Man trifft sich in Mantua aus Gewohnheit auf den Stufen der Basilika Sant’Andrea. In der Kunstgeschichte gilt die Kirche als Meisterwerk des Architekten Leon Battista Alberti und als Durchbruch der Renaissance in der Baukunst, aber es ist auch ein guter Ort, um sich zu verabreden.
Die Kirche liegt in der Mitte der Stadt, und von hier aus kann man alles schnell erreichen, einfach ums Eck, am Haus der Tuchhändler vorbei, einem phantastisch verzierten Bürgerhaus der Renaissance, auf den Corso Umberto 1., wo man sieht und gesehen wird.
Hinter dem Haus der Tuchhändler steht ein alter Geschlechterturm. Als gestern zwei Erdstöße Mantua erreichten, einer um 9 Uhr und ein weiterer um 13 Uhr, ist die Aussenwand des Turms von oben bis unten aufgerissen. Er hat über 600 Jahre gehalten. Sollte noch ein Erdstoß kommen, könnte er leicht fallen, hinunter auf die Piazza Mantegna, und jene erschlagen, die es wagen, heute auf einen Sprizz in die Bar Venezia gehen, oder die Schulkinder, die hier normalerweise entlangradeln, oder wer sonst wie gewohnt diese Lebensader der Stadt begehen möchte.
Deshalb sind die Straßen gesperrt. Das Leben in Mantua hängt davon ab, ob der Turm steht oder fällt.
Die Bewohner von Mantua sind stolz auf ihre kleine Stadt, die es auf die Liste des Weltkulturerbes geschafft hat. Verona ist größer, Florenz berühmter und Rom einzigartig, aber Mantua hatte das Glück, in der Phase zwischen später Gotik und frühem Barock ein besonderer Ort zu sein: Hier ist eine Ansammlung der Hauptwerke der Renaissance in wenigen Minuten zu erreichen. Die Stadt hat die Sensationen der Kunstgeschichte ohne den üblichen Trubel, es ist schön, lebenswert und unaufgeregt. Die Bewohner haben die Aufnahme in die Liste mit einer Tafel am Rathausturm gefeiert.
Davor stehen heute nicht mehr die Stühle des Restaurants, und morgen auch nicht die Stände des Wochenmarktes. Dort steht ein Baufahrzeug mit Kran. Auch dieser Turm, der zur Stadtverteidigung angelegt wurde, hat das Erdbeben nicht ohne Schaden überstanden. Teile sind schon abgebrochen, noch eine Erschütterung, und er droht einzustürzen. Vielleicht, wenn die nächsten Stöße nicht zu schlimm werden, reicht der Kran, um ihn zu stabilisieren. Der Turm ist recht hoch; je nachdem, wohin er fällt, kann es schlimm ausgehen.
Die Laterne auf dem Glockenturm von Santa Barbara ist um 13 Uhr heruntergefallen. Santa Barbara ist die Hofkapelle der Gonzaga; der Campanile ist zusammen mit dem Turm des Rathauses ein Teil der Silhouette der Stadt. Zum Glück sind die Trümmer auf den Hof gestürzt, und nicht in die Richtung der Gebäude. Trotzdem hat die Kuppel der Kirche, in der viele Gonzaga ihre letzte Ruhe zu finden gedachten, schwere Schäden davongetragen. Es ist ein sehr leichtes, delikates Gebäude, das Hauptwerk des Architekten Giovan Battista Bertani. Letzte Woche fand dort ein Benefizkonzert zugunsten der Erdbebenopfer in Japan statt.
Der Palazzo Ducale hat wenig von der Leichtigkeit, die man von einem Palast erwarten würde. Die Gonzaga waren eine kriegerische Familie und nicht immer auf Seiten der Gewinner in den Konflikten um Oberitalien.
