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Mafioso Provenzano gefaßt Der letzte Boß der alten Schule

13.04.2006 ·  Gegen das Leben junger Bosse mit Reisen, Frauen, Parties wirkte Provenzanos Einsiedlerei anachronistisch. Immerhin hat der Mafioso vorgeführt, wie man einen multinationalen Konzern nur mit einer Schreibmaschine und Zetteln lenken kann.

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Eine karg möblierte Hütte ohne richtige Heizung und Telefon, simple Arbeitskleidung aus Jeans und Regenjacke, Frischkäse und Brunnenwasser - was für ein schäbiges Leben für einen erfolgreichen Milliardär im Pensionsalter. Denn als vielfachen Milliardär muß man den Mafiaboß Bernardo Provenzano angesichts der gigantischen Einnahmen seiner Firma bezeichnen.

Bloß, daß er von dem Geld aus Erpressung, Drogenhandel, Ausschreibungsbetrug kaum etwas für seinen persönlichen Lebensgenuß ausgeben konnte. Seine Verhaftung im Buschland unweit der legendären Mafiametropole Corleone erinnerte mit dem archaischen Hirtenambiente denn auch an Filmklassiker wie „Der Pate“. Versorgt von einem Schäfer, ernährt mit der Lieblingsspeise Ricotta, umgeben von einsamer Macchia muß der alte Boß der Bosse im kühlen sizilianischen Winter ziemlich gefroren haben, aber das war er nach dreiundvierzig Jahren auf der Flucht wohl gewohnt.

Seine Nachfolger können ihr Geld auch genießen

Immerhin hatte er, wie ein Überläufer berichtet, stets einen treuen Beichtvater und trug außer einem Gesundheits-Almanach mehrere Bibeln mit sich. Den urtümlichen Käsestampfer aus der Hirtenküche präsentierten die Polizisten nach der Verhaftung wie eine Trophäe. Bei allem Triumph deutet die Verlassenheit Provenzanos darauf hin, daß ihn - den kranken Veteranen - die Organisation bereits abgeschrieben hatte, denn ohne ein treues Heer von Helfern, die jetzt verschwunden waren, hätte er nicht Jahrzehnte im Untergrund überlebt.

Längst wissen die Mafiajäger von einer neuen Generation Krimineller, die es vorzieht, halb öffentlich zu agieren und sich die Fahnder nicht im Versteck, sondern mit teuren Anwälten vom Hals zu halten. Ihr Leben spielt eher auf Motorbooten im Fischereihafen Mazara del Vallo und in verbarrikadierten Luxusvillen im Pensionsörtchen Castelvetrana, wo es außer obskuren Edelrestaurants ohne Reklame auch eine Pferderennbahn mitten in der Pampa gibt. Gegen das Leben junger Bosse mit Reisen, Frauen, Parties wirkte Provenzanos Einsiedlerei anachronistisch. Immerhin hat der scheue und fromme Mann bis ins einundzwanzigste Jahrhundert hinein vorgeführt, wie man einen multinationalen Konzern ohne Telefon mit einer Schreibmaschine und Zetteln lenken kann.

Nun aber erlauben neue Methoden den Mafiosi, ihre Unmengen Schwarzgeld nicht nur zu waschen, sondern auch zu genießen. Provenzano indes dürfte es im geheizten Hochsicherheitstrakt von Palermo mit ärztlicher Betreuung und warmer Küche besser ergehen als in seiner Hütte. Auch seine Wäsche wird nun regelmäßig gewechselt. Ein Plastiksack seiner Frau - frisch gebügelte Unterhemden vor einer kahlen Hütte - war es übrigens, der ihn am Ende verriet.

Quelle: dsch, F.A.Z., 13.04.2006, Nr. 88 / Seite 33
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