http://www.faz.net/-gqz-80hg5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 03.03.2015, 12:34 Uhr

Martin Heidegger Die Alliierten – schlimmer als Hitler?

Er mag noch so ausgeklügelte philosophische Theorien entwickelt haben, den dicken braunen Schmutz auf seiner Weste mindert das nicht: In den „Schwarzen Heften“ der Jahre 1942 bis 1948 erleidet Martin Heidegger den kompletten Verlust seiner Urteilskraft.

von
© Keystone Schweiz/laif Ein Philosoph mit kruden, verachtenden Aussagen: Martin Heidegger.

Heidegger und kein Ende? Mancher Leser dieser und anderer Zeitungen mag sich fragen, worin eigentlich seit Jahrzehnten das öffentliche Interesse an Martin Heidegger besteht. An seinem Leben (Rüdiger Safranski: „Ein Meister aus Deutschland“, 1994), an seinem politischen Verhalten (Victor Farias: „Heidegger und der Nationalsozialismus“, 1989), an seinem Familienleben („Mein liebes Seelchen!“, Briefe Martin Heideggers an seine Frau Elfride, 2005), seinen Liebschaften (Catherin Clément: „Martin and Hannah“, 2001), seinem Bruder (Hans Dieter Zimmermann: „Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fastnacht“, 2005), seinem Antisemitismus (Peter Trawny: „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“, 2014).

Jürgen Kaube Folgen:

Heidegger selbst hat die Beschäftigung mit der Person eines Philosophen zurückgewiesen. „Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb“ – das, so setzt eine seiner frühen Vorlesungen ein, genüge an biographischer Mitteilung. Doch so einfach ist es nicht. Von Beginn der Lehrtätigkeit Heideggers an waren es nämlich nicht nur seine Interpretationen und Argumente, die viele der besten jungen Philosophen um 1925 zu seinen Schülern machten. Es waren auch seine Gesten, sein Auftritt, seine stilisierte Sprache, seine Verkörperung eines vom Denken durchdrungenen Lebens.

Überdies hat Heidegger selbst viel von seinen persönlichen Festlegungen hergemacht, von seiner ländlichen Herkunft, der Verachtung des modernen Daseins, seiner Bereitschaft, alle Halbheiten und insbesondere die meisten Kollegen zum Teufel zu wünschen, seiner Ideal-Bibliothek, die nur aus einer Ausgabe der Vorplatoniker und Hölderlin bestand, seinen Griechenland-Reisen. Wenn Intellektuelle Leute sind, die zu einer starken Integration ihres beruflichen Tuns mit ihren politischen Meinungen und ihren Freizeitgewohnheiten neigen, dann war Martin Heidegger ein mustergültiger Intellektueller.

Nur er selbst und kein anderer

Das zeigt auch der vorliegende vierte Band der sogenannten Schwarzen Hefte, in die Heidegger mit postumer Publikationsabsicht zwischen 1942 und 1948 Gedanken notiert hat. Ende Januar 1946 beispielsweise wird ihm mündlich mitgeteilt, dass er, der erste nationalsozialistische Rektor der Freiburger Universität, nach seiner Emeritierung dort nicht mehr lehren dürfe. Zunächst findet Heidegger das Verfahren nur geschmacklos und teilt dem amtierenden Rektor nur mit, er werde sich weder in die Öffentlichkeit drängen noch „als der Verärgerte“ zurückziehen.

Mehr zum Thema

Fünfzehn Seiten später erkennt er für sich das Exemplarische des Vorgangs. Es handele sich um einen „Verrat am Denken“ und damit an der geschichtlichen Bestimmung des – ergänze: deutschen – Volkes. Und dieser Verrat sei blindwütiger und zerstörerischer „als die weithin sichtbare Verwüstung“ und die Greuel in den Konzentrationslagern, deren er gerade auf Plakaten der Alliierten ansichtig geworden war. Darauf, dass man so wichtig ist, kommt nicht jeder. Heidegger fügt darum noch hinzu, dass jenen Verrat nur erkennen könne, wer dem Sein zugewandt denke. Soll heißen: nur Heidegger selbst.

Wendungen wie diese sind nur ein Beispiel für die Selbstverkapselung dieses Denkers. Während der Philosoph die Philosophie verabschiedet und nur noch von Denken sprechen will, entwickelt er in immer neuen Variationen eine Privatsprache, die ihn zu Formulierungen wie „Der Schied als die fügende Fuge der äußersten Freye zur Innigkeit des Selben Selber“ führt oder zu unfreiwilliger Lyrik: „Alles Gesicht ruht im Gedicht“. Wenn es an einer Stelle heißt „Das Denken ist die Sage des Brauchs“, meint man die Absicht zu erkennen, eine Mythologie aus Begriffen zu schaffen. Aber es handelt sich um den Widersinn einer privaten Mythologie.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Im Münchner Plakatsumpf

Von Hannes Hintermeier

Ausgerechnet ein AfD-Politiker macht Wahlwerbung mit dem neuen Buch des ehemaligen Münchner Langzeitbürgermeisters Ude. Der reagiert gewohnt dünnhäutig. Was, wenn sein Werk in rechte Hände geriete? Mehr 1 2

Die wichtigsten Artikel zu Organisation, Erziehung, Finanzen, Schule, Wohnen und Freizeit.

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“