15.01.2003 · Cary Grant als Nacktmodell und andere Provokationen: „Radikalen Realismus“ von Katz bis Kippenberger zeigt die Frankfurter Schirn.
Von Michael HierholzerDie sogenannte Wirklichkeit. Ein Wahn. Eine Fiktion. Ein Konstrukt. Wo ist die wirkliche Wirklichkeit? Wer wollte sie beschreiben? Wer sie abbilden? Welcher Künstler könnte so radikal realistisch arbeiten, daß er sie zu fassen bekäme und dem Publikum präsentieren könnte?
"Radikaler Realismus nach Picabia": Daß dieser Untertitel einer Ausstellung, die in dieser Woche in der Frankfurter Schirn Kunsthalle eröffnet wird, einen schnurstracks in die Ironiefalle zu führen droht, deutet schon der Künstlername an. Radikal realistisch gehen im Gefolge dieses Duchamp-Gefährten und künstlerischen Chamäleons nämlich all jene vor, die wissen: Wer immer nach den Wurzeln der Wirklichkeit sucht, stößt auf nichts als Bilder.
Radikal realistisch ginge demnach ein Maler vor, der sich auf die Bilder einläßt, die unsere Gegenwart prägen. Weil die Bilder realistischer sind als das, was sie repräsentieren mögen, weil sie eine, weil sie viele Wirklichkeiten schaffen, auf die sich die Zeitgenossen berufen, in denen sie sich einrichten, von denen sie sich umfangen, umfassen, einlullen, vielleicht erschrecken und erschüttern lassen.
Kritisch und radikal
Bei "radikalem Realismus" ohne Bezug auf Picabia hätte man freilich erst einmal an etwas ganz anderes gedacht als an Arbeiten, wie sie in der Schau "Lieber Maler, male mir ..." gezeigt werden. Der Titel zitiert eine zwölfteilige Serie von Martin Kippenberger, der 1981 nach Fotovorlagen gemalte Großplakate anfertigen ließ.
Auch keine Kunst, die auf den ersten Blick einen Begriff wie "radikaler Realismus" herausfordert. Eher ein Alfred Hrdlicka fällt einem da ein oder der kritische Realismus Berliner Prägung - "Der Zug der Volksvertreter" von Johannes Grützke in der Frankfurter Paulskirche ist ein Monumentalwerk dieser Richtung. Aber auch der in Fleischmassen aus Farbe wühlende Lucian Freud wäre ein Kandidat, wenn man nach Realismus in der Malerei sucht.
Desgleichen wären die Fotorealisten zu nennen, die eifrig bemüht sind, zwischen der fotografischen Vorlage und ihrer Übertragung auf die Leinwand dem subjektiven Moment keinerlei Spielraum zu lassen. Ihre Haltung ähnelt noch am ehesten jener der Künstler, die jetzt in der Schirn vertreten sind.
Die Wirklichkeit der Bilder
Aber die Fotorealisten halten sich ja an die Sicht der Dinge durch das Kamera-Auge, weil sie dieser eine extreme Nähe zur Realität attestieren. Es geht ihnen durchaus um die Wirklichkeit hinter den Fotos. Den in der Ausstellungshalle versammelten Malern jedoch ist es einzig um die Wirklichkeit der Bilder zu tun. Ob sich dahinter etwas verbirgt und was es ist: gleichgültig.
Die figurative Malerei war auch im Jahrhundert der Reduktion, der Abstraktion, der Gegenstandslosigkeit immer eine Option. Es gab Zeiten und Regionen, in denen sie mal stärker, mal schwächer ausgeprägt war. In England brach die Tradition nie ab. In Deutschland haben die Neoexpressiven um 1980, wie befreit von den Qualen der abstrakten Disziplin, eine neue Gegenständlichkeit gefeiert.
Und nicht erst seit den Anfängen der Pop-art haben sich Künstler auf die Produkte der Unterhaltungsindustrie, auf Zeitschriften und Filme, auf Starkult und alles Plakative kapriziert. Auf die Oberfläche der schönen neuen Massenkultur. Ganz ohne ideologiekritische Untertöne. Als wollten sie die Spaßgesellschaft schon einmal vorwegnehmen. Als sei ihnen alles Düstere und Asketische, alles Schwere und aufs Wesen Zielende zuwider. Auf dem Höhepunkt des Nationalsozialismus war die Hinwendung Picabias zur Pin-up-Malerei ein Affront.
Posen aus Erotik-Magazinen
In den frühen vierziger Jahren übertrug er Posen und Profile von Modellen aus erotischen Pariser Magazinen auf Karton, Holz oder Leinwand. Oder auch glückliche Paare in zauberhafter Umgebung, einschlägigen Wohlfühl-Publikationen der damaligen Zeit entnommen. Erst vor kurzem sind die Vorlagen entdeckt worden. Später wird Sigmar Polke ebenso verfahren. Klischees aus der Werbung, aus Broschüren, aus den Massenmedien kommen zu künstlerischen Ehren. Das Material wird ausgewählt, verändert, deformiert: ein Verfahren, das sich bei Picabia und Polke gleicht.
Auch von Polke werden Liebespaare in der Ausstellung gezeigt: stereotype Bilder, hohle Glücksversprechen. Der reine Kitsch. Oder vielmehr: der künstlerische Hinweis auf die Kitschwelt, in der sich der moderne Mensch in der Masse eingerichtet hat. Schließlich ist der Kitschkonsum ein Phänomen, das die Wahrnehmung in einem unkontrollierbaren Ausmaß prägt.
Kunst und Kitsch
Etliche Künstler haben sich daher dem Kitsch gewidmet, mehr oder weniger distanziert bis hin zur beabsichtigten Verwechslung von Kunst- und Kitschprodukt. John Currin zeigt ungewöhnliche Motive in purer Kitsch-Ästhetik. Neo Rauch arbeitet den Arbeiter-und-Bauern-Staats-Kitsch des sozialistischen Realismus auf.
Kurt Kaupers "Cary Grant"-Bilder changieren flirrend zwischen Ironie und Affirmation. "Die Bilder sollen lustig sein", bemerkt der 1966 geborene Amerikaner über die nach der Jahrtausendwende entstandenen Werke. Aber sie sollen auch vom Begehren handeln, von der Sehnsucht nach Männlichkeit ohne Heroismus. Von einem Bild. Einem Traumbild.