Home
http://www.faz.net/-gqz-75fa4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Machtpolitik im Kreml Geschenke von Herodes

Das hatten ihm selbst seine entschiedensten Kritiker nicht zugetraut: Präsident Putin betreibt Machtpolitik auf dem Rücken russischer Waisenkinder.

© AFP Vergrößern Versteht ihn noch jemand? Präsident Vladimir Putin am 27. Dezember nach der Aufzeichnung seiner Neujahrs-Ansprache im Kreml.

Kaum hatten die Abgeordneten der Duma das neue Gesetz, das es Amerikanern verbietet, behinderte Kinder aus russischen Waisenhäusern zu adoptieren, weisungsgemäß verabschiedet, da begann der Neujahrsgabenregen. Am letzten Sitzungstag des Jahres, an dem die Gesetzgeber ihrem Gewissen die Zentnerlast dieser Entscheidung aufluden, wurden, ihnen zum Lohn, an Oppositionellen vorbei, die mit Protestschildern die Duma belagerten, Hunderte Gasprom-Pakete voller Delikatessen aus dem Westen ins Dumagebäude geschleust.

Kerstin Holm Folgen:    

In diesen Silvesterfeiertagen, da Väterchen Frost, der russische Weihnachtsmann, die Menschen beschenkt, endet das Jahr, in dem ein wiedergewählter, aber geschwächter Präsident Putin Bürgerproteste niederrang, indem er eine genehmigte Demonstration durch Provokateure sabotieren und willkürlich mehr als zwanzig Teilnehmer einsperren ließ, die mittlerweile Monate - und möglicherweise noch monatelang - hinter Gittern auf einen absurden Prozess warten.

Vergebliches Hoffen auf Putins Einlenken

Doch die Krone des Herodes setzte der Präsident sich durch seine gesetzgeberische Antwort auf die in den Vereinigten Staaten in Kraft getretene „Magnizki-Verordnung“ aufs Haupt. Sie untersagt sechzig russischen Kriminalfahndern, Geheimdienstlern, Richtern und Gefängnisbeamten, die an der Ermordung des Juristen Sergej Magnizki beteiligt waren, die Einreise nach Amerika und jeglichen Besitz dort. Selbst manche von Putins treuesten Mitstreitern hatten sich gegen eine russische Antwort auf den amerikanischen Schritt gewendet, die kranke kleine Staatsbürger, die von ihren Eltern verstoßen wurden, der Hoffnung auf eine amerikanische Ersatzfamilie beraubt und sie für die Folgen von Verbrechern büßen lässt, deren Dienste das Regime benötigt.

Zu Putins Kritikern zählten sein Regierungschef Medwedjew, Außenminister Lawrow und sogar die Föderationsratsvorsitzende Valentina Matwienko, die dann freilich einknickte und dem Senat sein Ja-Wort zu dem Gesetz abrang. Aber selbst danach hoffte das Land auf ein kluges Einlenken Putins, der unlängst erklärt hatte, Fürsorge und Barmherzigkeit seien die Fundamente jeder Gesellschaft. Vergebens.

Für Gräber ist gesorgt

Unterdessen ließ der Erzpriester Wsewolod Tschaplin, der im Patriarchat für die Beziehungen zur Gesellschaft zuständig ist, verlauten, Waisen, die in Amerika nicht rechtgläubig erzogen würden, sei der Weg ins Himmelreich versperrt. Und auf Betreiben von Patriarch Kyrill stellte das Staatsoberhaupt jetzt zusätzliche Friedhofsflächen für das christliche Begräbnis von Waisenkindern zur Verfügung. Die letzten Wohnstätten dürften bald bezogen sein.

Mehr zum Thema

Zöglinge russischer Waisenhäuser werden routinemäßig missbraucht, wachsen oft zu Junkies oder Trinkern heran, viele begehen Selbstmord. Putins Schachzug gegen Amerika lässt viele Russen ratlos. Jetzt seien alle Appelle und Unterschriftensammlungen im Grunde sinnlos, glaubt die Journalistin Julia Kalinina. Das Regime verliere den Wirklichkeitsbezug, so Frau Kalinina, seine Selbstzerstörung sei nicht aufzuhalten. Deswegen sieht die Reporterin dem neuen Jahr fast optimistisch entgegen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kampfjets fliegen über Fregatte Kanada wirft Russland Provokation im Schwarzen Meer vor

Mehrere russische Militärflugzeuge haben nach kanadischen Angaben eine Fregatte im Schwarzen Meer umkreist. Die Regierung in Toronto protestiert scharf - und spricht von einer unnötigen Provokation. Mehr

09.09.2014, 11:18 Uhr | Politik
Putin fordert Gespräche

Der russische Präsident Putin fordert Gespräche über den politischen Status der Südostukraine. Sein Sprecher Dmitri Peskow beschwichtigt anschließend, der Präsident habe nicht einen unabhängigen Staat gefordert. Mehr

01.09.2014, 09:34 Uhr | Politik
Ukraine-Krise Russland: Sanktionen schädigen den Friedensprozess

Moskau reagiert empört auf die verschärften Sanktionen der EU und Amerikas. Im Gegenzug könnte das Land Einfuhrbeschränkungen für Autos, Kleidung und Medikamente aus dem Westen verhängen. Mehr

12.09.2014, 17:40 Uhr | Wirtschaft
Protest gegen Hitler-Titelgeschichte in Almaty

Ein kasachisches Magazin ist mit seiner April-Ausgabe auf deutliche Kritik gestoßen. Das Heft porträtiert Adolf Hitler, der zudem mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verglichen wird. Mehr

22.04.2014, 14:12 Uhr | Politik
Gegen Putin Wen die EU mit den neuen Sanktionen trifft

Die neuen Strafmaßnahmen der EU sind in Kraft. Sie treffen russische Rohstoffriesen, Separatisten-Anführer und einen engen Freund von Staatspräsident Wladimir Putin. Mehr

12.09.2014, 09:54 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.12.2012, 17:10 Uhr

Wozu Literaturpreise Shortlists veröffentlichen

Von Jürgen Kaube

Brauchen künftig alle Literaturpreise eine Shortlist? Immerhin symbolisiert sie, dass überhaupt und wie sehr geprüft wird. Dass sich aber immer gleich sechs grundsätzlich preiswürdige Bücher finden müssen, relativiert die Sache sehr. Mehr 1