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Mahnmal-Diskussion Ohne Degussa

29.10.2003 ·  Der Streit über die Beteiligung des Degussa-Konzerns am Berliner Holocaust-Mahnmal wächst sich zu einer neuen Grundsatzdebatte darüber aus, was es heißt, im "Land der Täter" der Opfer zu gedenken.

Von Mark Siemons
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Der Streit über die Beteiligung des Degussa-Konzerns am Berliner Holocaust-Mahnmal wächst sich zu einer neuen Grundsatzdebatte darüber aus, was es heißt, im "Land der Täter" der Opfer zu gedenken. Entspräche die Mitwirkung des belasteten, aber reuigen Unternehmens nicht gerade der Mahnmalsidee, sich zur eigenen Schuld im Angesicht der Opfer zu bekennen? Die Kontroverse ist, wohlgemerkt, keine Debatte zwischen den Nachfahren der Täter und den Nachfahren der Opfer: Die Meinungsverschiedenheit verläuft quer durch diese Aufteilung.

Peter Eisenman, der Architekt des Mahnmals, hat jetzt in der "Zeit" den Auftrag an die Degussa mit der Überlegung verteidigt, "daß wir uns sechzig Jahre nach dem Holocaust nicht mehr zu Geiseln der Political Correctness machen lassen dürfen". Die Empfindlichkeit einiger Mitglieder der jüdischen Gemeinde beim Namen Degussa dürfe, da sich die Firma vorbildlich mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt habe, "nicht weiter den Lauf der Geschichte hemmen". Eisenman schreibt sogar, er hätte an dem Projekt nie mitgewirkt, wäre es "schon in dem Geist begonnen worden, in dem es nun fortgeführt zu werden droht".

Vergangenheit nicht unter den Teppich kehren

Auch Avi Primor, der frühere israelische Botschafter, sah in einem Gespräch mit dem "Tagesspiegel" die Bedenken gegen Degussa als bloß "emotionale" an, denen er selber sich aus rationalen Gründen nicht anschließen könne: "Wir Israelis haben den Deutschen doch immer vorgeworfen, sie hätten die Tendenz, ihre Vergangenheit unter den Teppich zu kehren, sie zu verdrängen. Degussa hat genau das Gegenteil getan."

Arno Widmann dreht in der "Berliner Zeitung" den Spieß sogar um. Da ein "Reinheitsgebot" in dieser Sache illusorisch und verlogen sei, schlägt er vor, "das Denkmal ausschließlich von in der Nazizeit in die Vernichtungsmaschinerie involvierten Firmen bauen zu lassen". Auf deren Kosten natürlich und mit einer Erklärung, weshalb sie eine Erinnerung an die Schuld ihrer Vorgänger für wichtig halten. Je "unreiner" ein solches Mahnmal wäre, meint Widmann, "desto wahrhaftiger könnte es sein".

Emotionale Überempfindlichkeit

In der Perspektive dieser Wortmeldungen reduziert sich das Problem, wenn man einmal vom Waschzwang überkorrekter Deutscher absieht, auf die emotionale Überempfindlichkeit einiger Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Es soll also ein psychologisches Problem sein, dem sich mit einer Therapie, vor allem aber mit viel Rationalität abhelfen lasse. Man fühlt sich ein wenig an die beliebte zwischenmenschliche Strategie erinnert, mit Hilfe gönnerhafter Psychologisierung ("Du, ist das für dich jetzt ein Problem?") Höflichkeit unnötig zu machen. Die Rechtfertigungspflicht wird dem taktlos Behandelten aufgebürdet. Was anderes aber ist es als eine Taktlosigkeit, wenn einem Monument für die Toten von Auschwitz ein Firmenname eingeschrieben werden soll, der nun einmal für die Herstellung von Zyklon B steht? Ganz entgegen der eigenen Absicht drohen die Befürworter des so sympathisch wirkenden Bekenntnisses zur Unreinheit einem bloß selbsttherapeutischen Projekt das Wort zu reden: einem Projekt, in dem sich der gute Wille der "fortgeschrittenen" Institutionen spiegeln kann, ganz gleich, was die "zurückgebliebenen" Opfer dabei denken mögen.

Die Frage des Takts ist eben nicht bloß eine "emotionale" Frage. Die Abwehr eines so belasteten Namens wie dem der Degussa hat einen rationalen Kern. Es ist nicht dasselbe, wenn sich, wie beim Holocaust-Mahnmal beabsichtigt, eine Nation als Rechtsnachfolgerin eines mörderischen Regimes zu ihrer Verantwortung bekennt und wenn dies ein Unternehmen als Rechtsnachfolger einer mörderisch handelnden Firma tut. Klar ist, daß es sich bei beiden nicht um persönliche Schuld handelt, weshalb es, etwas anders als dies die Verfechter des institutionellen Bekenntnisprojekts suggerieren, auch nicht auf persönliche Reue ankommt.

Der Begriff „Verantwortung“

Die Differenz liegt in der sehr unterschiedlichen Bedeutung, die "Verantwortung" für beide hat: Einer Nation - ebenso wie einer Familie - kann niemand entkommen, einer Firma oder einer Partei dagegen schon. Daher darf es keine "Sippenhaft" geben, institutionelle Haftung dagegen schon. Wenn das "Land der Täter" ein Mahnmal für die Opfer baut, heißt das daher noch lange nicht, daß die Täter selbst oder deren institutionellen Nachfolger dieses Mahnmal bauten. Wenn es Rechtsnachfolger der NSDAP gäbe, würde man ihnen gewiß selbst dann nicht erlauben, ein Mahnmal zu errichten, wenn sie glaubhaft ihre Läuterung nachweisen könnten. Die Namen von Institutionen, die gegründet und wieder aufgelöst werden können, bleiben durch das geprägt, was sie einmal getan haben, gleich wie sich die später in ihnen tätigen Individuen verhalten. Menschen und Nationen können sich läutern, die Namen von Institutionen nicht.

Der Schriftsteller Rafael Seligmann nimmt im neuen "Stern" die Kontroverse zum Anlaß, gleich ein Ende des Baus am Holocaust-Mahnmal zu fordern. Das ungeliebte Vorhaben drohe zu einem Desaster zu werden, das "die deutsch-jüdischen Versöhnungsbemühungen eines halben Jahrhunderts zunichte" macht. Doch ein solches Desaster ist keineswegs abzusehen. Das Holocaust-Mahnmal, das ein kollektives Zeichen sein soll, darf nur seinerseits die Natur und Wirkung von Zeichen nicht unterschätzen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2003, Nr. 252 / Seite 33
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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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