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Maigret-Marathon 35 : Maigrets Memoiren

Bild: Natascha Vlahovic, FAZ.NET

75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Maigret-Novize Tilman Spreckelsen liest mit.

          75 Maigret-Romane hat Georges Simenon geschrieben. Jetzt erscheinen sie in revidierter Übersetzung auf deutsch, chronologisch geordnet, ein Roman pro Woche. Maigret-Novize Tilman Spreckelsen liest mit. (Siehe auch: Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde)

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein netter Einfall, eine mitunter zähe Lektüre, ein Buch für Fans: In diesem Roman, entstanden 1950 in Connecticut, lehnt sich Maigret gegen seinen Schöpfer auf und schildert seine Sicht der Dinge: Wie „im Jahr 1927 oder 1928“ ein junger Mann im Kommissariat auftauchte, der betonte, Schriftsteller zu sein (keineswegs Journalist), und sich an seine Fersen heftete. Später erschien dann eine Reihe von Romanen, die den Kommissar unter seinem echten Namen, aber keineswegs korrekt schilderten: Maigrets Kollege Torrence kommt keineswegs ums Leben, die Daten der einzelnen Fälle stimmen nur selten, überhaupt neige Simenon zum wüsten Verrühren disparater Fakten. Doch neben den Korrekturen findet Maigret auch Zeit, den eigenen Werdegang vom Straßenpolizisten zum Mitglied der Mordkommission zu schildern - nach einem Anlauf von immerhin 50 Seiten.

          Die Handlung in einem Satz: Maigret meldet sich zu Wort und stellt einiges von dem richtig, was der Romanautor Simenon über ihn verbreitet hat.

          Spielt in: Paris.

          Neues über Maigret: Jede Menge, zuviel für diese Rubrik. Sein Vater ist neben einer Schwester (die später einen Bäcker aus Nantes heiraten wird) der einzige Überlebende einer Typhus-Epidemie, die seine Familie dahinrafft. Später wird er seine Frau durch die Schuld des versoffenen Arztes bei der Geburt des zweiten Kindes verlieren (das ebenfalls stirbt). Maigrets Vater ist damals 32 Jahre alt, der Knabe 12. Ein Freund des Vaters namens Xavier Guichard fördert ihn, als Maigret sich für den Beruf des Polizisten entscheidet.

          Und Frau Maigret? Sie heißt Louise. Ihren Mann lernte sie bei Verwandten kennen, die in Paris ein großes Haus führten, in das sich eines Abends auch Maigret als Gast verirrte. Sie werden keine Kinder haben, aber die Tochter einer von Maigret Überführten zu sich nehmen und aufziehen, bis ihr Vater wieder für sie sorgen kann - mittlerweile hat dieses Mädchen selber Kinder, die die Maigrets als eine Art Enkel betrachten.

          Konsum geistiger Getränke: Himbeergeist, nicht Pflaumenschnaps - der Unterschied ist Madame Maigret sehr wichtig. Außerdem berichtet Maigret von einem Besäufnis mit Mandarin-Curacao, als er im Alter von 30 Jahren endlich zur Mordkommission versetzt wird. Die Folgen erinnern an das parallele Erlebnis in „Maigrets erste Untersuchung“.

          Echter als echt

          Schön, der Romanheld korrigiert also den Autor. Aber was erfahren wir dabei über die Methode des nun seinerseits zum Romanhelden gewordenen Schriftstellers, wenn er seine Krimis verfasst? Simenon will Maigret „echter machen, als er ist“, und das bedeutet, dass er an bestimmten Eindrücken festhält, auch wenn sie auf Zufällen beruhen und, so findet Maigret, keineswegs repräsentativ sind: Der geliebte Ofen, der Samtkragen, die Melone. Der Freundschaft zwischen dem Autor und dem Kommissar tut das aber keinen Abbruch, wie der Porträtierte beteuert. Am Ende strickt Madame Maigret sogar Babysachen für die Simenons.

          Lieblingssatz: „Auf einem Regalbrett meiner Bibliothek stehen Simenons Bücher. Ich habe darin alles, was nicht stimmt, geduldig mit Bleistift angestrichen und mich darauf gefreut, die Fehler zu berichtigen, die er gemacht hat, weil er es entweder nicht besser wusste oder der Geschichte mehr Farbe verleihen wollte, oft auch nur, weil er nicht den Mut hatte, mich anzurufen, um Einzelheiten nachzuprüfen.“

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