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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Marbacher Reform Das soll eine schwäbische Abstimmungsschlacht sein?

 ·  Viel Lärm um nichts oder die Abwendung des Desasters in letzter Sekunde? Das Literaturarchiv Marbach ändert seine Satzung und beendet vorerst den Streit. Die bürgerliche Vernunft hat gesiegt.

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© picture alliance / dpa Geschickter Regisseur der Marbacher Reformagenda: Direktor Ulrich Raulff

Am Tag der Entscheidung flaniert Christoph Ransmayr in der schönsten Mittagssonne über die Schillerhöhe. Der österreichische Schriftsteller, der am Abend, wenn alles vorüber ist, aus seinem noch unveröffentlichten neuen Roman lesen wird, ist zum ersten Mal hier. Er blickt auf Schillers Denkmal, auf das strahlend weiß daliegende Schiller-Nationalmuseum, auf die grauen Archivgebäude aus den siebziger Jahren und das noch junge Literaturmuseum der Moderne.

Dass hier gleich eine erbitterte Auseinandersetzung stattfinden soll, wundert ihn. „Worüber wird denn überhaupt gestritten? In Österreich gibt es nichts, was sich auch nur im Entferntesten mit Marbach vergleichen ließe“, sagt Ransmayr und fragt feixend, wie heftig die Auseinandersetzung denn werden könne: „Wird es laut werden? Wird es Geschrei geben? Vielleicht sogar Ohrfeigen?“ Da schleicht sich ein kleines maliziöses Lächeln in die Mundwinkel des Marbacher Mitarbeiters, der den Schriftsteller begleitet. Alles sei offen, nichts könne man ausschließen.

Die glänzende Arbeit interessiert die Gegner nicht

Eine knappe Stunde später hat Seine Königliche Hoheit, Carl Herzog von Württemberg, in der ersten Reihe der Mitgliederversammlung der Deutschen Schillergesellschaft Platz genommen, eine fleischgewordene Ermahnung, die Formen zu wahren. Neben dem Herzog sitzt ein Mitglied des Gemeinderats von Schwieberdingen, dessen Ahnenreihe im Jahr 1208 beginnt. Es ist Karl Magnus Graf Leutrum von Ertingen. Die beiden Herren sind gekommen, um der Schillerhöhe in einer schweren Stunde beizustehen. Draußen eilt der Berliner Verleger Klaus Wagenbach mit wehendem rotem Schal heran, Michael Klett ist da und Thedel von Wallmoden, und aus Frankfurt sind Monika Schöller, die Verlegerin des S. Fischer Verlages, und ihr Kollege Vittorio Klostermann angereist. Sie alle sind Mitglieder eines eingetragenen Vereins, dessen Ursprünge auf das Jahr 1835 zurückgehen und der sich nun erstmals seit vier Jahrzehnten eine neue Satzung geben soll. Eine Vereinsquerele also. Nichts weiter?

“Diese Anstalt ist in Not gekommen“: Mit diesen Worten hatte an einem Märztag vor 85 Jahren Theodor Heuss im Deutschen Reichstag erklärt und den „Herrn Reichsinnenminister“ um einen regelmäßigen Reichszuschuss für Marbach gebeten. Das Geld für den 1903 eröffneten Museumsbau stammte zu neunzig Prozent aus privater Hand. Daher rührte und rührt noch heute der schwäbische Bürgerstolz. Jetzt aber soll die Bürgerhand loslassen, was sie einst geschaffen hat und noch immer kontrollieren kann, obwohl längst 95 Prozent der Finanzmittel vom Land und dem Bund stammen. Dass der Wissenschaftsrat dem Marbacher Direktor Ulrich Raulff und allen Mitarbeitern glänzende Arbeit bescheinigt hat und die Reform dringend fordert, stößt bei der Gegenseite bislang auf taube Ohren.

