische Anliegen dieses Schriftstellers.
Von Felicitas von LovenbergMartin Mosebach hat eine gleichmäßige Handschrift, steil aufragend und doch großzügig geschwungen. Ihre kräftige Tintenspur würde jedes Stocken oder Zögern verraten. Der Schriftsteller schreibt seine Bücher mit der Hand, und wer je Gelegenheit hatte, eines seiner Manuskripte zu betrachten, staunt über das blauschwarze Meer, das sich in winzigen Wellen und Tälern bis zum äußersten Rand über die Seiten ergießt und deren ursprüngliches Weiß fast ganz auslöscht. Die Werke dieses Autors entstehen nicht im Kampf.
Das Zutrauen, von dem das Schriftbild kündet, findet seine Entsprechung in der erzählerischen Mühelosigkeit, die Mosebachs Romane und Erzählungen verströmen wie einen berückenden Duft. Hier radelt ein taufrisch verheirateter junger Mann durch Frankfurt, um eine Wohnung anzumieten; dort betritt ein anderer, der ein Hemd abholen möchte, eine Wäscherei; und wieder einige Straßen weiter liegt ein verliebtes Paar am hellichten Tag im Bett, und sie lauscht seiner Geschichte.
Die sommerliche Morgenstunde, da alle Menschen sich frisch und neu fühlen, empfänglich für jegliche Sinnes- und Gedankenwunder – sie beglänzt nicht nur die Romananfänge, sondern in ihrer „Schicksalsluft“ und ihrem flirrenden Sonnenlicht lässt sich die Unschuld der Welt einen Moment lang genießen, bevor sie im Laufe des Tages unweigerlich verlorengeht – ein Umstand, der vom Autor mit viel Eleganz und heiterer Ironie, aber ohne Bedauern oder gar Pathos beschrieben wird.
Alles war schon immer da
Ein Jugendwerk hat dieser Schriftsteller, in dessen Werk das nachstudentische Jungsein eine so prominente Rolle spielt, sich erspart. Bereits im 1983 erschienenen Debüt „Das Bett“ steht der Autor gleichsam fertig unfertig vor uns: die geschliffene, bildreiche, das Gewöhnliche ins Kostbare ziehende Sprache, die reflexive Durchdringung dessen, was beschrieben wird, das spielerische Zusammenspiel der Figuren wie auf einem tableau vivant, das Vertrauen in die groteske Wendung und das Auge fürs sprechende Detail – alles ist schon da.
Dabei wollte der Sohn eines literarisch gebildeten Frankfurter Arztes und Psychotherapeuten nach eigenem Bekunden während seines Jurastudiums weder Schriftsteller sein noch einer werden. Er habe bis zum dreißigsten Lebensjahr gebraucht, um festzustellen, dass er als Jurist „völlig unbrauchbar“ sei. Doch als der Wandel kam, besaß er die Gültigkeit einer zweiten Taufe: Seit 1980, als er für seine ersten, während des Referendariats verfassten Erzählungen den Förderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung erhielt, in deren Jury Golo Mann saß, firmiert Mosebach als „freier Schriftsteller“.
Die markante Erfahrung seines eigenen Werdegangs dürfte ihren Anteil daran haben, dass seine Romane von weichgesichtigen Spätentwicklern bevölkert sind, deren vage Ahnungen von einem Lebensplan zuverlässig durchkreuzt werden. Der Vater hatte den Sohn zum Studium der Rechte ermuntert, damit dieser sich, so wie er selbst, die Liebhaberhaltung zu den Künsten bewahren könne. Das scheint Mosebach trotz des Seitenwechsels glänzend gelungen zu sein.
Der Maler Peter Schermuly, ein väterlicher Freund
Wer seine Bücher aufschlägt, zumal die beiden letzten Romane, „Der Mond und das Mädchen“ (2007) und „Was davor geschah“ (2010), der wird von der ausgeruht schönen Sprache, der Makellosigkeit seiner Beschreibungen und seinen Bilderfeuerwerken gleichsam emporgezogen. Es ist die Schwerelosigkeit einer höheren Ordnung, die uns aus winzigen Ausschnitten der Welt entgegenfunkelt. Martin Mosebach ist ein Meister solchen Hebe- und Schwebezaubers, doch erliegen wir bei ihm keiner optischen Täuschung – obwohl seine Kunst den malerischen Verfahren viel verdankt: wie viel, das lässt sich zumal seinem jüngsten, erst vor wenigen Tagen erschienenen Buch „Das Rot des Apfels – Tage mit einem Maler“ (Zu Klampen Verlag) entnehmen.
