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Marktl am Inn Der benediktinische Hefeteig geht schon auf

22.04.2005 ·  Das Hefeteiggebäck in Mitraform, das eine Bäckerei im Geburtsort des neuen Papstes noch in der Wahlnacht ersonnen hat, war erst der Anfang: erinnerungstechnische Nachrüstung in Marktl am Inn.

Von Hannes Hintermeier
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Papstwetter ist es nicht, das Petrus den Marktlern am Tag zwei der neuen Zeitrechnung schickt. Sieben Grad und teils heftige Regenschauer machen den zahlreichen Fernsehteams aus aller Welt die Arbeit im hintersten Winkel Oberbayerns nicht direkt zum Vergnügen.

Der Ortskern ist abgesperrt, aber ansonsten ist von Jubel auf den ersten Blick wenig zu spüren. Sogar Fahnen oder Bilder vom neuen Papst fehlen. Aber die Stimmung ist trotz der medialen Aufgeregtheiten ganz entspannt. In kleinen Gruppen stehen die Einheimischen beieinander, Interviews sind jetzt erste Bürgerpflicht, und so antworten sie geduldig und bereitwillig auf die Fragen der Presseleute. Ein, zwei Tage geben sie dem Rummel, dann werde das vorbei sein, sagen sie vor der Sparkasse.

„Schließlich muß man ja irgendwas anbieten“

Manche waren schnell, ein reichlich düsterer Gesundheitsladen verkündet im Schaufenster die Ankunft eines "Energiespenders aus Marktl": "Ab morgen im Angebot: 100 Gramm AyurvEder Benedikt XVI. Kräutertee." Noch schneller reagiert haben die beiden Bäckereien. In der Nacht, nach der ersten Feier mit Freibier, habe man sich überlegt, was man machen könne, sagt Roswitha Leukert, "schließlich muß man ja irgendwas anbieten".

Papstmützen sind es dann geworden, Hefeteiggebäck in Mitraform mit Rosinen, das Stück zu sechzig Cent, zur Feier des Tages als Zugabe kostenlos. Bei der Konkurrenz Winzenhörlein gibt es ein Pfund "Vatikanbrot" für einen Euro und das Stück "Benedikt-Torte" zu einsdreißig. Roswitha Leukert erinnert sich mit strahlenden Augen, auch wenn sie die Geschichte an diesem Tag bestimmt nicht zum ersten Mal erzählt, wie ihre damals vierjährige Tochter zum Besuch des Kurienkardinals Ratzinger ein Gedicht aufgesagt hat.

Zwischenstop auf dem Pilgerweg

Heute ist die Tochter elf, und Ratzinger ist Papst. Am 13. Juli 1997 war das, der Kardinal war gekommen, um die Ehrenbürgerwürde des Marktes Marktl anzunehmen. Er ist der zweite, dem diese Ehre widerfuhr; Nummer eins war ein Dorfpfarrer im neunzehnten Jahrhundert.

Die Ehrenbürgerfeier sei eine große Sache gewesen, aber jetzt sei "die ganz Welt zu Gast: unglaublich" findet die Bäckersfrau das, und ein wenig unheimlich ist das ja auch, was sich da an Medieninteresse über den Flecken ergießt. Fürs Geschäft wäre ein wenig Tourismus und Pilgerbetrieb natürlich gut: "Hoffentlich bleibt ein bißchen was hängen." Schon am Wochenende werden siebentausend Jugendliche erwartet, die auf ihrem Pilgerweg von Passau zur Schwarzen Madonna nach Altötting traditionell durch Marktl marschieren.

Kaum Spuren aus den zwei ersten Lebensjahren

Wenn sich der Besuch künftig lohnen soll, muß erinnerungstechnisch aufgerüstet werden. Denn viele Spuren hat Benedikt XVI. nicht hinterlassen - naturgemäß. Gute zwei Jahre hat er hier gelebt, bevor sein Vater, ein Landpolizist, mit der jungen Familie salzachaufwärts nach Tittmoning zog. Das Geburtshaus mit der Hausnummer elf steht aber immerhin prominent an der Stirnseite des Marktplatzes, eingerahmt von Rat- und Bürgerhaus und der Marien-Apotheke. Letztere hält auch an diesem Mittwoch eisern die Mittagsruhe ein, bloß nicht durcheinanderbringen lassen von dem Rummel.

Aber das leerstehende große Gasthaus und eine verwaiste Metzgerei zeigen auch, daß es mit der Wirtschaftskraft der 2700 Einwohner zählenden Gemeinde nicht zum besten steht. Die meisten Arbeitsplätze bietet die Wacker-Chemie im benachbarten Burghausen, der größte Arbeitgeber der Region.

