23.08.2006 · „Popelnde Superstars“ will Mike Hammer den Lesern zeigen. Doch sein Magazin „Shock“ hat noch viel weniger Appetitliches auf Lager. Das amerikanische Klatschblatt für harte Männer kennt - fast - keine Tabus.
Von Nina Rehfeld, New YorkGeht es nach der amerikanischen Tochtergesellschaft des französischen Verlagshauses Hachette Filipacchi, sind es nicht die sommerlichen Cellulitis- und Hängebauchfotos maßgeblicher Prominenter, die den Lesern dieser Tage den rechten voyeuristischen Schock verpassen sollen. Es sind brennende Menschen und verwesende Leichen, schwärende Wunden und genetische Anomalien, sich übergebende Superstars und amoklaufende Attentäter. „Shock“ heißt das neueste Magazin des Verlags, das seine Daseinsberechtigung im Titel trägt und sich als Klatschblatt für Kerle begreift. Mike Hammer, der Chefredakteur von „Shock“, umreißt die Philosophie seines Blattes wie folgt: „We are in your face.“ Hammer findet, eine Welt, in der sich die Menschen ihre Nachrichten lieber aus Jon Stewarts News-Satire „The Daily Show“ denn aus der „New York Times“ holten, sei reif für eine Zeitschrift, die offensiv mit Schauwerten statt Inhalten handelt.
Seit Oktober des vergangenen Jahres residiert Hammer, der zuvor die Fernsehzeitschrift „TV Guide“ oder das Herrenmagazin „Maxim“ mitgestaltete, im 45. Stock des Verlagshauses an der Ecke Broadway und 50th Street in New York, das außerdem Titel wie „Elle“, „Woman's Day“ oder „Car and Driver“ verlegt. Über Hammers Schreibtisch, der dem Blick auf den Central Park den Rücken wendet, ist ein Werbeplakat von „Shock“ an die Wand gepinnt. Es zeigt den Hieb einer Boxerin, das Gesicht der Gegnerin wird zur grotesken Knautschmasse verformt.
Prompte Proteste
Das Foto zierte die erste Ausgabe von „Shock“, die im Juni mit 300.000 Exemplaren auf den Markt kam. Und zumindest bei der Premiere, für die man vor allem die Archive des französischen Schwestermagazins „Choc“ plünderte, langte auch Hammer ordentlich zu: Von der Fotoserie einer Frau, die sich aus Protest mit Benzin übergießt und anzündet, über eine forensische Bilddokumentation über die Verwesung einer männlichen Leiche bis hin zu Bildern eines chinesischen Kidnappers, der einem fünfjährigen Mädchen ein Beil an die Kehle hält, war reichlich Entsetzliches dabei.
Prompt nahmen zahlreiche Einzelhandelsketten die Zeitschrift nach Kundenprotesten aus dem Sortiment. Hammer ist verständnislos. „Wissen Sie“, sagt er, „die Leute regen sich über die Bilder einer verwesenden Leiche auf. Aber im amerikanischen Fernsehen laufen mit riesigem Erfolg drei ,CSI'-Kriminalserien, die sich mit nichts als Forensik beschäftigen. Wir zeigen doch bloß einen echten Ort, an dem so etwas erforscht wird.“
Voyeuristisches Bildspektakel
Man mag es als Zumutung betrachten, im Buchladen oder im Supermarkt mit Titelfotos von brennenden Menschen oder deformierten Gesichtern überfallen zu werden. Doch die eigentliche Obszönität der Zeitschrift besteht darin, daß sie ihren Sensationalismus mit humanitärer Besorgnis zu veredeln sucht. Und das dreht einem wirklich den Magen um. „Amerikaner wollen ihre Informationen kurz, schnell und durchtränkt von Meinung“, sagt Hammer. Offenbar brauchen seine Leser aber auch eine, ganz gleich wie fadenscheinig geratene, moralische Rückversicherung. Und so lautete die Schlagzeile der Erstausgabe: „Krieg ist immer noch die Hölle! - Erschütternde Beweise, daß Irak das neue Vietnam ist.“ Sie zeigt das längst bekannte Foto eines amerikanischen Soldaten mit einem sterbenden irakischen Kind im Arm.
