Marcel Duchamp reiste im Sommer 1912 nach München. Er brauchte Abstand zu Paris, wo er gerade nicht recht wusste, wie es weitergehen sollte mit der Kunst, mit der Liebe und mit den Künstlerfreunden. Der Salon des Indépendants hatte seinen „Akt, die Treppe hinabsteigend Nr. 2“ abgelehnt, weil engstirnige Hardliner-Kubisten um Albert Gleizes und Metzinger die Bedeutung dieses Schlüsselwerks verkannten, das den Kubismus um das Motiv der Bewegung erweitert. Duchamp holte sein Bild ab und stieg in den Zug. In München lebte ein Freund, Duchamp nannte ihn nach seinem Hauptmotiv den „Kuhmaler“, richtig hieß er Max Bergmann. Man kannte sich seit Bergmanns Aufenthalt in der Kunstmetropole Paris, der zwar an dessen Malerei bemerkenswert spurlos vorüberging, dafür aber amüsierten sich die beiden Jungkünstler prächtig mit gemeinsamen Zügen durch Pariser Nächte und erotischen Eskapaden. Bergmann hatte seinen Pariser Copain aufgefordert, ihn zu besuchen, und beherbergte ihn für ein paar Tage.
Dass Duchamp je in München weilte, ist wenig bekannt. Beträchtlich war dabei der Einfluss dieses Aufenthalts auf sein OEuvre, das wie kein anderes im zwanzigsten Jahrhundert die Vorstellung von Kunst veränderte: Als Wegbereiter der Konzeptkunst, die die Idee über die Ausführung stellt, auch mit der Erfindung des Readymade, einem vom Künstler zum Kunstwerk erklärten und als solches ausgestellten Alltagsgegenstand - Stichwort Flaschentrockner -, läutete Duchamp ein neues Kunstzeitalter ein.
Die Forschung rätselt noch immer
Drei Monate blieb der fünfundzwanzigjährige noch vollkommen Unbekannte in der Stadt und war produktiv wie selten: Zwei Ölbilder entstehen und vier Zeichnungen, darunter erste Vorarbeiten zum „Großen Glas“, seinem späteren Hauptwerk. Was aber geschah, dass Duchamp später bekannte: „In München erlebte ich meine totale Befreiung“? Der geschickte Selbstinszenierer zog einen Vorhang vor diese Zeit, behauptete, er habe mit keiner Menschenseele geredet, im Hotel logiert und täglich die Alte Pinakothek besucht, wo ihn der ältere Lucas Cranach faszinierte. Zweifellos betrieb er die taktische Verdunklung im Dienst der Imagepflege, denn je tiefer das Dunkel um die Quellen, desto überraschender die Wirkung des Produkts.
Das hundertjährige Jubiläum von Duchamps Aufenthalt feiert München mit gleich zwei außerordentlichen Projekten. Das Lenbachhaus hat Duchamps sämtliche Münchner Werke erstmals an ihren Ursprungsort zurückgeholt und setzt sie in einer inhaltssatten, dabei trotzdem übersichtlichen Schau in Beziehung zum Vorher und den Folgen. Sogar besagter fabulöser Treppenabstiegs-Akt ist angereist aus dem Philadelphia Museum of Art, und die Londoner Tate schickt Richard Hamiltons Rekonstruktion des früh gebrochenen „Großen Glases“. Duchamps Münchner Werke zählen zu seinen rätselhaftesten überhaupt, noch immer beißt sich die Forschung an ihnen die Zähne aus.
Die Schau lässt Bilder und Anekdotisches sprechen und verstaut die Diskurse namhafter Duchamp-Experten im äußerst lesenswerten Katalog. Der beweist, wie gut Duchamp dichtgehalten hat: Kaum eine der überzeugend anmutenden Thesen ist durch Fakten beweisbar. Da war die Sache mit Gabrielle. Stets behielt Duchamp seinen Ausflug von München nach Andelot im französischen Jura für sich: tausend Kilometer Zugfahrt nur für ein paar Stunden im Bahnhofswartesaal neben Gabrielle Buffet-Picabia. Wahnsinnig verliebt war er in die Frau seines Freundes Francis Picabia, die die Episode als alte Dame preisgebend schrieb: „Es war äußerst unmenschlich, neben jemandem zu sitzen, von dem du spürst, dass er dich so sehr begehrt, und dabei nicht einmal berührt zu werden.“
Die frustrierende Situation steckt in seiner Skizze „Mechanismus der Scham“, auf der zwei roboterhafte Machos eine „Frau“ mit spitzen Pfeilen beschießen. Während der Kunsthistoriker Herbert Molderings die Szene ikonographisch von Werken Hans von Marees’ zum Thema Dreiecksbeziehung ableitet, schlägt Thomas Girst in dieser Ausstellung Adolf Münzers Bild zweier mit Degen um eine Frau herum hantierender „Rivalen“ als Verbindung vor. Aber sah Duchamp die 1912 in München gut zugänglichen Werke überhaupt, und wie kommen plötzlich Mechanik, Maschinen und technoide Phantasien ins Spiel, die dann auch das „Große Glas“ durchsetzen, das richtig „Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar“ heißt und auf erotische Geschlechterbeziehung anspielt?
