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Veröffentlicht: 21.12.2013, 18:21 Uhr

Martin Meyer im Gespräch Camus ist eine karge Kammer

Was bleibt von Albert Camus, der am 7. November hundert Jahre alt geworden wäre, am Ende des Jubiläumsjahres? Sein Biograph Martin Meyer sagt: Von ihm sei zu lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Was könnte das sein?

von
© picture-alliance / Mary Evans Pi Damals sah man mit 34 noch erwachsener aus: Albert Camus (1913-1960), 1947 auf einer Porträt-Aufnahme.

Herr Meyer, hundert Jahre Camus: Warum ist er noch interessant?

Edo Reents Folgen:

Camus ist zeitverfallsresistent, weil er ein wirklich großer Schriftsteller war und in diesem Sinne auch Weltliteratur geschrieben hat.

Was ist Weltliteratur?

Sie behandelt immer wieder und von neuem die alten Fragen um den Menschen und seine Existenz: Wohin gehen wir? Was wollen wir? Was hoffen wir? Was fürchten wir? Wie verhalten wir uns zu unserer eigenen Freiheit? Auch zu unserem Schuldigsein oder Schuldigwerden? Diese Themen hat Camus sehr intensiv und mit einer integren Persönlichkeit immer wieder aufgeworfen, eigentlich von Anfang an. Das zweite, was an Camus fasziniert, ist die Sprache, eine schnörkellose, eine unaufgeregt leidenschaftliche Sprache, die wir eigentlich so lesen, als wäre sie gestern geschrieben worden.

Unaufgeregt leidenschaftlich? Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein, das ist das Paradoxon, dass Camus beides vorweist. Man wird hineingezogen, man merkt das Engagement, und zugleich hat diese Prosa eine feine und helle Distanz. Sie ist nie so erhitzt wie oft bei Jean-Paul Sartre und anderen. Diese Faktoren zusammen machen Camus zu einem großen Autor, und das hat ja auch seine Rezeptionsgeschichte mehr oder weniger bestätigt.

Wie ist es zu erklären, dass Camus im Vergleich zu Sartre heute eher als derjenige dasteht, der gewissermaßen historisch recht behalten hat? Kann es bei einem, wie Sie sagen, zeitlos gültigen Denker derart unterschiedliche Rezeptionsphasen überhaupt geben?

Die Aktualität, die Camus heute besitzt, hat damit zu tun, dass er der Geschichte vorausgeblickt hat und recht bekam. Es gibt ja ein moralisches Im-Recht-Sein, unabhängig davon, wie die Geschichte läuft, und zwar in diesem Sinne: dass man eine Philosophie der Freiheit, der Verantwortung des guten und möglicherweise auch des gerechten Lebens anstrebt. Und es gibt ein Recht-Behalten geschichtlicher Art in Bezug auf das, wie sich dann die Geschichte entwickelt. Und da hat Camus, lange nach seinem Tod, recht bekommen mit seinem Plädoyer für die Freiheit und gegen den Totalitarismus. Nur: Dieser Prozess war natürlich nicht determiniert, Camus konnte ihn deshalb auch nicht voraussehen. Er wäre unzweifelhaft begeistert gewesen, wenn er noch 1989 und die Implosion des Sowjetimperiums und vor allem die neuen Freiheiten in den osteuropäischen Ländern hätte wahrnehmen und erleben können.

27139943 © Isolde Ohlbaum Vergrößern Möbiliert: „Neue Zürcher Zeitung“ Feuilleton-Chef Martin Meyer.

Er wäre damals auch noch kein sehr alter Mann von 76 Jahren gewesen, ist aber mit 46 gestorben. Welche Erwartungen hätte man noch an sein Werk stellen können? Wir kennen den erst 1994 publizierten Text „Der erste Mensch“, sicherlich mit das Eindrucksvollste, was er geschrieben hat - ein Anknüpfen an seine Ursprünge, aber eben auch, denkerisch und schriftstellerisch, noch mal ein ganz neuer Anlauf.

Wenn das fertig geworden wäre, so wäre er ein wunderbares Geschenk geworden, ein großes Epos mit dem Vorbild Proust; nach allem, was wir kennen, ein sehr schönes, tiefes, gedankenreiches Buch, ein großer Roman. Das ist er allerdings selbst auch als Fragment. Camus wollte auch eine Philosophie des Maßes unter dem Titel „Nemesis“ entwickeln. Nemesis ist nicht nur die Göttin der Rache, sondern eben auch des Maßes, und wer das Maß überschreitet, der wird von ihr bestraft. Maß in einer Welt, die er häufig als maßlos wahrnehmen musste, zumal in ihren politischen und technischen Entwicklungen.

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