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Ein gesamtdeutscher Star

Von REGINA MÖNCH

27. Oktober 2016 · Unbestechlich, heiter: Zum Tode des Schauspielers, Sängers und Autors Manfred Krug

In der DDR war Manfred Krug ein Star, obwohl eine solche Zuschreibung im Staat der verordneten Gleichheit eigentlich ein Paradox ist und obwohl eine seiner Paraderollen, der anarchische Brigadier Balla aus „Spur der Steine“, lange nur wenigen bekannt gewesen sein dürfte – der Film war 1966, nach dem berüchtigten 11. Plenum des Zentralkomitees der SED, nur drei Tage in wenigen Kinos gezeigt und dann verboten worden.

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© alleskino Brigadier Balla aus „Spur der Steine“

Noch weniger bekannt war sein Film „Der Kinnhaken“, einer von dreien, den die Defa im ersten Jahr nach dem Mauerbau produzierte und den das Publikum, wie die anderen zwei auch, ablehnte, wohl auch, weil es wenig Lust auf „Vorwärtsweisendes“ im nun hermetisch abgeriegelten Land hatte, nicht einmal dann, wenn es mit der heiteren Leichtigkeit daher kam, die dieser Schauspieler wie kaum ein anderer beherrschte.

Manfred Krug war nicht nur ein Volksschauspieler von besonderen Gnaden, sondern auch Jazz- und Chansonsänger; seine Schallplatten hatten Kultstatus. Einige Jahre war er der Rauschgifthändler Sporting Life in Felsensteins „Porgy and Bess“-Inszenierung in der Komischen Oper in Ost-Berlin. Kurzum: Eigentlich kannte ihn jeder. Hinter der Mauer.

  • © Picture-Alliance Hinter der Mauer kannte ihn jeder: Als Rauschgifthändler in einer Ost-Berliner „Porgy und Bess“-Inszenierung
  • © Picture-Alliance Bei einem Auftritt im Rahmen der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in Ost-Berlin
  • © Picture-Alliance Krug war auch Musiker: Im Jahr 1965 mit der Gruppe „Jazz-Optimisten“ bei einem Auftritt in der Kongresshalle am Alexanderplatz, Ost-Berlin
  • © Picture-Alliance Im Westen konnte er an die Musikerkarreire nicht ganz anknüpfen. Er versuchte es dennoch: 1979 in Hamburg mit seiner Schallplatte "Da bist du ja"

Dann kam der Bruch. 1976 war Wolf Biermann ausgebürgert worden, auf eine schändliche Art. Manfred Krug hatte den Protest der Künstler dagegen unterschrieben, gemeinsam mit Schauspielern, Schriftstellern, Regisseuren. Manche zogen später, unter dem Druck schlimmer Repressalien, die auch ganze Familien in Mithaftung nahmen, ihre Unterschrift zurück. Wer in der SED war, wurde rausgeschmissen; auch die Künstlerverbände säuberten ihre Reihen, was in vielen Fällen Berufsverbot hieß. Im Zuge der Biermann-Affäre, wie man sie künftig nennen sollte, verlor die DDR die Elite ihrer Künstler.

Nicht jeden, schon gar nicht den Publikumsliebling Manfred Krug, wollte man ziehen lassen; man hoffte, er würde seine Privilegien, die er zweifellos genoss, höher schätzen als ein freies Leben ohne Kompromisse. Aber man hatte sich gerade im impulsiven Manfred Krug schwer verschätzt. In seiner Autobiographie „Abgehauen“ (1996), auch ein Bestseller, beschreibt Krug mit sarkastischem Witz das Bemühen der Funktionäre um ihn: „Die Partei hat uns ein ganzes Leben lang erzogen und muss nun sehen, dass wir missraten sind. Immer mehr Missratene kommen zum Vorschein.“

© DPA Manfred Krug stellt neben seinem Verleger Jürgen Kreuzhage auf der Leipziger Buchmesse 1997 sein Buch „Abgehauen“ vor. Darin beschreibt er sein Leben in der DDR bis zur Ausreise 1977.

Als klar ist, dass er gehen wird, dass er nur noch Bürger auf Abruf ist, beginnen die Denunziationen, der Verrat bereitwilliger, neidischer Spitzel. Es ist auch die Geschichte eines tiefen Falles, der nicht sehr viel einfacher wird, weil Krug ihn bewusst in Kauf zu nehmen bereit war; vor allem aber ist es ein hervorragendes Beispiel für den zivilen Ungehorsam eines Künstlers, dessen Gewissen nicht käuflich war. Als die Funktionäre Ende 1976 ihre Besten in Krugs Pankower Villa entsenden, um ihn und andere umzustimmen, nimmt er das Gespräch heimlich auf – Eine tollkühne Aktion ohnegleichen, eine Unsittenkomödie, wie sie nur in einem absurden Staat wie der DDR inszeniert werden konnte, von einem, der seinen Glauben an den Sozialismus unwiederbringlich verloren hat, alles nachzulesen in Krugs Autobiographie.