Ein zutiefst überraschendes Ergebnis

In den letzten Tagen vor der Abstimmung herrschten wahlkampfähnliche Zustände. Mobilmachung. Jede Stimme zählt. Militärische Metaphern schwirrten durch den Raum, wenn abschätzig von den „beschränkten Kriegszielen“ der Reformgegner die Rede war oder anklagend vom „Kasinoton“, der Einzug ins Archiv gehalten habe. Mehrere Jahre währt der Streit nun schon. Die Atmosphäre ist aufgeheizt, persönliche Animositäten haben sachliche Gespräche erschwert. Raulff verhehlt nicht, dass er mit geringem Optimismus in die Abstimmungsschlacht zieht.

In normalen Zeiten zählt eine Mitgliederversammlung in Marbach achtzig bis einhundert Köpfe, selten mehr. Manchmal kamen bis zu fünfzig Prozent der abgegebenen Stimmen von jenen Mitarbeitern des Archivs, die zugleich Mitglieder der Schiller-Gesellschaft waren. Etliche Reformgegner stammen aus dem Archiv selbst oder sind ehemalige Mitarbeiter, die ihr Lebenswerk gefährdet glauben. Michael Klett versteht den Streit deshalb nicht zuletzt als eine „Besitzstandswahrungsgeschichte“. Jetzt füllen etwa dreihundert Personen den Saal. Drei Stunden später dürfte kaum jemand darunter sein, der vom Ergebnis nicht zutiefst überrascht wäre: sieben Neinstimmen, 281 Jastimmen, sechs Enthaltungen - die heiß umkämpfte neue Satzung ist angenommen. Manfred Erhardt, der Präsident der Schiller-Gesellschaft, wird später sagen, es habe eine offene Diskussion gegeben, aber das grenzt an Geschichtsklitterung.

Im Notfall das Wort ergreifen

Tatsächlich bestand die nichtöffentliche Mitgliederversammlung nicht aus dem erwarteten Schlagabtausch, sondern aus einer Abfolge von klug argumentierenden Bitten um Zustimmung für eine überfällige Reform, die nicht alte Rechte verletzen, sondern neue Möglichkeiten eröffnen soll. Drei Moderatoren, Karin von Welck, Wolfgang Riedel und Janbernd Oebbecke, hatten in den Wochen zuvor mühselige Überzeugungsarbeit geleistet. In Diskussionsrunden und zahlreichen Gesprächen mit Reformgegnern hatten sie für die Satzungsänderung geworben, Missverständnisse ausgeräumt, Vertrauen aufgebaut. Die Vertreter des Landes und des Bundes taten alles Erdenkliche, um den Eindruck zu vermeiden, die Politik wolle den Bürgerverein gängeln oder gar eine Drohkulisse errichten. War am Ende alles nur ein „Kommunikationsproblem“, wie nun viele sagen?

Michael Klett spricht vom Erfolg einer „geschickten, wenn auch ein wenig manipulativen Regie“ und fühlt sich an die Parteitage der CDU unter Helmut Kohl erinnert. Erwin Teufel, ehemaliger Ministerpräsident und Ehrenmitglied der Schiller-Gesellschaft, stand nicht auf der Rednerliste, hatte sich aber vorgenommen, im Notfall das Wort zu ergreifen: „Ich bin gekommen, um zu zeigen, dass ich hinter der Reform stehe. Man kann die Zukunft des Archivs nicht gegen die beiden großen Geldgeber bauen.“ Ein Satz, der aus dem Wortschatz jener bürgerlichen Vernunft schöpft, die am Ende in Marbach stärker war als verletzter Bürgerstolz.

Als der Tag vorüber ist, verrät Christoph Ransmayr, dass er sämtliche Vorarbeiten zu seinen Büchern systematisch vernichtet: „Bei mir bleibt nur das Buch.“ Was an diesem Tag geschehen ist, betrachte er wie die „Rituale einer fremden Religion“.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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