Es ist bezeichnend, dass dieses persönlichste Buch Mosebachs nur indirekt von ihm selbst handelt, sondern vielmehr von einem väterlichen Freund: dem Münchner Maler Peter Schermuly. In den mehr als drei Jahrzehnten ihrer Bekanntschaft hat Schermuly, der 2007 im Alter von neunundsiebzig Jahren starb, zahlreiche Bilder von Mosebach geschaffen. In seinem Buch kehrt der Dichter ihr Verhältnis um: Nun ist er es, der ein vielschichtiges Porträt des Freundes schafft, anstatt ihm Modell zu sitzen.
Maximen von Schermuly zum Wesen der Kunst gibt Mosebach derart zustimmend wieder, dass der Leser sich eingeladen fühlt, diese auch auf den Autor selbst zu beziehen. So stellt er etwa im Hinblick auf die geradezu fanatische Abneigung des Freundes gegen Cézanne das „Königsrecht des Künstlers“ heraus, „sich aus der unübersehbaren Menge von künstlerischen Hervorbringungen nur das auszusuchen, was ihm nutzt und was ihn weiterbringt“.
Unseliger Bruch von Form und Gehalt
Die Voraussetzung für die qualifizierte Bewunderung wie Ablehnung von Vorbildern indes ist die intensive Beschäftigung mit ihnen. So, wie Mosebach es meint, ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern Ausdruck seiner Überzeugung, dass man keine Traditionen und Formen übernehmen darf, ohne ihre kulturellen, religiösen und philosophischen Hintergründe genau zu kennen. Ob er dann von dem schalen Erfolg berichtet, sich in Indien, dem Land der heiligen Kühe, einen Ledergürtel anfertigen zu lassen, oder ob er gegen die nachkonziliare katholische Liturgie zu Felde zieht – stets geht es um den unseligen Bruch von Form und Gehalt.
Dass einem, der nicht gegen frühere Generationen anrennt oder, Krönung der Hybris, sich selbst ständig neu zu erfinden trachtet, schnell das Etikett des elitären und unzeitgemäßen Ästheten angeheftet wird, hat Mosebach 2007 anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises erfahren müssen. Doch niemand, der seine Bücher – mittlerweile sind es neben neun Romanen zahlreiche Sammlungen mit Erzählungen, Aufsätzen und Reiseschilderungen, außerdem Opernlibretti, Theaterspiele, Hörspiele und zwei Gedichtbände – tatsächlich gelesen hat, wird behaupten, Martin Mosebach sei ein deutscher Schriftsteller der Gegenwart, der mit der Gegenwart nicht viel im Sinn habe, nur weil er Telefon und Sofa partout mit ph schreibt. Für Mosebach besteht die Gegenwart aus vielen Gegenwarten, die einander durchdringen und die erkannt sein wollen.
Die Altäre sind gedeckt wie Couchtische
Wenn er in seinem vieldiskutierten Essay „Die Häresie der Formlosigkeit“ (2002) eintritt für die Trennung von Sakralem und Profanem, tut er dies nicht als religiöser Eiferer, sondern als Purist. Der Kitsch, das würdelose, dümmliche Ornament, ist sein erklärter Feind in Sprache, Musik, Malerei und Architektur, und als gläubiger Katholik macht er auch vor seiner Kirche nicht halt, wenn er ihre Altäre gedeckt sieht wie Couchtische.
Doch so kritisch urteilsfroh und profund gebildet sich seine Aufsätze lesen, so selbstverständlich sind seine Romane frei von Belehrungen und Botschaften. In ihnen zielt der Stilist klassischer Prägung höher: Mit seinen epischen Erzählungen will er die Leser bezaubern.
Unangefochten vom eigenen Alter, ist Mosebachs Lieblingserzähler der junge Mann, genauer: der Sohn geblieben, eingebettet in Geschichten und Zusammenhänge, die über ihn hinausweisen. Gebettet sind diese Erzähler oft auch buchstäblich, denn das Haupt- und Staatsmöbel in Mosebachs Romanwelten ist das Bett – der Ort, wo im Schlaf gnädig der Traum regiert und im Wachen die gefährlichsten Fragen gestellt und die größten Lügen aufgetischt werden.
