Alle haben zugesehen, haben es passieren lassen. Dabei war die Gefahr bekannt, denn warnende Beispiele hat es schon damals genug gegeben. Dennoch hat niemand etwas unternommen. Jedenfalls keiner, in dessen Macht es gestanden hätte, den schrecklichen Lauf der Dinge zu ändern. Also wurde Srebrenica berühmt: Am 11. Juli 1995 marschierten die Soldaten des serbischen Generals Mladic in die von Beginn an nur so genannte Schutzzone der Vereinten Nationen im Osten Bosniens ein. Was folgte, war der größte Massenmord der jugoslawischen Zerfallskriege: Fast achttausend Männer und Jungen, die formal bosnische Muslime waren, obwohl viele Bosniaken mit dieser Katalogisierung bis heute wenig anfangen können, wurden umgebracht.
Die Tat ist ein blutiges Denkmal, das der serbische Nationalismus sich selbst errichtet hat: Das Massaker von Srebrenica wurde mit serbischen Waffen von serbischen Soldaten unter serbischem Befehl begangen, doch es gab nichtserbische Helfershelfer, ohne die das Verbrechen nicht möglich gewesen wäre. Schändlich war die Rolle der Vereinten Nationen, und sie ist es bis heute, da sich die „Weltorganisation“ ihrer Mitverantwortung nie wirklich gestellt hat.
Dass der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan zum zehnten Jahrestag des Massakers im Juli 2005 eingestand, die „Tragödie“ von Srebrenica werde „die Geschichte der Vereinten Nationen für immer verfolgen“, ist eine ebenso verharmlosende wie irreführende Formulierung, insinuiert sie doch, auch die Vereinten Nationen seien in Srebrenica Opfer geworden. Doch sie waren Mittäter. Der ehemalige polnische Dissident und spätere Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki wusste das und legte nach dem Fall Srebrenicas sein Mandat als UN-Menschenrechtsbeauftragter aus Protest nieder. Die Menschen in den UN-Schutzzonen, sagte er später, hätten sich verraten gefühlt, er sei in ihren Augen nur ein Vertreter der Organisation gewesen, die dem Gemetzel tatenlos zuschaute.
Zustimmung in der Öffentlichkeit
Auch die Autoren eines 1999 veröffentlichten UN-Berichts waren nur zu dem Schluss bereit, die Vereinten Nationen hätten „durch die Unfähigkeit, den Umfang des Bösen zu erkennen“, ihren Beitrag zur Rettung der Bevölkerung von Srebrenica unterlassen. Bill Clintons ehemaliger Balkan-Unterhändler Richard Holbrooke hat das schmuckloser ausgedrückt: „Srebrenica war das schwerste kollektive Versagen des Westens seit den dreißiger Jahren.“
Fünfzehn Jahre nach diesem Versagen soll den Vereinten Nationen nun ein Denkmal in Srebrenica errichtet werden. In New York wird man sich darüber allerdings nicht recht freuen, denn das Denkmal soll als „Säule der Schande“ an das Versagen der Organisation erinnern. Dass die Idee von deutschen Menschenrechtlern und der in Göttingen beheimateten „Gesellschaft für bedrohte Völker“ kommt, macht sie an sich noch nicht erwähnenswert. Dass das Mahnmal aber ein Wunsch der Organisationen ist, in denen sich die Witwen von Srebrenica zusammengeschlossen haben, dass es außerdem in der Öffentlichkeit in Sarajevo schon ausgiebig und zustimmend diskutiert wird, verleiht dem Vorhaben Bedeutung.
Mahnung an die Welt
Denn die geplante Ausführung der Idee ist extrem plakativ provokativ: Von weitem sichtbar, sollen zwei mehr als acht Meter hohe Buchstaben, ein „U“ und ein „N“, über den Hügeln von Srebrenica thronen. „Gebrochen werden die Buchstaben von drei monumentalen Einschusslöchern, in denen Schuhe aus Massengräbern fest verankert sind. Die Säule der Schande wird eine Metapher für den gigantischen Verrat der Vereinten Nationen an Bosnien und eine Mahnung für alle zukünftigen Mitarbeiter der UN sein“, heißt es in der Projektbeschreibung. Über den genauen Aufstellungsort sowie die Namen westlicher Politiker und Generäle, die auf dem Monument zu lesen sein werden, sollen die Witwen von Srebrenica entscheiden.
„Die Vereinten Nationen haben uns verraten. Die UN-Schutzzone Srebrenica ist zum Friedhof unserer Kinder geworden“, sagt Hatidza Mehmedovic, die im Jahr 1995 beide Söhne und ihren Ehemann verlor. Sie lebt heute wieder in Srebrenica, das seit Kriegsende mit Billigung des Westens Teil der „Republika Srpska“ ist, also zu jener Hälfte Bosniens gehört, die in den Jahren 1992 bis 1995 durch viele Srebrenicas zu einem von Serben dominierten Territorium wurde. Frau Mehmedovic leitet dort den Verein der „Mütter von Srebrenica“, in dem sich überlebende Opfer zusammengeschlossen haben. Das Mahnmal, sagt sie, „wäre eine Mahnung an die Welt, dass in Srebrenica Menschen hätten gerettet werden können, hätte es einen Willen dafür gegeben“. Deshalb hoffe sie, dass „die Säule der Schande“ einen Sinneswandel bei den Vereinten Nationen bewirkt „und sie ihre Mitverantwortung eingestehen und Konsequenzen ziehen“.
