http://www.faz.net/-gqz-z1xo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 03.06.2010, 11:31 Uhr

Mahnmal für Srebrenica Die Witwen klagen an

Es ist genauso plakativ wie provokativ: Ein Mahnmal soll in Zukunft über den Hügeln von Srebrenica thronen - und an den Verrat und das Versagen der Vereinten Nationen beim Massaker vor fünfzehn Jahren erinnern.

von
© Pillar of Shame Die Säulen der Schande: Für die 8372 Opfer des Massakers sind 16744 Schuhe in den Buchstaben

Alle haben zugesehen, haben es passieren lassen. Dabei war die Gefahr bekannt, denn warnende Beispiele hat es schon damals genug gegeben. Dennoch hat niemand etwas unternommen. Jedenfalls keiner, in dessen Macht es gestanden hätte, den schrecklichen Lauf der Dinge zu ändern. Also wurde Srebrenica berühmt: Am 11. Juli 1995 marschierten die Soldaten des serbischen Generals Mladic in die von Beginn an nur so genannte Schutzzone der Vereinten Nationen im Osten Bosniens ein. Was folgte, war der größte Massenmord der jugoslawischen Zerfallskriege: Fast achttausend Männer und Jungen, die formal bosnische Muslime waren, obwohl viele Bosniaken mit dieser Katalogisierung bis heute wenig anfangen können, wurden umgebracht.

Michael Martens Folgen:

Die Tat ist ein blutiges Denkmal, das der serbische Nationalismus sich selbst errichtet hat: Das Massaker von Srebrenica wurde mit serbischen Waffen von serbischen Soldaten unter serbischem Befehl begangen, doch es gab nichtserbische Helfershelfer, ohne die das Verbrechen nicht möglich gewesen wäre. Schändlich war die Rolle der Vereinten Nationen, und sie ist es bis heute, da sich die „Weltorganisation“ ihrer Mitverantwortung nie wirklich gestellt hat.

Mehr zum Thema

Dass der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan zum zehnten Jahrestag des Massakers im Juli 2005 eingestand, die „Tragödie“ von Srebrenica werde „die Geschichte der Vereinten Nationen für immer verfolgen“, ist eine ebenso verharmlosende wie irreführende Formulierung, insinuiert sie doch, auch die Vereinten Nationen seien in Srebrenica Opfer geworden. Doch sie waren Mittäter. Der ehemalige polnische Dissident und spätere Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki wusste das und legte nach dem Fall Srebrenicas sein Mandat als UN-Menschenrechtsbeauftragter aus Protest nieder. Die Menschen in den UN-Schutzzonen, sagte er später, hätten sich verraten gefühlt, er sei in ihren Augen nur ein Vertreter der Organisation gewesen, die dem Gemetzel tatenlos zuschaute.

Potocari © AFP Vergrößern Ein Ort der Trauer für die Opfer von Srebrenica: Eine Frau legt eine Blume am Denkmal in Potocari nieder

Zustimmung in der Öffentlichkeit

Auch die Autoren eines 1999 veröffentlichten UN-Berichts waren nur zu dem Schluss bereit, die Vereinten Nationen hätten „durch die Unfähigkeit, den Umfang des Bösen zu erkennen“, ihren Beitrag zur Rettung der Bevölkerung von Srebrenica unterlassen. Bill Clintons ehemaliger Balkan-Unterhändler Richard Holbrooke hat das schmuckloser ausgedrückt: „Srebrenica war das schwerste kollektive Versagen des Westens seit den dreißiger Jahren.“

Fünfzehn Jahre nach diesem Versagen soll den Vereinten Nationen nun ein Denkmal in Srebrenica errichtet werden. In New York wird man sich darüber allerdings nicht recht freuen, denn das Denkmal soll als „Säule der Schande“ an das Versagen der Organisation erinnern. Dass die Idee von deutschen Menschenrechtlern und der in Göttingen beheimateten „Gesellschaft für bedrohte Völker“ kommt, macht sie an sich noch nicht erwähnenswert. Dass das Mahnmal aber ein Wunsch der Organisationen ist, in denen sich die Witwen von Srebrenica zusammengeschlossen haben, dass es außerdem in der Öffentlichkeit in Sarajevo schon ausgiebig und zustimmend diskutiert wird, verleiht dem Vorhaben Bedeutung.

Mahnung an die Welt

Denn die geplante Ausführung der Idee ist extrem plakativ provokativ: Von weitem sichtbar, sollen zwei mehr als acht Meter hohe Buchstaben, ein „U“ und ein „N“, über den Hügeln von Srebrenica thronen. „Gebrochen werden die Buchstaben von drei monumentalen Einschusslöchern, in denen Schuhe aus Massengräbern fest verankert sind. Die Säule der Schande wird eine Metapher für den gigantischen Verrat der Vereinten Nationen an Bosnien und eine Mahnung für alle zukünftigen Mitarbeiter der UN sein“, heißt es in der Projektbeschreibung. Über den genauen Aufstellungsort sowie die Namen westlicher Politiker und Generäle, die auf dem Monument zu lesen sein werden, sollen die Witwen von Srebrenica entscheiden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Schöner fliegen

Von Kerstin Holm

Langstreckenflüge russischer Airlines sollen künftig jungen und schlanken Stewardessen vorbehalten sein. Die Frauen, die durch das Raster fallen, klagen nun gegen die Schön- und Schlankheitsklausel. Mehr 15 20

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“