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Marseilles und Aix-en-Provence : Die Kultur soll vorführen, was die Region noch lernen muss

Prachtstraße unter Platanen: Der Cours Mirabeau in Aix-en-Provence Bild: picture alliance / Peter Richard

Aix-en-Provence, die Stadt der bürgerlichen Mitte, und Marseille, ein populäres Pflaster, sind seit je Rivalinnen. Nur widerwillig haben sich die Städte für das Programm als Kulturhauptstadt „Marseille-Provence 2013“ zusammengerauft.

          Es hätte niemanden gewundert, wenn Aix-en-Provence seine Drohung wahr gemacht hätte. Kurz vor dem Startschuss Anfang 2013 wollte die Stadt aus dem gemeinsamen Kulturhauptstadtprojekt wieder aussteigen. Es ging nur um eine Lappalie, doch zeigte sich darin, welch explosive Mischung sich hinter dem scheinbar harmlosen Doppelbegriff „Kulturhauptstadt Marseille-Provence 2013“ verbirgt: nämlich der Schulterschluss zwischen konkurrierenden Gemeinden, deren Stadtväter darin keinerlei Übung haben - und letztlich auch kein Interesse.

          Sandra  Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hinter dem Begriff „Marseille-Provence“ verbirgt sich eine Region, die von Marseille bis zum mehr als neunzig Kilometer entfernen Arles reicht und in der insgesamt mehr als 1,8 Millionen Einwohner leben. Dabei gehören die etwa achtzig Städte, die an dem Kulturprogramm teilnehmen, politisch den unterschiedlichsten Strömungen an, vom kommunistischen Arles über das sozialistische Istres bis zum rechten Aix-en-Provence.

          Ausstellung zu Albert Camus abgesagt

          Ein Gefühl für die Region hat man hier nicht, bestenfalls ist man sich gleichgültig. Oder gleich spinnefeind, wie im Fall von Aix-en-Provence und Marseille. Die Städte mögen einander nicht, das war schon immer so. Dem Besucher dämmert das spätestens im „Office du tourisme“ von Aix, dem Startpunkt eines Rundgangs durch die Stadt. Die Führerin lächelt freundlich, aber ratlos auf die Frage, was Aix als Beitrag zur Kulturhauptstadt zu bieten hat. Auch die anderen Stadtvermarkter sind ahnungslos.

          Ja, doch, da sei diese Ausstellung über Albert Camus geplant gewesen, ein Leuchtturm des Europäischen Kulturjahrs 2013 sollte sie werden. Aber wegen Differenzen zwischen Historikern und Politikern über das Algerienbild von Camus, dazu Intrigen, Streitereien und politische Spannungen, wurde die Schau zum hundertsten Geburtstag des Dichters abgesagt.

          Jetzt wird eine um alle Konflikte bereinigte Schrumpfversion gezeigt. Dann freilich kommt die große Doppelausstellung „Le Grand Atelier du Midi“, die gleichzeitig in Aix und Marseille Künstler aus der Provence ausstellen wird, Van Gogh, Cézanne, Matisse. Aber die eröffnet erst am 13. Juni.

          Beim Spaziergang durch die pittoresken Gassen von Aix, vorbei an barocken Stadtpalästen und verschwiegenen Plätzen, hat die Stadtführerin ihre eigene Erklärung für das hiesige Desinteresse an der Kulturhauptstadt: „Wir sind nur aus Solidarität dabei. Aix hat selbst so viel Kultur zu bieten, wir brauchen keine Kulturhauptstadt, bei Marseille sieht das etwas anders aus.“ Tatsächlich gehört Aix mit seinen berühmten Opernfestspielen im Sommer neben Arles (Fotografie) und Avignon (Theater) zu den drei großen A-Festivals in Frankreich; Marseille hat nichts Vergleichbares vorzuweisen.

          Die Rivalität zwischen Aix und Marseilles

          Auch wenn Aix und Marseille nur dreißig Kilometer voneinander entfernt liegen, trennen Welten die beiden Städte. Und das soll offensichtlich so bleiben. Wie sonst lässt sich erklären, dass man von Marseille zwar in drei Stunden in Paris ist, aber es nach Aix bis heute keine S-Bahn-Verbindung gibt, sondern nur einen Bummelzug, der für die Strecke eine Stunde braucht.

          Das sei typisch, sagt Karl Heinz Götze, der als Germanistik-Professor an der Universität Aix-Marseille lehrt und deshalb zwischen beiden Städten pendeln muss. Im Künstlercafé „Les Deux Garçons“ auf dem schicken Cours Mirabeau sitzt er beim Aperitif und erzählt von der Rivalität der Orte. Schon farblich setze sich Aix-en-Provence mit seinen sanften Sandsteintönen vom strahlend weißen Kalk ab, der in Marseille vorherrsche.

          Marseilles nach Paris die größte Stadt Frankreichs

          Aix sei eine Stadt der Verwaltung, der Gerichte und der Universitäten, die sich baulich und gesellschaftlich geschlossen gibt. Marseille dagegen habe den großen Hafen und sei schon immer ein Ort des Handelns und des Austauschs, eine Stadt der Vermischung und der Veränderung gewesen. Während Aix sich gern klein und exklusiv gebe, mit kaum mehr als hunderttausend Einwohnern, von denen dreißigtausend Studenten sind, sei Marseille nach Paris die größte Stadt Frankreichs.

          Marseille als unberechenbarer Ort

          Aix ist bürgerlich, Marseille populär, kann man das zusammenfassen. Und während die eine sich staatstreu nach Paris reckt, gilt der Geburtsort der Marseillaise als unberechenbar und unbequem. Doch es hilft nichts. Trotz aller Differenzen muss jetzt ein Jahr lang Eintracht demonstriert werden. Dabei ist es nicht allein das Kalkül einer stolzen Summe Geld - neunzig Millionen Euro für Veranstaltungen und fast siebenhundert Millionen für Investitionen -, die Aix, Marseille und die anderen Gemeinden an einen Tisch zwingt.

          Vielmehr soll auf kulturellem Gebiet vorgemacht werden, was in der Zukunft in der Region besser laufen soll, etwa bei der Raumplanung, im Nahverkehr und beim Umweltschutz. Hoffnungen, dass dies gelingen könnte, hat der Geographieprofessor Boris Gresillon vor zwei Jahren in seiner Streitschrift „Un enjeu capitale“ (Editions de l’Aube) formuliert. Doch sein Optimismus schwindet. Noch immer, sagt er heute, fehle ein „esprit métropolitain“, ein gemeinschaftlicher Geist, der Zusammenarbeit über die Grenzen der Kommunen hinweg ermögliche.

          Cézannes Rache

          Noch also lässt die kulturelle Verbrüderung auf sich warten, und so lasse ich mich durch die barocke Pracht von Aix treiben und gelange zum Jas de Bouffan, dem Atelier von Cézanne. Von hier konnte er auf die Sainte-Victoire blicken, den Berg, den er so oft gemalt hat. Dem Wegbereiter der Moderne hat seine Geburtsstadt, in der er auch die meiste Zeit seines Lebens verbracht hat, die Anerkennung schon zu Lebzeiten verweigert. Und bis heute hängt kein Hauptwerk von Cézanne im Musée Granet in Aix.

          Stattdessen müssen für das groß angekündigte „Atelier du Midi“ sämtliche Werke aus Paris und dem Ausland herangeschafft werden. Cézanne hat sich auf seine Weise gerächt: Marseille hat er immer wieder gemalt. Aix hingegen sieht man auf keinem seiner Gemälde.

          Quelle: F.A.Z.

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