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Mark Morrisroe in München Der Tod ist keine Travestie

 ·  Ein böser Zauberer im Reich des Begehrens: Die Villa Stuck in München zeigt das verstörende Werk des früh verstorbenen Fotografen Mark Morrisroe.

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© Mark Morrisroe Was ist echt, was ist inszeniert? Diese Grenze gab es für Mark Morrisroe nicht - „Untitled (Lynelle)“, um 1985

Wer in der neuen „Boston School“ der Fotografie nur eine Spielart des sozialen Dokumentarismus sieht, der verkennt zumindest das Werk Mark Morrisroes, das sich klaren Zuschreibungen weitgehend entzieht. Morrisroe, der 1989 mit nur dreißig Jahren an Aids starb, war besessen vom Selbstporträt. Er wollte mit der Kamera die eigene unklare und ungesicherte Identität erforschen und klären: Morrisroe war schwul und hielt sich nur mit Mühe in der Armuts-Bohème Bostons und New Yorks über Wasser, die freilich in diesen späten siebziger und frühen achtziger Jahren experimentierfreudig und voller künstlerischer Innovationslust war.

Auf drei Stockwerken der Villa Stuck kann man jetzt die Resultate dieser abgebrochenen Karriere - nicht nur Morrisroe, auch seine Galeristin und ein Nachlassverwalter starben früh - in all ihren Facetten studieren. Dabei erweisen sich die scheinbaren Schnappschüsse und der verstörende Schmutz ungeschönter Authentizität rasch als perfides Spiel mit dem Auge und der Phantasie des Betrachters. Morrisroe und seine Freunde verwandeln sich in Drag Queens, deren düsterer Glamour zwischen Verführung und Verfall schwankt. Die Geschlechteridentitäten verwischen schon, ehe der Gender-Diskurs zur akademischen Mode wurde. Männer und Frauen werden auf irritierende Weise sichtbar, wenn sie die Seite wechseln und jeweils die Position des anderen einnehmen. Noch das Natürlichste erscheint mit einem Mal künstlich. Morrisroe verhält sich wie ein trickreicher Semiotiker, wie ein böser Zauberer im Reich des Begehrens. Freilich wirkt er dabei nicht souverän. Man spürt die existentielle Not, den Drang, sich selbst auf dem Umweg über die Travestie, das vermutete Daseins-Repertoire des Anderen näher zu kommen.

Passionierter Lügner auf der vergeblichen Suche nach Identität

Morrisroe agiert vor und hinter der Kamera. Und natürlich im „dark room“, in dem er ein letztes Mal und oft auf recht harsche Weise durch Quetschen, Wischen, Verschmutzen auf die Entwicklung des Bildes einwirkt. Morrisroe bleibt noch in den privatesten Ambientes und in den heikelsten Situationen kunstfertig und geschichtsbewusst. Er erprobt in diesen zehn kurzen Jahren jagender Produktivität, am Ende unübersehbar schon im Bewusstsein der fortschreitenden Krankheit, diverse Medien. Vom Polaroid, das nicht Augenblicks-Notat bleibt, weil er es an den Rändern beschriftet und mit verschiedensten Zeichen kommentiert, bis zu wüsten Fotogrammen, mit denen er der Welt in ihren Formen und Farben auf den Grund geht, sie zerstückelt und neu zusammensetzt. Ambivalenz ist bei Morrisroe nicht nur ein psychischer und mentaler Zustand oder eine semantische Unentschiedenheit. Sie frisst sich in das Material. Am auffälligsten und eigensten vielleicht bei seinen „Sandwich-Prints“, die keine klare Sicht mehr bieten, weil sich auf ihnen zwei Negative überlagern. Diese Fotos, die eher Montagen oder Collagen sind, wirken plötzlich sehr piktorial, verrücken vertraute Szenerien im harmloseren Fall ins Träumerische, manchmal auch ins Surreale und Groteske, ja selbst ins Unheimliche und Gespenstische, wenn etwa ein Gesicht, dessen Konturen sich auflösen, im Wasser versinkt - oder sich aus ihm erhebt, je nach Sichtweise.

Morrisroe ist ein fallenreicher Fotograf: bei den Porträts und Akten, in den schrägen Stadtansichten und am deutlichsten vielleicht, wenn er Tiere transvestitisch in derangierte Nachtwesen oder, gleich aufgespießt, in pure „nature morte“ verwandelt. Bei Morrisroe, dem passionierten Lügner, der sich sein Leben so oft jeweils anders erzählt, bis sich auch seine engsten Freunde nicht mehr auskennen, diesem frenetischen Grenzgänger, der sich versteckt, wenn er sich bloßstellt, und sich versuchsweise zeigt, wenn alles wie endgültig verstellt oder zumindest entstellt wirkt, sind Authentizität und Inszenierung keine unbedingten Gegensätze mehr.

Immer geht es um Identität. Aber die ist, von Anfang an verloren, woanders, unerreichbar. Die Intimität, die sich auch der Armut und Enge der Wohnräume verdankt, kann ins Klaustrophobische umschlagen. Und die Suche nach Intensität, die Morrisroe im Leben wie in der Kunst umtreibt, ist immer schon vom Absturz bedroht. Früh bereits schoss ihn ein Freier nieder, so dass dieser Beau hinken musste wie ein verwachsener Teufel. Am Ende mischen sich in die Fotogramme die Röntgenaufnahmen seiner Hand, seiner Zähne, der zerfressenen Lunge als Todesboten. Alles ist authentisch und alles zugleich bis zur letzten Inszenierung.

Mark Morrisroe. In der Villa Stuck München. Bis zum 28. Mai. Der 512 Seiten umfassende Katalog kostet 45 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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