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Mario Vargas Llosa Wider die Herrschaft der Rampensäue

 ·  Unterhaltung und Zerstreuungslust: Mario Vargas Llosa beklagt in seinem neuen Buch vehement den Amüsierbetrieb der gegenwärtigen Kultur - und findet dafür nicht nur Beifall.

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Einen düsteren Befund hat der Schriftsteller Mario Vargas Llosa vorgelegt. Unsere Kultur sei im Verschwinden begriffen, sie gehe unter im Lärm von Frivolität, Gelächter und fortschreitender Banalisierung. „Die Zivilisation des Schauspiels“ heißt sein gut zweihundert Seiten starker Essay, der jetzt beim Madrider Verlag Alfaguara erschienen ist, und man darf das Schlüsselwort des spanischen Originaltitels - „La civilización del espectáculo“ - nicht durch den mit dem falschen Freund „Spektakel“ ersetzen, auch wenn der Begriff mitschwingt. „Espectáculo“ bedeutet völlig wertfrei Schauspiel, Vorstellung. Der Literaturnobelpreisträger benennt damit eine kulturelle Szenerie, die sich vom stillen Raum (dem Buch, der Reflexion, der Kunstbetrachtung in der Museumshalle) auf die Bretter der öffentlichen und um Öffentlichkeit buhlenden Darbietung verlegt hat. Gemeint sind also Bühne, Unterhaltungsshow, Videowand, Fernsehstudio und Youtube, Klatschen, die Herrschaft der Rampensau und das Bruhaha des zerstreuungslüsternen Publikums.

Um die wichtigste Produktinformation hinter uns zu bringen: Der Essay liest sich spannend und klar wie alles, was Vargas Llosa schreibt, und er lohnt sich auch für die, die anderer Meinung sind. Weil er so viele Themen berührt, lässt sich mit seiner Hilfe überall anknüpfen. Gegen einen gutgemeinten Multikulturalismus setzt der Autor die Idee des Kanons und der Wertehierarchie, also immer noch Shakespeare statt Eskimopoesie. Gegen die Sexualisierung des Alltags das Geheimnis der Erotik, das Spiel mit Verhüllungen und Tabus. Gegen ideologische Gängelung hier oder politische Korrektheit dort den Glauben an Demokratie und Gedankenfreiheit.

Sonne und Party

Das ist sein Fetisch, der höchste Wert von allen: Freiheit. Ihr schönster Ausdruck ist für Vargas Llosa die Freiheit des Romanautors, ein Reich des Imaginären zu bauen. Dort ist der Kritiker Vargas Llosa wie ein genießendes Kind, neugierig, großzügig, unersättlich. Und da er mit den Großtaten der literarischen Moderne aufgewachsen ist, mit Proust, Kafka und Joyce, da er selbst mitgeholfen hat, seinen Heimatkontinent im Boom der lateinamerikanischen Phantasie auf die weltliterarische Karte zu setzen, stammen von dort seine ästhetischen Maßstäbe: Bücher dürfen, ja sollen etwas fordern, sie können anstrengend, wild und voller dunkler Zonen sein. Doch ebendiese Chiffrierung, schreibt Vargas Llosa, werde heute nicht mehr ertragen. Nicht vom Publikum, das etwas Leichteres lesen wolle; und nicht von den Schriftstellern, die mit zugänglichen, planen Werken kommerziellen Erfolg suchten.

Natürlich kennen wir das von ihm, aber es schadet nicht, es im Zusammenhang zu lesen und den Bogen sich weiten zu sehen. Kapitalismus sei gut, sagt Vargas Llosa zum Beispiel, müsse aber gezügelt und kontrolliert werden. (Nach dem ethischen Fundament der Sache halten wir nicht erst seit der Finanzkrise Ausschau.) Ein laizistischer Staat, so Vargas Llosa weiter, sei der einzige Garant für die Freiheit des Einzelnen, doch eine völlig entspiritualisierte Welt tauge auch nicht: Frei ausgeübte Religion mache die Welt besser und gebe ihr ein zivilisatorisches Plus. Deshalb hat Vargas Llosa schon vor zehn Jahren dem Kopftuchverbot in Frankreich applaudiert, als Geste eines Staates, der unter seinen Bürgern weder Selbstabschottung noch Enklaven dulden wollte. Andererseits hieß er in einem Zeitungsartikel letztes Jahr, beim Weltjugendtag in Madrid, Papst Benedikt XVI. willkommen - vielleicht auch deshalb, weil die spanische Linke angebliche Privilegien der katholischen Kirche kritisiert hatte - und feierte die „Spiritualität“ des Ereignisses, ohne zu erkennen, dass es den jungen Gläubigen vermutlich auch um Sonne und Party ging.

