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Männer in der Krise : Die Abschaffung der Geschlechter

Bild: Kat Menschik

Die Geschlechterverhältnisse sind erschüttert, der Dualismus wankt. Das ist eine Chance, die üblichen Zuschreibungen durcheinander zu bringen. Und am Ende ist die ganze Männlichkeit nur ein ironischer Spleen.

          Die vergangenen Monate haben das Verhältnis der Geschlechter zueinander so heftig durcheinander gebracht, wie man das fast nicht mehr für möglich gehalten hätte – und dass der Schock so groß ist, der seit diesem Jahr mit dem Schlagwort #Metoo benannt wird, das liegt nicht nur daran, dass die Liste der sexuellen Übergriffe noch immer täglich weitergeschrieben wird; es liegt auch daran, dass in den Diskussionen, in jenen über die unbezweifelbaren Verbrechen genauso wie über die zweifelhaften Unverschämtheiten, ein real existierendes Männerbild sichtbar wurde, welches auch viele Männer kaum fassen konnten.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es ging, wenn in diesem Jahrhundert über Emanzipation und Feminismus diskutiert wurde, doch längst schon um viel mehr: um gleiche Löhne und um Genderrollen, um Teilzeit-Lösungen und um Kitaplätze, und um die Frage, ob es reicht, sich darauf zu verständigen, dass Nein auch Nein heißt – oder ob nur ein Ja auch Ja bedeutet. Doch plötzlich redete man wieder über Männer, die sich benehmen, als seien sie aus einer Folge „Mad Men“ entsprungen, über Männer, die auch im Jahr 2017 noch ihren Chauvinismus für biologisch legitimiert und die Anrede „Dame“ für eine Höflichkeit halten.

          Dass es angesichts der erschreckenden Halbwertszeit solch rustikaler Machos zu einem Aufschrei kommt, der diesmal womöglich nicht so schnell verklingt, ist eine längst überfällige Erschütterung der Verhältnisse. Und vielleicht führt die Debatte am Ende sogar dazu, dass sich Männer nicht nur aus falscher Vorsicht fragwürdige Bemerkungen verkneifen, sondern dank eines echten Bewusstseins für die alltäglichen Demütigungen von Frauen.

          Es gibt sie noch, die rustikalen Machos

          Aber so inakzeptabel es auch ist, dass Frauen noch immer nicht über den gleichen Respekt, die gleichen Löhne, die gleiche Macht verfügen wie Männer, so wenig ist damit gewonnen, wenn der Kampf um eine emanzipierte Gesellschaft nur zwischen den Geschlechtern geführt wird. Sicher schadet es nichts, wenn Männer begreifen, dass sie den Frauen gerne weiter die Tür aufhalten dürfen, wenn sie ihnen auch den Vortritt auf der Karriereleiter lassen; noch besser aber wäre, wenn beide Seiten endlich begriffen, dass eher die Leiter das Problem ist. Und dass, wer gegen die männliche Herrschaft kämpfen will, nicht nur gegen die Herrschaft der Männer kämpfen darf.

          Es mag ein wenig narzisstisch klingen, wenn man als Mann darauf hinweist, dass alle, die ein Interesse an Emanzipation haben, leider noch ein wenig über die Männer reden müssen. Oder eben wenigstens über all jene Verhaltensweisen, von welchen sich die Männer so schwer verabschieden können, weil sie glauben, dass sie sonst nicht mehr als Mann ernst genommen werden; vor allem von den Frauen.

          Vor allem aber wird man über jene verborgenen und unbewussten Chauvinismen reden müssen, für die auch eine oberflächliche Empörung der Frauen oft blind ist: über die Dinge, die sich so schwer ändern lassen, weil Mann sie eben so macht. Die „männliche Herrschaft“, schreibt Pierre Bourdieu in seinem Beitrag zur Metoo-Debatte aus dem Jahr 1998, sei das „Beispiel schlechthin ... für symbolische Gewalt“, eine „sanfte, für ihre Opfer unmerkliche, unsichtbare Gewalt“, die auch dann wirkt, wenn sie sich nicht gerade in sexuellen Übergriffen entlädt. Die Muster männlicher Dominanz, die Gewohnheiten, die sie bewahren und die Privilegien, die aus ihr hervorgehen, sind so tief in unserem Zusammenleben verankert, dass es ihnen kaum etwas anhaben würden, wenn nur die Rollen neu verteilt würden.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Strukturelle Schieflage

          Dass es um mehr als um die Verfehlungen von ein paar widerlichen Kerlen geht, um eine strukturelle Schieflage nämlich, die die Rolle von Täter und Opfer schon lange vor jeder Grenzüberschreitung disponiert, darauf haben in der Debatte zwar auch ein paar kluge Feministinnen hingewiesen; doch weil für viele das Hauptproblem der Debatte noch immer darin zu bestehen scheint, dass oft nicht gründlich genug zwischen einem dreckigen Witz und einer sauberen Vergewaltigung unterschieden wird, muss man wohl trotzdem noch einmal daran erinnern.

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