Das spanische Ministerium für Bildung, Kultur und Sport hat vergangene Woche die größte Budgetkürzung verkündet, die es in der Nach-Franco-Zeit je gegeben hat. Die Flaggschiffe der Kultur, vom Prado über die Liceu-Oper in Barcelona bis zum Teatro Real in Madrid, erhalten rund dreißig Prozent weniger Subventionen aus öffentlichen Mitteln. Am schlimmsten trifft es die beiden großen Opernhäuser: 33 Prozent weniger.
Da es schon in den beiden vergangenen Jahren krisenbedingte Subventionskürzungen von je zehn Prozent gegeben hat, ist die Situation natürlich nicht neu, doch die Tiefe des Schnitts gibt dem Überlebenskampf der kulturellen Einrichtungen in Spanien eine neue Dimension. Er betrifft ja alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat, Musik, Theater, Kino, Museen, Denkmalpflege, Buchindustrie, Leseförderung. Da viele Institutionen gerade den Wegfall des „Sondermehrwert-Steuersatzes“ von acht Prozent zu beklagen hatten (vom 1. September an werden etwa auf Konzert-, Theater- und Kinotickets 21 Prozent erhoben, der höchste Satz der Europäischen Union), hat die Keule also schon zweimal zugeschlagen.
Budgetkürzung trifft vor allem die großen Opernhäuser
Für Alarmismus ist später immer noch Zeit, aber zwei Vorhersagen lassen sich schon jetzt treffen: Mancher Bereich der spanischen Kulturindustrie wird bis zur Auszehrung herunterschrumpfen, vielleicht eingehen. Und die Überlebenden werden im Kampf ihr Gesicht verändern. Die Frage ist: wie? Der Prado zum Beispiel hat schon auf die Krisenzeichen reagiert, als noch nicht alle Alarmglocken schrillten, und seine Abhängigkeit von der öffentlichen Hand kontinuierlich verringert: durch mehr Sponsoring, geschickte Vermarktung, Steigerung der Besucherzahlen (2011 war abermals ein Rekordjahr) und bessere Auslastung. Inzwischen ist Spaniens bedeutendstes Museum sieben Tage in der Woche geöffnet. Im kommenden Jahr gibt der Staat zum Budget von gut 38 Millionen Euro nicht mehr 15,9 Millionen, sondern nur noch 11,2 Millionen Euro dazu, das sind fast dreißig Prozent weniger.
Die beiden Opernhäuser von Barcelona und Madrid haben es besonders schwer. Das Programm muss auf vier Jahre im voraus geplant werden, wie der Generaldirektur des Liceu, Joan Francesc Marco, unlängst erklärt hat, und das ist bei der Budgetunsicherheit heutiger Zeiten eine riskante Sache. Um über die Runden zu kommen, hat die Oper, die immer ein Aushängeschild der katalanischen Bürgergesellschaft war, Personal entlassen, die Zahl der Vorstellungen reduziert und die neue Spielzeit erst Anfang Oktober begonnen. Im Sommer hört die Saison drei Wochen früher auf. Die mehr als dreihunderttausend Zuschauer, die das Liceu in der Spielzeit 2010/11 angezogen hat, werden daher ein ferner Traum bleiben.
Das Teatro Real in Madrid hat soeben einen neuen Tarifvertrag zwischen den Angestellten und der Opernleitung bekanntgegeben; Streiks und Demonstrationen dürfte es demnächst also nicht mehr geben. Dennoch ist die Lage überaus ernst. Erstmals in vielen Jahren wird der Haushalt 2013 unter die Vierzig-Millionen-Marke fallen. Generaldirektor Ignacio García-Belenguer sagte dieser Zeitung, man stehe vor einem veränderten Modell, denn von 2012 auf 2013 gebe die öffentliche Hand rund sechs Millionen Euro weniger dazu - von 42 Prozent Subventionen falle die Oper auf dreißig Prozent. Bei der Verkündung des neuen Tarifvertrags erklärte das Teatro Real sich zwar „solidarisch“ mit den Mittelkürzungen der Rajoy-Regierung, aber die Aufgabe für den Künstlerischen Leiter Gérard Mortier ist gigantisch. Auf die Frage, was die Oper am dringendsten brauche, sagte García-Belenguer: „Tapferkeit“.
Was ist der Wert von Kultur?
Die wesentlichen Leistungen kultureller Einrichtungen sind nicht messbar, können also schlecht mit Nützlichkeitserwägungen verrechnet oder in Bezug auf praktische Anwendbarkeit im Arbeitsleben bewertet werden. Was also fehlt, wenn die Kultur fehlt? Nicht viel, scheint die Regierung zu denken. Öffentliche Bibliotheken erhalten 2013 eine Förderung, die um 22 Prozent niedriger liegt als in diesem Jahr. Als wären Bildungsmangel und Lesefaulheit junger Spanier kein Problem! Die Theater müssen mit gut 16 Prozent weniger auskommen, die spanische Kinoindustrie mit 22,6 Prozent. Eine Million Euro weniger gibt es für das Filmfestival von San Sebastián, Spaniens bedeutendsten Filmwettbewerb. Auch der Denkmalschutz fällt um 24 Prozent, konkret: von 7,5 Millionen auf 5,7 Millionen Euro.
Ob das alles durchdacht ist im Hinblick auf langfristigen Schaden, sei dahingestellt. Zumindest rächt sich jetzt, dass in den sogenannten „guten Jahren“ (vor 2007, als alle Welt dachte, der Immobilienboom währe ewig) keine durchdachte Förderung an der Wurzel, sondern vorwiegend bombastische Repräsentationskultur gestemmt wurde: beifallträchtige Architekturgroßprojekte wie die Oper von Valencia etwa oder eine unfassbare Investitionsruine wie die Filmstadt bei Alicante. Magere Jahre sind Zeiten zum Nachdenken.
Musiker
Jörg Bierhance (JWBG)
- 05.10.2012, 21:47 Uhr
In Spanien gibt es viele Menschen die kämpfen darum Satt zu werden
Enzo Aduro (EnzoAduro)
- 05.10.2012, 14:07 Uhr
Man sollte der Regierung Rajoy uneingeschränkten Beifall spenden
und vielleicht könnte sich auch ...
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 05.10.2012, 13:04 Uhr