Freilich wird ja auch der „Playboy“ vom Großteil der Leserschaft angeblich der klugen Interviews wegen gekauft, und so schlägt Mike Hammer Bedenken, daß politische Bildberichterstattung neben schieren Gruselfotos ebenfalls zum bloßen voyeuristischen Bildspektakel degradiert wird, mit Hinweisen auf eine „breite Themenpalette“ und ein „bildgeleitetes Nachrichtenmagazin“ in den Wind. „Ich schäme mich nicht, diese Zeitschrift der Welt zu präsentieren“, sagt der Mann, dessen bescheidene Erscheinung und freundliches Jungengesicht die Mission seiner Zeitschrift kaum schärfer kontrastieren könnten. „Wir suchen nach spektakulären Bildern und arbeiten dann hart daran, sie in einen Nachrichtenkontext einzubetten.“
Football-Frakturen zum Saisonbeginn
Hammer ist Vater zweier elf und dreizehn Jahre alten Söhne, der jüngere ist behindert. Auch vor ihnen, sagt er, versteckt er sein Blatt nicht. „Kinder haben heutzutage über Filme und das Internet überall Zugang zu solchen Dingen. Sie sind ziemlich abgehärtet.“ Tatsächlich dienen Horrorfilme und Websites wie rotten.com pubertierenden Jugendlichen und anderen, die optischem Grauen irgendwie einen Kitzel abgewinnen, als ein letzter Bereich, in dem noch Tabus gebrochen werden.
Doch was im weitgehend anonym genutzten Internet geht, ist offenbar nicht ohne weiteres auf den Zeitschriftenstand übertragbar. Und so hat Hammer die Bildstrecken seines Blattes inzwischen etwas abgemildert. Sie sind immer noch übel genug. Die dritte Ausgabe von „Shock“ zieren, pünktlich zum Sportsaisonbeginn, Football-Frakturen und Fettleibige aus aller Welt, auch eine öffentliche Hinrichtung in Somalia und ein Koreaner mit Messerspitze im Bauch sind dabei. Blut sieht man indes nicht. Der Tabubruch wird vor allem in der Abteilung „Soft News“ betrieben.
„Zeitschrift für Analphabeten“
Zu den festen Rubriken der Zeitschrift gehören eine Mode-Lästerecke von einem durch Kinderlähmung entstellten „tanzenden Transvestiten“ namens Goddess Bunny sowie eine Strecke, die eklige Küsse und Unpäßlichkeiten berühmter Persönlichkeiten abbildet. „Wir eröffnen der Promi-Fotografie einen neuen Markt“, sagt Hammer mit unverhohlener Genugtuung. „Popelnde Superstars hat man bisher nicht gesehen. Und wissen Sie, die verdienen es wirklich. Unsere männliche Leserschaft jedenfalls kann die Prominenten und ihre Problemchen einfach nicht ernst nehmen. Und ich muß glücklicherweise nicht mit Keanu Reeves golfen gehen, um meine Zeitschrift machen zu können.“ Entsprechend respektlos ist der Tonfall von „Shock“. Eine gepflegte Bruce-Willis-Abgebrühtheit, die noch den größten Schreck mit einem lockeren Spruch kontert, ist Programm. „Welcome to the real world!“ lautet das Motto des Blattes.
Die New Yorker Medienwelt überzieht „Shock“ mit Häme. Als „Zeitschrift für Analphabeten“ und „Publikation für den fröhlich derangierten Voyeur in uns allen“ bezeichnete das Internet-Magazin „Gawker“ das Blatt, die „Washington Post“ warnte: „Wenden Sie Ihre Augen ab! Und Ihr Gehirn!“ Doch als Idiotenblatt bezeichnet zu werden findet Hammer unfair. „Ich möchte ernst genommen werden, wenn es um Ernstes geht, und wenn es jeweils angebracht ist, komisch oder emotional sein.“ Auf die Frage, ob sein Blatt die Bilder der sterbenden Lady Di veröffentlicht hätte, sagt er: „Nein. Vielleicht zum zehnten Jahrestag des Unfalls. Aber dann auch nur, wenn wir den Fotografen zur Kommentierung des Bildes bewegen könnten.“
Selbst für Hammer gibt es Dinge, die er nicht machen kann. Eine verwesende Leiche auf dem Titel würde er nicht drucken, auch abgetrennte Köpfe oder zerfetzte Gliedmaßen sind für ihn tabu. Von blanken Busen ganz zu schweigen. „Da würden uns die Werber abspringen“. sagt Hammer ganz ohne Sinn für Ironie. Kürzlich strich er ein Bild aus der Auswahl, in dem Würmer aus der Wunde eines Menschen brechen. Das war sogar Mike Hammer zuviel.