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Luxemburgtag in Berlin Wladimir, ick jedenke dir

11.01.2009 ·  Zum neunzigsten Mal, aber heutzutage ohne Liveübertragung: Berlins Linke erinnert durch einen demonstrativen Umzug an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Es ist ein Weg wie ein Zeitstrahl.

Von Marcus Jauer
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Ein Berliner Sonntag. Am Frankfurter Tor wehen rote Fahnen. Auf einigen sind Sterne zu sehen, Hammer, Sicheln, ein Gewehr. Auf anderen Gesichter, Lenin, Mao, Stalin, Che Guevara. Ein junger Mann steht auf der Ladefläche eines Kleintransporters, er ruft in die Menge. Man habe mächtige internationale Gegner, sagt er. Man müsse eng zusammenstehen, sagt er. Man solle Achterreihen bilden. „Karl – Rosa – Wladimir – für unsre Zukunft kämpfen wir.“

Es ist das Ende des Zuges, dessen Spitze sich schon lange in Gang gesetzt hat, die Karl-Marx-Allee entlang Richtung Osten, vorbei an riesigen Wohnblocks, die als stalinistische Zuckerbäckerei beginnen und als karge Plattenbauten enden. Ein Weg wie ein Zeitstrahl.

An diesem Tag führt der Weg nach Friedrichsfelde auf den Zentralfriedhof, auf dem Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht beerdigt liegen und der deshalb Friedhof der Sozialisten genannt wird. Beide sind während des Januaraufstandes vor neunzig Jahren von Freikorpssoldaten ermordet worden. Seither wird ihnen am zweiten Sonntag jedes neuen Jahres gedacht. Ein Zeitstrahl auch das.

Blocks in Schwarz und Blau

Die Jungen und Mädchen, die zu Ende des Zuges laufen, sind als einzige fast geschlossen in Schwarz gekommen, was allerdings auch mit dem Block zu tun haben könnte, in dem sie gehen. Davor tragen ein paar Leute die Fahne der Freien Deutschen Jugend, blau und mit dem Zeichen der aufgehenden Sonne, aber die einen sind alt, um Mitglied zu sein, die anderen zu jung, um zu wissen, was Kampfreserve der Partei zu sein heißt. Davor läuft eine Abteilung der Gewerkschaftsjugend, die in Plastiksäcken steckt, auf denen steht, dass sie streikt, und ganz an der Spitze geht Sarah Wagenknecht und führt die Kommunistische Plattform an. Davor geht nur noch die Polizei.

Es ist nur ein Teil des Zuges, eine Abspaltung, die in noch kleinere Abspaltungen zerfällt, oft trennt sie nur der Schrägstrich zwischen marxistisch und leninistisch, und dazwischen fordern junge Palästinenser ein Ende des Krieges in Gaza und ein paar türkische Kommunisten das Ende des Kapitalismus überhaupt.

Es ist nur einundzwanzig Jahre her, da wurde der Marsch nach Friedrichsfelde noch ungekürzt im Fernsehen der DDR übertragen, und während des Zuges wurden Leute verhaftet, weil auf ihren Plakaten stand, Freiheit sei immer auch die Freiheit der Andersdenkenden. Heute steht der Satz auf fast überall, aber die Fotografen nehmen den Jungen auf, der Sonnenbrille trägt und einen Bart wie Fidel Castro.

Drei Nelken für zweifünfzig

Vor der Polizei liegt nur die gesperrte Straße, leer wie ein Moment, da die Zeit angehalten ist, bevor sie noch weiter zurückläuft. Der Friedhof kommt in Sicht. Köpfe, auf denen Pelzmützen sitzen, Gesichter, gerahmt mit großen Brillen, Körper in schweren Lederjacken und in den Händen rote Nelken. Eine Vietnamesin hat ihren Stand aufgebaut, die Nelke, einen Euro, drei Nelken, zweifünfzig. Ältere Männer warten in Gruppen und begrüßen einander, als hätten sie sich ein Jahr nicht gesehen, während ihre Frauen daneben stehen und warten. Vielleicht ist das hier inzwischen tatsächlich ihr einziger gesellschaftlicher Anlass.

Das erste Denkmal, das auf dem Friedhof für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht errichtet wurde, war eine Mauer aus Klinkersteinen, davor die Grabplatten. Ludwig Mies van der Rohe hatte es entworfen, die Nationalsozialisten trugen es später bis auf das Fundament ab und ebneten die Gräber ein. Nach dem Krieg baute die DDR dann jene Gedenkstätte, in deren Mitte der Stein mit der Inschrift „Die Toten mahnen uns“ steht, und hinter dem auch Platz für verdiente Mitglieder des Politbüros gewesen war.

Am Morgen hatte Egon Krenz, einer der letzten aus dessen Runde, eine Nelke am Stein niedergelegt. Gregor Gysi, Lothar Bisky waren da, Oskar Lafontaine ist auf Wahlkampf in Hessen. Jetzt ist es Mittag, und noch immer bilden Leute einen Kreis um den Stein und warten darauf, eine Nelke ablegen zu können. Danach gehen sie noch über den Friedhof, hinüber zu den Gräbern im Schatten der Gedenkstätte, dorthin, wo auch die Brüder Wolf begraben liegen, von denen einer Agent gewesen ist und der andere Regisseur.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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