Die Wiege der Konzeptkunst ist zehn Quadratmeter groß
Ganz eigene Thesen vertritt Rudolf Herz, der Schöpfer des zweiten Jubiläumsprojekts. Duchamps „Mystère de Munich“ beschäftigt den 1954 geborenen Münchner Künstler, seit er vor Jahren auf das Fotoporträt des jungen Franzosen von Heinrich Hoffmann stieß (später bekannt als Hitlers „Hoffotograf“). Als Guillaume Apollinaire ein Bild für sein Buch „Les peintres cubistes“ erbat, marschierte Duchamp geschmeichelt um die Ecke ins nächstgelegene Fotoatelier. Rudolf Herz frappierte der um totale Neutralität bemühte Ausdruck des schmalen Gesichts, dessen seltsam strenge Frontalansicht ihn an Dürers Selbstporträt in der Alte Pinakothek erinnerte. Wollte hier jemand selbstbewusst andeuten, dass er sich, wie einst der junge Dürer, als Speerspitze einer neuen Kunst empfand?
Rudolf Herz’ kriminalistische Spurensuche brachte Neuentdeckungen und gipfelt in seinem Kunstprojekt: Er nennt es eine „gebaute These“. Aber der Reihe nach. Seit Auffindung des Meldebogens war bekannt, dass Duchamp keineswegs im Hotel wohnte, sondern in der Barerstraße 65, im zweiten Stock links bei Ingenieur August Gress - nur wenige Schritte von der Alten Pinakothek entfernt. Das Haus wurde im Krieg zerstört, aber Herz fand alte Pläne; sie zeigen die Gründerzeitfassade und sogar den Grundriss der Wohnung im zweiten Stock: Über einen winzigen Flur erreichte man Küche und Bad; neben einer Vorratskammer und einem Alkoven lag ein größeres Zimmer, das wohl Ehepaar Gress bewohnte. Bleibt für den Untermieter ein zehn Quadratmeter großer Raum mit Fenster zur Straße. Herz förderte sogar die Zeitungsannonce für das „schön möblierte Zimmer“ zutage, in dem er die Wiege der Konzeptkunst vermutet.
Von mechanischen und organischen Elementen
Ihm gelang die Rekonstruktion der Biographie von Gress. Danach entwickelte dieser junge Techniker Dampfmaschinen und Turbinen und fertigte soeben für unterschiedliche Auftraggeber technische Zeichnungen. Im Szenario von Herz fließen künstlerische Imagination und historische Rekonstruktion zusammen: August Gress könnte Duchamps plötzliches Interesse an Motoren und Mechanik, Dampf und Wasser inspiriert haben. Sicherlich plauderte man gelegentlich, zumal man das gleiche Alter hatte und der Franzose gut Deutsch sprach.
Möglicherweise lagen Skizzen und Schaltpläne in der Wohnung herum. Oder war es reiner Zufall, dass Duchamp ausgerechnet im Nebenzimmer eines Technikers ein „Aéroplane“ zeichnet und das Gemälde „Der Übergang von der Jungfrau zur Braut, 1912“ entsteht, dem er mechanische und organische Elemente ins in Cranach-Farben gehaltene Innenleben stellt? War es Gress, der seinem Mieter die Technikwunderwelt des neuen Deutschen Museums voller tollster Modelle und Versuchsanordnungen empfahl, wo die Forschung ein Dorado für den Vorreiter alltagsgenerierter Kunst vermutet? Ein Weiteres dürfte die Bayerische Gewerbeschau geboten haben: Dienten die dort aufgesockelten Gegenstände des täglichen Gebrauchs als Ideenzünder fürs Readymade?
Ein gigantisches Denkmal
Duchamp will die berühmte Kunststadt München kennenlernen und entdeckt die Stadt der Technik. Obwohl ihn der erste Almanach des Blauen Reiters erwähnt und er auch ein paar Seiten „Über das Geistige in der Kunst“ las, trifft er Kandinsky damals nicht, der im Sommer 1912 ständig auf Reisen ist. Eine folgenreiche Gewissheit reift an der Isar: Beim Besuch der Pariser Luftfahrtausstellung im Herbst desselben Jahres sagt Duchamp zum Künstlerkollegen Brancusi: „Die Malerei ist am Ende. Wer kann etwas Besseres machen als diesen Propeller? Können Sie es?“, und versachlicht seine Darstellungen in der Art der technischen Zeichnung.
Rudolf Herz setzt Duchamps „Mystère de Munich“, der Entstehung der Konzeptkunst, ein gigantisches Denkmal: Im Maßstab eins zu eins baut er die Wohnung von Ingenieur Gress nach und installiert sie, um neunzig Grad gekippt, als Skulptur. Oder als eine Bühne, die jeder mit seinem Wissen und seiner Phantasie füllen kann - links oben findet er das Zimmer von Monsieur Duchamp. Am 21. Juni, auf den Tag genau hundert Jahre nach Duchamps Ankunft in München, wird Rudolf Herz die Wohnungsskulptur in Kooperation mit dem Architekturmuseum München vor der Alten Pinakothek an der Barerstraße zeigen. Seine kriminalistische Recherche schildert er in einem wunderbar illustrierten Band, der im Moser Verlag München erscheint.