Im Gefolge von Stephan Korn, der im Debüt „Das Bett“ dort am liebsten die Tage verbringt, pflegen alle Helden Mosebachs eine förmlich schicksalsergebene „Ich lasse es darauf ankommen“-Beziehung zum Schlaf. Es sind latent antriebsschwache Hochstapler, Zufallskarrieristen, glücklose Juristen oder andere Verweigerer der sogenannten Leistungsgesellschaft, deren Lebenskunst vor allem darin besteht, „gegen übermächtige Gewalten nicht anzukämpfen, sondern rechtzeitig aufzugeben und so bescheiden und geschmackvoll wie möglich unterzugehen“, wie es in „Eine lange Nacht“ (2000) heißt.
Vor Manon muss man nach Indien fliehen
Durch Nichtstun kann mancher den Untergang sogar aufhalten oder vermeiden. Mosebach nimmt die angestrengte Fortschrittsbehauptung, die Pseudourbanität und die Beflissenheit der Tüchtigen gern aufs Korn und würde seine Helden eher demonstrativ eine Krawatte zum Nichtstun tragen lassen. Wobei ihnen alle Ostentation fremd ist, wenn man von der historischen Ausnahmeerscheinung Theodor Lerner, dem „Nebelfürsten“ auf seiner Bäreninsel (2001), absieht.
So kann ihnen, während der Autor aus dem munteren Zusammenprall der Geschlechter, Kreise und Kulturen prächtige tragikomische Funken schlägt, unversehens der Unfall Liebe in die Karriere-Parade fahren – sei es in Gestalt jener Pupuseh, die den frisch promovierten Frankfurter in „Die Türkin“ vom scheinbar vorgezeichneten Weg in die New Yorker Kunstwelt nach Lykien umleitet, oder von Manon, vor deren treuloser, erdnusskleiner Seele der junge Architekt in „Das Beben“ (2005) gleich bis nach Indien flieht.
Oftmals stehen die Erzähler am Rand des Geschehens, wie jener junge Mann, der seiner Liebsten berichtet, „Was davor geschah“ – im Bett, natürlich. Dabei sind Mosebachs Bücher völlig frei von Schwüle, obwohl die Hitze und das, was sie mit den Leibern und Gemütern anrichtet, eine große Rolle spielen: Das Verlangsamen, das Anschwitzen und das Dahinwelken sind Prozesse, die Mosebach fasziniert beobachtet – darin Schermuly nicht unähnlich.
Übertreibungsfeste des poetischen Realismus
Ähnlich wie in des Malers Darstellung des Lebendigsten, der Haut, soll man aber auch bei Mosebach den einzelnen Pinselstrich nicht mit bloßem Auge erkennen: Sein Ideal sei „die Unsichtbarkeit der Form“, hat er einmal über seine Romane gesagt – und diesem ist er von Mal zu Mal näher gekommen. Dazu macht er, auch dies ein bildkünstlerisches Verfahren, seine Figuren gern eine Spur größer, als sie eigentlich sind, mit leichter, lustvoller Übertreibung werden sie überlebens- und damit literaturgroß: Nicht nur „Der Mond und das Mädchen“, diese glanzvolle Variation über Shakespeares „Sommernachtstraum“, ist ein solches hinreißendes Übertreibungsfest des poetischen Realismus.
Das Absurde, Groteske, mithin Poetische bedient sich als Bote gern eines Vogels, einer Katze oder gar eines Insekts – und es erscheint mitten im Alltag. Der Ort der Verzauberung und des Traums ist in Mosebachs Romanen meist seine Geburtsstadt Frankfurt, die „falsche Großstadt“, die er indes oft für längere Zeit verlässt, weil man „nie da sein darf, worüber man schreibt“. Darum ist jeder seiner Romane an einem anderen Ort entstanden, der „Nebelfürst“ (2001) in Rajasthan, das in Indien spielende „Beben“ (2005) unter anderem im Schweizer Wallis, „Der Mond und das Mädchen“ in Marokko und „Was davor geschah“ am Berliner Wissenschaftskolleg.
In einem vor gut zehn Jahren geführten Interview prophezeite Mosebach sich selbst, er werde wohl erst einmal eine Weile als veraltet gelten. Davon kann heute, am Tag seines sechzigsten Geburtstags, keine Rede mehr sein. Was dieser Schriftsteller der metaphysischen Verarmung unserer Epoche an eigener Wahrheitseroberung entgegensetzt, erinnert seine beglückten Leser daran, dass die Gegenwart ebenso viel utopisches Potential besitzt wie Vergangenheit und Zukunft.
Felicitas von Lovenberg Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.
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