Folglich ist der Palazzo Ducale im Kern eine massive, damals hochmoderne Wasserburg am Rande der Altstadt, an die über die Jahrhunderte immer wieder angestückelt wurde. 500 Räume sind es letztlich geworden. Beim Rundgang kann man gleich drei Hauptwerke der Renaissance betrachten: Das höfische Reiterturnier von Pisanello, die Camera degli Sposi von Andrea Mantegna mit dem berühmten Gruppenportrait der Gonzaga, und die Fresken von Giulio Romano, allesamt mit profanen Inhalten, ganz ohne Religion und Glaube, und alle erzählen sie von den Freuden des Lebens.
Jetzt ist der Palazzo Ducale wie alle anderen Museen geschlossen, zur Schadensanalyse. Die Camera degli Sposi scheint das Unglück unbeschadet überstanden zu haben, aber andere Räume wurden im Mitleidenschaft gezogen. Es sind 500 Räume, nicht alle sind so gut restauriert wie die berühmtesten Zimmer. Bis man weiss, was wirklich an Problemen aufgetreten ist, wird es dauern.
Das Beben hat Risse in den Mauern der Wasserburg hinterlassen, die die Bombardierung durch die Franzosen unter Napoleon unbeeindruckt gelassen hat; man mag sich überlegen, was das für 500 Jahre alte, bemalte Holzdecken bedeuten kann. Nach dem ersten Beben vom 20. Mai hatte der Palazzo gerade erst wieder eröffnet; wie lange er jetzt geschlossen sein wird, ist unklar. Die Risse im massiv gebauten Erdgeschoss jedoch sind bedenklich.
Auch am Palazzo del Te, dem nach 1520 von Giulio Romano erbauten Lustschloss der Gonzaga, sind Schäden an den berühmten Fresken entstanden. Der Saal mit dem Sturz der Giganten, die von fallenden Trümmern zerdrückt werden, ist zwar davongekommen, aber im gegenüberliegenden Saal mit dem Freskenzyklus von Amor und Psyche sind die ohnehin schon vorhandenen Risse deutlich größer geworden. Auch hier ist das Ausmaß der Gesamtschäden in dem weiträumigen Komplex noch unklar.
Die Nachbeben in der Region erreichten in der Nacht nur noch eine Stärke von 3,8. Ob das Hauptwerk von Giulio Romano und Vorbild der Schloßarchitektur in Mitteleuropa weitere Schäden davontragen wird, ob all die feiernden Faune und Nymphen in den teilweise recht maroden Grotten weiter zechen und tanzen werden, ob die Anlage das Unglück übersteht, wie sie sogar 1630 die Plünderung durch Landsknechte überstand, hängt von den nächsten Erschütterungen ab. Die Erde kommt einfach nicht zur Ruhe.
Nicht alle Monumente sind beschädigt: Die Basilika Sant’Andrea von Alberti scheint mit ihrem nach römischen Vorbildern entworfenen Tonnengewölbe das Beben gut überstanden zu haben. Die Kirche wird im Innneren gerade nach Jahrzehnten der Verschmutzung komplett restauriert. Offensichtlich wird der Baumeister hier nach 500 Jahren seinem Ruf als vorzüglicher Statiker und Bauingenieur gerecht.
Das Leben in der Altstadt ist dennoch zum Erliegen gekommen, Plätze, Straßen und Durchgänge sind mit Bändern gesperrt, öffentliche Veranstaltungen sind abgesagt, und die Menschen haben andere Sorgen.
In vielen Privathäusern und weniger bekannten Kirchen sind weitere Schäden aufgetreten. Die betroffenen Sehenswürdigkeiten bleiben Gefahrenquellen, und noch kann niemand sagen, ob all die erschütterten Gebäude von Mantua bis hinunter zu den Epizentren, die Landhäuser, Kirchen, Klöster und Bauernhöfe am Po, das Schlimmste hinter sich haben.
Schon am 20. Mai dachte man, die Katastrophe wäre vorbei, die Schäden wurden beseitigt und die Museen wieder eröffnet. Das gestrige Beben war schwächer, und dennoch schlimmer. Und was immer jetzt noch kommen mag, trifft auf eine Region, die wie der Turm an der Piazza Mantegna deutlich angeschlagen ist.
Rainer Meyer ist unter dem Namen Don Alphonso einer der bekanntesten deutschen Blogger.