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Mädchenkultur Rosa Rollback

Wenn man so tut, als gäbe es keinen Sexismus mehr, werden Mädchen wieder zu Puppen. Über die Pinkifizierung der kindlichen Lebenswelt.

© Jeong MeeYoon Alles Rosa: Aus der Serie „The Pink Project“ der koreanischen Künstlerin JeongMee Yoon.

Als ich klein war, musste ich kein Rosa tragen. Die Kinderabteilung von H&M war noch nicht nach Geschlechtern getrennt, und im Freibad konnte ich selbstverständlich nur mit einer Badehose bekleidet ins Becken springen. Ich trug die Haare kurz, hin und wieder zum Igelkopf gegelt. Unsere Eltern schenkten meiner Schwester und mir Bauklötze und Barbies. Am liebsten spielte ich mit Johannes, meinem Nachbarn, der meine dreizehn identischen Blondinen unterscheiden konnte und immer die Schaumbarbie sein wollte.

2012 kann ich in einer Boutique für Babygeschenke zwischen rosa und hellblauen Spieluhren wählen, und als ich für das einen Monat alte Kind meiner Freundin blau aussuche, ruft die Verkäuferin: „Aber es ist doch ein Mädchen!“, und wickelt den Plüschstern gleich zweimal in fliederfarbenes Geschenkpapier.

Pink steigert den Absatz

Der Zwang zur Binarität ist zurück. In den achtziger und neunziger Jahren sahen Kinder wie Kinder aus, heute ist klar, wer die Mädchen sind: Sie tragen Rosa und Pink, langes Haar und besitzen wenigstens ein Accessoire aus der Prinzessin-Lillifee-Serie. „Pinkifizierung“ nennen Wissenschaftler den neuen alten Trend, mit dem Mädchen immer mehr zu Mädchen gemacht werden - und liefern eine einfache Erklärung: die Spielzeugindustrie. Schafft man die Zielgruppe „Kinder“ ab und führt Jungen und Mädchen ein, kann man doppelt so viele Trends setzen, doppelt so viel herstellen. So haben auch Lego und Ferrero plötzlich pinke „Mädchen“-Produktserien entwickelt, während sie zuvor lange nur für „Kinder“ waren.

Ist allein die Industrie schuld? Die Globalisierung hat Spielzeugmonopole erzeugt, die stärker als früher überall die gleichen Moden schaffen. So führt Disney mittlerweile 26000 Produkte in den eigenen Prinzessinnen-Serien, die Pippi Langstrumpf und Pumuckl weltweit aus den Mädchenregalen der Spielzeugabteilung verdrängen. Und selbst wenn Eltern die Klamotten selber nähen und in der Spielzeugkiste aus der eigenen Kindheit kramen - gegen die Pinkifizierung sind sie fast machtlos: Kaum im Kindergarten, wünschen sich auch ihre Töchter sehnlichst das rosa Armband, das alle haben. Wünsche, die durch Werbung auf allen Kanälen angereizt werden. Mit wachsendem Tempo zirkulieren die Bilder neuer Produkte auf Facebook-Seiten und Fernsehbildschirmen: Mädchen zwischen elf und 14 Jahren sind täglich mit schätzungsweise 500 Anzeigen konfrontiert.

Lillifee statt Cindarella

Aber es gibt eine Erklärung für den Trend zur Pinkifizierung, die tiefer greift. Spielzeug- und Klamottenhersteller haben die Zweigeschlechtlichkeit nicht erfunden. So manipulativ sie mit ihrer Werbung auch sein mögen - die Herstellung von taillierten T-Shirts für Dreijährige stößt auf fruchtbaren Boden. Auf Eltern, die das süß finden oder zumindest akzeptieren, auf die Launen der Prominenz. Die Pinkifizierung sagt viel über die Gesellschaft aus: Über einen neuen Konservatismus, der kleine Mädchen zu einem Stereotyp erzieht, das längst überholt schien. Lillifee, die prominenteste Vertreterin der Pinkifizierung hierzulande, lässt sich auf dieses Stereotyp reduzieren. Sie ist niedlich, hat einen roten Kussmund, eine Wespentaille, sie pudert sich gern die Nase und backt Kuchen. Doch dieser Konservatismus hat nichts mit Prüderie zu tun.

Die Amerikanerin Peggy Orenstein beschreibt in dem Buch „Cinderella Ate My Daughter“ den Wandel Aschenputtels. Die alte Cinderella sei eine Erwachsene gewesen, die neue ein Teenager. Der Teenager aber wiederum hat ein tieferes Dekolleté, eine schmalere Taille, pinkere Lippen, blondere Haare und flirtet das Gegenüber keck an - Aschenputtel ist jetzt Paris Hilton, dumm, narzisstisch und ganz schön heiß.

Mädchen auf und vor dem Bildschirm

Dass Produkte für Mädchen immer pinker sind, ist ein Teil des Trends - dass sie sexualisierender sind, auch. Und das Bild, das dabei entsteht, das Leitbild des neuen Mädchens, findet sich längst nicht nur in der Spielzeugabteilung.

Die „Vogue“ fotografierte letztes Jahr das Model Thylane Loubry Blondeau auf einem Tigerfell: Ihre perfekt geschminkten Augen blicken lasziv in die Kamera, die langen Haare in einer aufwendigen Hochsteckfrisur, die glattrasierten Beine in die Luft gestreckt, an den Füßen Stilettos - sie ist zehn Jahre alt. Im April erzählte die achtjährige Daisey Mae aus Camden, Indiana, in der amerikanischen Fernsehsendung „Toddlers & Tiaras“, die wichtigste Sache im Leben sei ein attraktives Gesicht.

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