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Maigret-Marathon 64 : Maigret lässt sich Zeit

Bild: Diogenes

75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Gerade erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit und vervollständigt das Porträt eines epochalen Kriminalisten.

          75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt, beim 64. Band, vollendet im März 1965, versucht sich Simenon erstmals an einer Fortsetzung, die er so ähnlich strukturiert wie Hergé die Doppelfolgen von „Tim und Struppi“: Zwei Abenteuer bauen inhaltlich aufeinander auf, können aber getrost auch einzeln gelesen werden und haben je ihren eigenen Spannungsbogen. „Man sollte Maigret noch oft in der Rue des Acacias sehen“, lautete der letzte Satz von „Maigret verteidigt sich“, und nun, am Anfang von „Maigret lässt sich Zeit“, blickt der Kommissar kurz auf die Geschehnisse des vorigen Bandes zurück, auch wenn seither ein ländliches Wochenende in Meung verflossen ist. In den paar Tagen dazwischen muss Maigret jedenfalls Geburtstag gefeiert haben (im vorigen Band war er 52, jetzt ist er 53 Jahre alt), und auch der Kalender ist irgendwie aus den Fugen geraten, denn „Dienstag, 28. Juni“ und „Montag, 7. Juli“ ist schwer unter einen Hut zu bringen.

          Die Handlung in einem Satz: Die Halbweltgröße Manuel Palmari wird erschossen aufgefunden, und während Maigret den Mörder im engsten Umfeld des Opfers sucht, kann er einen weiteren Mord nicht verhindern.

          Spielt in: Paris.

          Neues über Maigret: Als Schüler hatte Maigret „sehnsüchtig den Passanten nachgeschaut“. Von seinem Vater hat er eine goldene Taschenuhr geerbt und mochte sich nie an Armbanduhren gewöhnen.

          Und Frau Maigret? Tritt leider kaum in Erscheinung.

          Konsum geistiger Getränke: Marc. Bier. Bourbon. Sancerre. Tavel. Sowie ein nicht näher bezeichneter Rotwein.

          Hilfloser Furor

          Im vorigen Roman hatte Simenon mit der 25-jährigen Ex-Prostituierten Aline eine sympathisch rotzige Figur geschaffen - ein nicht ganz originelles Unterfangen, gewiss, aber sie tat dem Ganzen gut. Jetzt bemüht er sich, ihr jeden ansprechenden Zug wieder zu nehmen, und es scheint ihm richtig Spaß zu machen, die Frau, deren Reize er durchaus zu preisen wusste, nun gegen Ende des Romans als hässlich, verkommen, ungewaschen, jedenfalls für niemanden mehr attraktiv darzustellen.

          Wie plump er sich dabei zeigt, überrascht dann doch, so dass man sich zwar wundert, was in den Autor gefahren ist, aber sich gleichzeitig darüber kaum erregen mag - es ist ein trauriges Bild, das Simenon da abgibt. Und so, wie die Maigret-Romane aus den Sechzigern bisher gestrickt sind, wird man dieses Jahrzehnt kaum als die goldene Zeit der Serie bezeichnen.

          Lieblingssatz: „In seinem Dämmerzustand vereinten sich für Maigret all diese verschiedenen Formen der Angst zu einer dumpf hallenden, beklemmenden Symphonie: die lauernde Angst, die man bis zum Tod spürt; die jähen Angstzustände, die einen aufschreien lassen; die Angst, über die man nachträglich lacht; die Angst vor den Menschen, vor dem, was die Leute über einen sagen oder denken mögen, vor den Blicken, die einen im Vorbeigehen treffen.“

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