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© DEFA-Stiftung Der DEFA-Film "Feuer unter Deck" (1977)

Als er 1977 geht, ist er vierzig und eigentlich auf der Höhe seines Ruhms, wobei es das letzte Jahr schon auffallend ruhig um ihn geworden war. Der Bürger Krug lebte da auf Abruf. Er musste nicht, wie viele andere in seiner Lage, in die andere Welt mit nur zwei Koffern wechseln, was gern kolportiert wird, um Krugs Zivilcourage zu denunzieren. Aber dort, wo er hinging, kannten ihn nur wenige, und er begann noch einmal ganz von vorn

© DPA Aus Protest rübergemacht: Nach der Ausreise unterhält sich Krug am Grenzübergang Bornholmer Straße in West-Berlin mit Passanten.

Es hat eine Weile gedauert, bis er wieder ein Star war, als Rechtsanwalt in „Liebling Kreuzberg“ und Kommissar Stoever im „Tatort“. Einer aus dem Jahr 1992 soll immer noch den Zuschauerrekord mit 15,86 Millionen halten, obwohl er ohne psychedelische Ausflüge ins Nirgendwo der Ermittlerseele auskam, wenig Körpereinsatz zeigte, dafür außerordentlich viel heitere Ironie, die Manfred Krug unverwechselbar und hochbeliebt machte. Irgendwann war er dann das geworden, was seltsamerweise nur wenigen gelang: ein gesamtdeutscher Star. Nach eigenem Bekenntnis hat Krug viel seinem engen Freund Jurek Becker zu verdanken, auch einer, den sie weggebissen hatten aus der DDR. Aber dass er nachkam, hat Krug geholfen, neu zu beginnen, vor allem mit Beckers „genialen Drehbüchern“.

  • © Picture-Alliance Im Westen angekommen: Mit der Schauspielkollegin Diana Körner in der Anwaltsserie „Liebling Kreuzberg“, 1988
  • © Picture-Alliance Bei Dreharbeiten zu „Liebling Kreuzberg“, 1997
  • © Picture-Alliance Die Tatort-Kommissare: Krug als Stoever und Kollege Charles Brauer in der Rolle des Peter Brockmöller halten ihre Dienstausweise in die Kamera.
  • © Picture-Alliance Kommissar Stoever ermittelt in Hamburg, 1984
  • © Picture-Alliance „Auf Achse“: Krug in der Rolle des Fernfahrers Frank Meersdonk, 1988 in Mexiko
  • © Picture-Alliance Meersdonk gerät in Streit mit Tramper Tommy (Bernd Tauber): Die vierte Folge von „Auf Achse“
  • © Picture-Alliance Als Anwalt Robert Liebling, der sich eigentlich von seinem Büro verabschiedet hatte

Man hat Manfred Krug oft gefragt, ob er Wehmut verspürt habe, vor allem nach dem schmählichen Untergang der DDR. Seine lakonischen Antworten darauf – ihn habe es gefreut, weil sich die Leute nun endlich alle frei bewegen konnten; aber auch gestört wegen des herrschenden Verfalls, des schmuddeligen Tons – waren jenen, die Ostwest-Betrachtungen lieber schwarz-weiß und scharf abgegrenzt mochten, zu lau. Anklagen, Abrechnungen und Unversöhnlichkeiten hat Manfred Krug nie geliefert, sie waren ihm so fremd wie Denunziationen, was ihm zuweilen übel genommen wurde. Seine hintergründige Antwort auf eine dieser typischen Ossi-Fragen – er sei leider nie ein Ossi gewesen – weist fein-ironisch darauf hin, dass es Deutsche und Deutsche gab, gezwungenermaßen in zwei Staaten lebend, die mehr gemeinsam hatten, als manch einem lieb ist bis heute. Wer seine Bücher liest, vor allem die umwerfende Autobiographie, wird in diesem bemerkenswerten Schauspieler, Sänger und Lieddichter den wachen, unbestechlichen und hochpolitischen Geist erkennen, den einer braucht, um bei sich zu bleiben, wenn es darauf ankommt. Vor einer Woche ist, wie erst jetzt bekannt wurde, Manfred Krug im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben.

© DPA Filmszene aus „Auf Achse“: Meersdonk hat Geldprobleme und sucht nach einer Lösung.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 27.10.2016 19:27 Uhr