Marktl selbst hat ein wenig Mittelstand, Schreinereien, einen traditionsreichen Sportverein, drei Wirtshäuser. Außer einer Go-Kart-Bahn gibt es wenig Lustbarkeiten, keine Buchhandlung, aber viel Natur rundherum. An der Tankstelle, beim Kobler, witzelt man, ob es demnächst "Benedikt-Benzin" geben könnte. Aber im Grunde, sagt Pfarrer Josef Kaiser, sei die Welt in Marktl "noch halbwegs in Ordnung". Beinahe einen "Herzkollaps" hat er am Dienstag erlitten, aber dann hat er sich schnell erholt, sich, wie der Bürgermeister auch, in seinen feinsten Anzug geworfen. Seit der Frühmesse steht er in seiner Kirche St. Oswald und wird ausgefragt.

Hervorragende Kirchgangsquote

Zum Beispiel über die bayerische Mentalität des neuen Papstes. "Ora et labora, aber alles zu seiner Zeit", erklärt Kaiser der staunenden Weltöffentlichkeit, die partout nicht den Unterschied zwischen Bayern und Deutschland erkennen will. Natürlich sei Ratzinger zunächst und zuallererst im Herzen ein Bayer. Er habe "seine roots hier", sagt Pfarrer Kaiser ganz polyglott, sei "beharrlich, behäbig und manchmal stur".

Freilich habe seine Kirche hier die gleichen Probleme wie überall in der westlichen Welt - Entchristlichung, Zuzug von Ungläubigen aus dem Osten -, aber dennoch stehe der bayerische Katholizismus mit beiden Beinen auf dem Boden. Deswegen könne er auch nicht sagen, was diese Wahl für Deutschland bedeute, er könne es nur für Bayern, weil dieses "eben ein eigenes Land sei". Einem französischen Fernsehteam will das nicht einleuchten, aber dann ist ihnen eben auch nicht zu helfen. 2200 Marktler sind katholisch, knapp ein Viertel von ihnen besucht regelmäßig den Gottesdienst. Eine hervorragende Quote in diesen Zeiten, findet der Pfarrer. Ratzinger, da werde man sich noch wundern, der werde alle überraschen. Den Papst treffen? "Ja", sagt der Pfarrer, "das wäre sicherlich ein Traum - eines jeden Menschen."

Der Bürgermeister: ein Schlitzohr

Im Heimatmuseum kommt man den Marktler Wurzeln in erdgeschichtlichem Maßstab näher. Die Gegend am unteren Inn ist Keltenland. In der nahe gelegenen Schanze Leonberg wurden in der jüngsten Vergangenheit aufsehenerregende Funde gemacht; nun rätseln die Archäologen, ob ein Meteoriteneinschlag zur Zeitenwende die Kelten vertrieben hat. Der Ort selbst tritt im dreizehnten Jahrhundert in die Geschichte ein, als Hofmark der Grafen von Leonberg; Herzog Ludwig der Reiche gewährt 1477 ein Stadtwappen, das mit Schiffshaken und Streichmaß an die glorreichen Zeiten der Flußschiffahrt erinnert. Ende des siebzehnten Jahrhunderts wird die erste Brücke über den Inn geschlagen, 1871 wird Marktl Bahnstation auf der Linie München-Simbach, 1989 erhält die Gemeinde Anschluß an die Autobahn A94.

Aber das sind Daten einer Ortsgeschichte, die seit dem 19. April anders fortgesetzt werden wird. Das weiß keiner so gut wie der Bürgermeister, dessen große Stunde geschlagen hat. Hubert Gschwendtner kommt mit bäuerlichem Gestus daher, aber das leicht Ungelenke täuscht - er ist ein Schlitzohr. Und er ist bei der SPD. Und Lehrer an einer Grundschule.

Gschwendtner genießt den Interviewmarathon: Nie mehr wird er oder Marktl dermaßen im Rampenlicht stehen. Eine Pressekonferenz leitet er, als täte er das jeden Tag. Die Papstwahl, erklärt er einem amerikanischen Reporter, "is a spiritual thing für our town" und natürlich hoffe er auf eine "stimulation of the local economy"; und er genießt es sichtlich, daß der Kollege vom "Corriere della Sera" die Fragen einer portugiesischen Journalistin aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt. Gschwendtner wird nicht müde, das Bild zu zerstreuen, es handle sich bei Marktl um tiefe Provinz.

