Hinten der gepuderte Zopf, vorne das Donnerblitzbubgelächter. So kennt ihn heute jeder - oder glaubt ihn auf Anhieb so zu erkennen. Unser Mozartbild ist, nicht nur ikonographisch betrachtet, eine gelungene Legende, in der sich die weichen und süßen, rotgolden glitzernden Rokoko-Züge des apollinischen Mozart, wie ihn etwa Rebers Konfektkugel abbildet, perfekt ergänzen mit jenem drall-dreist-dionysischen Frechdachs, den Tom Hulce 1985 in Milos Formans großem "Amadeus"-Film verkörperte.
Es handelt sich um einen Januskopf: Der Rückseite sind die lange Zeit unterdrückten Bäsle-Briefe und die Rätselkanons zuzuschreiben, aber vermutlich auch die Abgründe der Gran Partita und des Jeunehomme-Konzerts; der Vorderseite dagegen verdanken wir die g-Moll-Symphonie, die sogenannte Kleine Nachtmusik sowie beispielsweise die Ballettsuite zu "Les Petits Riens".
Die einzigen echten Bilder
Wie Mozart aber wirklich aussah, wissen wir nicht. Die wenigen authentischen Porträts, die überliefert sind, zeigen ganz verschiedene Menschen: grobe oder edle Züge, lange oder kurze Nasen, schmale oder volle Oberlippen, blaue oder braune Augen. Selbst die prägnante Augenpartie erscheint mal feiner, mal wulstiger von der Braue überwölbt. Am ähnlichsten sehen sich noch jenes Bild im Dreiviertelprofil, das Mozarts Schwager Joseph Lange um 1782 in Öl malte, aber seltsamerweise nicht vollendete, und die 1789 entstandene Silberstift-Zeichnung von Dora Stock. Es sind dies wohl auch die einzigen im strengen Sinne "echten" Bilder. Die meisten Mozartporträts stammen aus zweiter Hand: zeitgenössische oder später entstandene Kopien von verlorengegangenen Originalen - oder aber frei erfundene Bilder, die erst lange nach Mozarts Ableben entstanden. Vor allem letztere haben das romantische Mozartbild am nachhaltigsten geprägt. Und selbst die Abdrücke der Totenmaske gingen verloren. "Vielleicht haben Constanze oder Nissen sie vernichtet", mutmaßte Wolfgang Hildesheimer in seiner großen Polemik über das falsche, von der Nachwelt nach bestem Wissen und Wunsch gefälschte Mozartbild: "Es ist, als habe sich Mozarts physische Gestalt der Darstellung entziehen wollen: eine symbolische Warnung an alle seine Deuter und damit an alle Interpreten des Genies ,als Mensch'."
Eher in die dionysische Ecke zu rechnen
Umgekehrt läßt sich feststellen, daß das Genie, entschieden als Genie gedeutet, sich ebenso dem Zugriff entzieht. Von den postum entstandenen Mozartbildnissen ist das in dieser Hinsicht bemerkenswerteste wohl jenes des britischen Malers William James Grant aus dem Jahr 1854, das Mozart auf dem Totenbett zeigt: Helles Morgenlicht fällt durch die wehende Tüllgardine direkt auf sein Antlitz und auf das Notenblatt des Requiems, worauf er eben mit der erschlaffenden Rechten die letzten Zeichen setzt, derweil ihm Schwägerin Sophie aufmunternd die freie Linke tätschelt. Dabei trägt sie Kleidung, Farben und Züge der Madonna - er dagegen ist Friedrich Schiller wie aus dem Gesicht geschnitten.
Nun ist pünktlich zu Beginn des Schillerjahres ein neues und bisher unbekanntes Mozartporträt aufgetaucht in der Berliner Gemäldegalerie, das dem ersten Augenschein nach eher in die dionysische Ecke zu rechnen ist. Es mißt achtzig mal zweiundsechzig Zentimeter, stammt von dem Maler Johann Georg Edlinger und soll 1790, während Mozarts letztem Aufenthalt in München, entstanden sein. Identifiziert wurde es, wie die Gemäldegalerie am Donnerstag bekanntgab, "durch den Musikliebhaber Wolfgang Seiller mittels computergestützter, vergleichender Analyse", wobei ein früher, im Jahre 1777 entstandenes anonymes Mozartbildnis herangezogen wurde, das heute in Bologna im Museum hängt.
Näheres am 27. Januar
Näheres über die Umstände dieser Entdeckung will der Oberkustos der Berliner Gemäldegalerie, Rainer Michaelis, erst am 27. Januar, zur Feier des 249. Geburtstages Mozarts, bekanntgeben. Dann wird auch das neue Mozartbild selbst zu besichtigen sein. Eine elektronische Kopie davon wurde vorab schon in alle Welt verschickt. Sie zeigt erstens: blaue Augen. Zweitens: volle Oberlippe. Drittens: ein demnächst ausbrechendes Lachen. Und man kann sich sehr gut vorstellen, daß "Amadeus"-Tom Hulce genauso oder ähnlich aussehen würde, schlüpfte er zwanzig Jahre nach seinem Film-Ableben noch einmal in den blauen Sehnsuchtsrock des Rokoko.