Ein Kind seiner Generation

Es ist erfrischend, das alles zu lesen, und wäre es nur wegen des Werdegangs des Autors. Geboren in Peru, einem Land der Peripherie, das im geistigen Selbstgespräch des Abendlandes noch nie etwas zählte, hat sich Vargas Llosa selbst zum liberalen Kosmopoliten ausgebildet. Er hat in Frankreich, England, Spanien und den Vereinigten Staaten gelebt, er unterhält Wohnungen in Lima und Madrid, lehrt in New York und reist für Buchrecherchen zu Bibliotheken und Archiven auf mehreren Kontinenten. In seinen zweimal monatlich erscheinenden Essays in „El País“ (von denen er einige im Buch abdruckt, um die Kontinuität seines Denkens zu belegen) kommentiert er so ziemlich alles zwischen Nahost-Konflikt, Stierkampf und Stieg Larssons „Millennium-Trilogie“. Suchte man einen Intellektuellen, der sich für alles interessiert und auch mit sechsundsiebzig Jahren noch lernbereit ist, man fände kaum einen geeigneteren Kandidaten als Vargas Llosa.

Aber er ist auch ein Kind seiner Generation, und die Bildfixierung der Gegenwart scheint ihn ebenso ins Abseits gedrängt zu haben wie die Beschleunigungskraft von Twitter und Facebook. Es trifft ja zu, dass „Literatur light“ die Szene beherrscht, wie er beklagt, dass sie sich in den Medien und bei den Kritikern ausbreitet als Literaturersatz. „Unterhaltsamkeit“ gilt inzwischen als ästhetisches Kriterium. Früher, als er jung war, wären in intellektuellen Debatten nicht Bestsellerautoren zu Wort gekommen, sondern nur ernsthafte Literaten. Leute wie er, könnte man ergänzen.

Der letzte Mohikaner?

Doch ebenso gilt: Vargas Llosa kann manche Zeichen der Gegenwart nicht mehr gleichmütig interpretieren. Man muss die Kunst von Damien Hirst nicht mögen, aber dass seine Werke Phantasiepreise erzielen, sagt weniger über unseren Kunstverstand, wie Vargas Llosa zu glauben scheint, als über den Markt. Auch ein Promi-Phänomen wie Carla Bruni ist nicht so speziell, wie der Autor uns weismachen will, und ob die Politiker früher wirklich ehrlicher und besser waren als heute? Sie sind vor allem schon länger tot, und wahrscheinlich wissen wir über sie weniger als über die rundherum durchleuchteten Politikknechte von heute.

Mario Vargas Llosa möchte weder als meckernder Alter noch als kulturkritischer Mahner mit universalem Anspruch gesehen werden. Doch etwas Ähnliches ist ihm nach der Veröffentlichung des Buches in der spanischsprachigen Presse widerfahren. Ángel Sánchez Harguindey, Blogger und ehemaliger Kulturchef von „El País“, erlaubte sich die boshafte Bemerkung: Wenn heute der Markt unseren Begriff von Kultur beherrsche, dann sei das doch genau das, wofür sich wirtschaftsliberale Intellektuelle wie Vargas Llosa immer eingesetzt hätten. Pilar Rahola, Kolumnistin des katalanischen Blatts „La Vanguardia“, sieht in dem Buch vor allem „intellektuelles Gejammer“, das sie persönlich an „die ewige Rede des älteren Mannes am Ende seiner Tage“ erinnere. Aber sie verzeihe Vargas Llosa wegen seiner Romane, so wie sie um der Bücher willen auch die Meinungen von José Saramago ertragen habe.

Der witzigste Kommentar stammt aus der Feder des mexikanischen Schriftstellers Jorge Volpi. Darin erscheint Vargas Llosa als letzter Mohikaner, der nach der Schicksalsschlacht das verwüstete Dorf mit seinen noch glimmenden Resten durchschreitet, getroffen vom Verlust so vieler Güter, und sich nicht nur als Überlebenden, sondern Überlebten empfindet. „Seine Wehmut verhindert“, schreibt Volpi, „sich daran zu erinnern, dass es vor nicht so langer Zeit seine eigenen Schreie waren, die zur Schlacht riefen.“ Tatsächlich steuert der Nobelpreisträger seine Argumente ziemlich gewagt durch die Klippen der Denksysteme und verliert dabei manchmal seine eigene Rolle aus den Augen. Denn auch er ist ein Repräsentant erfolgreicher, populärer Kultur, die die modernistischen Meister beerbt hat und nun ihrerseits von Jüngeren bedrängt wird. Mag jeder Leser seines Essays selbst sagen, worauf es ihm ankommt: dass der mutige Autor am Ende den Hafen erreicht - oder dass sein Boot ein paar Schrammen davonträgt.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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