Ein Mitbringsel aus Marktl

Eine Sondersitzung des Gemeinderates hat soeben versucht zu klären, wie und mit wem man am Sonntag zur Inthronisationsmesse auf den Petersplatz kommen könnte. Zum Glück habe er im Vatikan erreichen können, daß man den Marktlern Plätze reserviert. Das macht Eindruck. Nun müsse ein Geschenk organisiert werden, ein symbolisches, denn "eine Marktler Uhr oder ein Krügerl, das wäre unangemessen", sagt der Politiker. Auch müßten jetzt im Ort Tafeln aufgestellt werden, einen Platz oder eine Straße werde man nach dem Papst benennen. Und in noch fernerer Zukunft träumt Gschwendtner von einem Papst-Museum.

Das müßte dann wohl im Geburtshaus untergebracht werden, aber just dieses erweist sich als das potemkinsche Element in diesem glänzenden Szenario der Gemeindezukunft. Denn seit einigen Jahren ist das 1745 erbaute Haus in Privatbesitz und bewohnt, nachdem es lange Jahre leer stand und die Gemeinde versäumt hatte, es zu erwerben. Obendrein sagt man der Eigentümerin im Dorf esoterische Tendenzen nach. Einen Journalisten aus Peru habe sie am Dienstag eingelassen und ihm ein Gespräch gewährt, aber erfahren habe der auch nichts. Seitdem macht sie die Tür nicht mehr auf. "Wir sind eine finanzschwache Gemeinde", entschuldigt sich der Bürgermeister achselzuckend. Der Kauf könnte jetzt teuer werden.

Die Babysitterin von einst wohn nicht mehr hier

Nicht alle Marktler sind euphorisiert, manche warten auch ab, bis der Auflauf sich zerstreut hat. Ernst Selbertinger etwa wohnt in direkter Nachbarschaft zum päpstlichen Geburtshaus. Seine dreiundachtzigjährige Schwester, die nicht mehr hier lebt, hat es in der Region schon zu einiger Berühmtheit gebracht, weil sie als Mädchen auf die Ratzinger-Kinder aufgepaßt hat, darunter eben auch auf den kleinen Joseph, an den sie sich als ein stilles Kind erinnert.

Selbertinger, ein pensionierter Elektroingenieur, war vierzig Jahre im Kirchenchor engagiert, stand zwölf Jahre dem Sportverein vor. Als Kind sah er Hitler im offenen Wagen auf dem Weg nach Braunau, 1938 war das, der "Führer" war gen Wien unterwegs, zum "Anschluß". Kardinal Ratzinger konnte man immer wieder einmal in Marktl sehen, erzählt Selbertinger, aber meist sei der Gottesmann inkognito aufgetaucht, wenn er im benachbarten Altötting der Gnadenkapelle einen Besuch abstattete.

Routiniers auf dem Heimweg von der Schule

Man könnte mit Selbertinger ins Grübeln kommen, welche Wege der Weltgeschichte sich in diesem Raum kreuzen. Siebzehn Kilometer flußabwärts liegt der Geburtsort Hitlers. Sechzig Jahre nach Kriegsende kommt aus der unmittelbaren Nachbarschaft ein deutscher Papst. Aber ein Bewußtsein für Geschichte, das fehle den meisten Marktlern, klagt Ernst Selbertinger. Ebenso, wie sie es an Gestaltungswillen fehlen ließen. Daß ausgerechnet ein Sozialist den Ruhm einstreichen kann, wurmt den CSU-Mann. Aber auch dieser Wesenszug gehört dazu zu dieser Mentalität: den Dingen begeistert gegenüberstehen, sich dieses aber mit größter Begeisterung nicht anmerken zu lassen.

Vielleicht ist es aber auch an der Zeit, der Freude ausnahmsweise freien Lauf zu lassen. Die Kinder, die nicht, ohne Interviews zu geben, vom Schulhaus zum Mittagessen gelangen können, sind jedenfalls bestens im Bild. Man habe sich in der Schule mit der Frau Gruber in Religion und mit dem Pfarrer auf die Papstwahl vorbereitet. Die temperamentvolle Anna, die in die dritte Klasse geht, sagt wie ein Routinier: "Wir haben geglaubt, daß es der Ruini wird." Und ihr Schulfreund Marvin schildert seine Probleme, das Ereignis zu verarbeiten: "Ich konnte es einfach nicht glauben, daß er in Marktl geboren ist und daß er jetzt der Papst ist. Das ist einfach ein Wunder."

Quelle: F.A.Z., 22.04.2005, Nr. 93 / Seite 46
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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