Vorgetäuschte Sorge
Natürlich wird es der komplizierten Lage vom Juli 1995 nicht gerecht, „die UN“ zum Gottseibeiuns von Srebrenica zu erklären, denn die Vereinten Nationen waren und sind nun einmal nie ein einziger Wille, sondern immer ein kompliziertes Geflecht aus einander überlappenden und sich zum Teil gegenseitig aufhebenden Willen ihrer Mitgliedstaaten gewesen. Darauf hat auch Tadeusz Mazowiecki im Jahr 1995 hingewiesen, als er sich beklagte, seine einzige Chance, die Menschenrechtsverletzungen dem UN-Sicherheitsrat direkt vorzutragen, sei von China und Zimbabwe abgeschmettert worden.
Nicht besser als die beiden Diktaturen verhielt sich die britische Diplomatie, die ebenfalls eine Schandsäule bei Srebrenica verdient hätte. Der britische Historiker Brendan Simms (Cambridge) hat in seinem Buch „Unfinest hour - Britain and the destruction of Bosnia“ herausgearbeitet, wie London das Land zynisch und planvoll den Serben ans Messer lieferte. Der amerikanische Publizist Taylor Branch beschreibt in seinem im Jahr 2009 erschienenen Buch „The Clinton Tapes“, das auf autorisierten Gesprächen mit dem amerikanischen Präsidenten während dessen Amtszeit beruht, die bosnische Tragödie aus Sicht Washingtons: Die meisten Politiker in Paris und London täuschten ihre Sorge um das Überleben der bosnischen Muslime nur vor, sagte Clinton und beschwerte sich über die „Heuchelei der Briten und der Franzosen, die ihre Soldaten an Ort und Stelle als Schutzschild benutzen, um die langsame Zerstückelung Bosniens zu überwachen“.
So wie damals
Nach der Lektüre dieser Bücher könnte man geneigt sein, die UN vor der Blockadehaltung einiger ihrer Mitglieder in Schutz zu nehmen. Doch wird diese Neigung bei jedem schwinden, der das beste Buch gelesen hat, das bisher zu Srebrenica erschienen ist. In „Srebrenica: un génocide annoncé“ (Flammarion, Paris 2005), das leider immer noch nicht auf Deutsch vorliegt, spürt die Autorin Sylvie Matton akribisch den Dokumenten und Hauptdarstellern des Dramas nach. Das Ergebnis ihrer eleganten Fleißarbeit mündet in einen Bericht über die Vorgänge innerhalb der UN, der sich wie ein spannender Krimi lesen ließe, wenn nicht jeder Halbsatz und jedes Komma mit echtem Blut und wirklichem Tod in Verbindung stünde.
Hasan Nuhanovic, der als Übersetzer für die UN in Srebrenica arbeitete und deshalb überlebte, glaubt bis heute nicht, dass die Vereinten Nationen den Bericht über ihre Rolle in Srebrenica aus eigenem Wunsch anfertigten. Erst nach viel Lobbyarbeit sei der Druck so groß geworden, dass ein größtenteils zensierter Bericht erstellt wurde, sagt er. Nuhanovic schreibt Jahr für Jahr einen Brief an den UN-Generalsekretär mit der Bitte, die Flaggen vor der UN-Zentrale in New York am 11. Juli auf halbmast zu setzen. Eine Antwort hat er nie erhalten. Auch er begrüßt ein Mahnmal für das Versagen der Vereinten Nationen in Srebrenica, doch müsste es nach seiner Ansicht noch weitere Elemente enthalten. Immer wieder kehrt er in seinen Gedanken auf das Lagergelände des niederländischen Blauhelmkontingents zurück, auf das sich viele Muslime in der vergeblichen Hoffnung geflüchtet hatten, die westlichen Soldaten würden sie beschützen. Über dem höchsten Gebäude des Lagergeländes sollten die Flaggen der Vereinten Nationen und der Niederlande im Wind flattern, sagt Nuhanovic. So wie damals.
UN
Reinhard Ritz (Ed_von_Schleck)
- 03.06.2010, 14:09 Uhr
Klageweiberkunst
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 03.06.2010, 15:19 Uhr
Sicherlich
Michael Schumann (MichaelSchumann)
- 03.06.2010, 15:28 Uhr
JA!
Closed via SSO (Dopestos)
- 03.06.2010, 16:18 Uhr
Vorher hatten die Besatzungstruppen die Männer von Srebenica ENTWAFFNET
Lüko Willms (l.willms)
- 03.06.2010, 17:04 Uhr