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Ausstellungen im Luther-Jahr : Was trinken wir? Benno-Bier!

In Bewegung: Reliefgruppe mit Vertretern der kirchlichen Stände eines unbekannten Meisters aus Niedersachsen, um 1510, im Schloss Moritzburg in Zeitz Bild: dpa

Ist vor dem Jahrestag das Luther-Jahr bereits vorbei? Ausstellungen in Zeitz und Meißen erzählen vom Kampf um die Einheit der Kirche in der Reformation.

          Historische Ausstellungen tragen ein Doppelgesicht. Sie blicken in eine Vergangenheit zurück, die sie dieser zugleich entreißen und an die Gegenwart weiterreichen wollen. An der Schwelle, die der Museumsbesucher überschreitet, tritt er nicht in die Welt des Einst, sondern in den Zwischenbereich ihrer Lesarten ein. Dieser Boden ist schwankend, er unterliegt den Moden der Erinnerungspolitik, weshalb die Kuratoren gern Halt an überzeitlichen Kräften suchen. Früher waren es nationale Traditionen, heute sind es Jahrestage.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Luther-Jahr ist ein Markstein in dieser Entwicklung, deren Grenzen es zugleich schmerzhaft aufzeigt. Seit langem sah man es kommen, und nun, da es da ist, fragt man sich, wo es eigentlich bleibt. Am Geld kann es nicht liegen, denn der Bund hat schon vor sieben Jahren angefangen, Geld dafür auf den Tisch zu packen, und die Länder haben es ihm nachgetan. Eine halbe Milliarde Euro ist für Bauvorhaben und Kultur-Events geflossen, es hat Lutherbücherbusse, Lutherfestspiele, Lutherfeuerwerke und die drei großen Ausstellungen in Berlin (F.A.Z. vom 13. April), Eisenach (F.A.Z. vom 4. Mai) und Wittenberg gegeben, aber nur die Wartburg kann wie üblich Besucherströme verbuchen. Ansonsten ist der Ansturm ausgeblieben. Das Jubiläum hat sich versendet.

          Für die Museen in der Provinz, in jenen Klein- und Mittelstädten, in denen noch Schlösser und Burgen stehen, deren historisches Dekor den passenden, aber auch oft übermächtigen und einschnürenden Rahmen für Sonderausstellungen bietet, ist das besonders bitter. Im Luther-Jahr versuchen viele von ihnen, durch Präsentationen zu Randfiguren und lokalen Aspekten der Reformation auf sich aufmerksam zu machen. Aber statt vom Medienrummel um die Großveranstaltungen zu profitieren, werden sie in deren Flaute hineingezogen. Vor vier Wochen, vierzehn Tage nach der Eröffnung, meldete die Ausstellung „Dialog der Konfessionen“ im Schloss Moritzburg in Zeitz den tausendsten Besucher, inzwischen dürfte die Zweitausendermarke erreicht sein. Auch im Untergeschoss der Meißener Albrechtsburg, wo mit der Schau „Ein Schatz nicht von Gold“ der heilige Benno gefeiert wird, trifft man an einem normalen Werktag nicht mehr als eine Handvoll Interessenten. Der Ruhm der nahen Residenzstadt Dresden, deren Schätze zum erheblichen Teil mit dem Porzellan aus Meißen bezahlt wurden, wirft keine Dividende für die alte Bischofsstadt an der Elbe ab.

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          Diese Gleichgültigkeit verdienen beide Ausstellungen nicht. Die Zeitzer Schau, ein Projekt der Vereinigten Domstifter, denen vor sechs Jahren mit dem „Naumburger Meister“ ein seltenes museales Ereignis gelang, hat dabei den dankbareren, obwohl weniger bekannten Gegenstand. Julius von Pflug, Bischof von Naumburg-Zeitz zwischen 1542 und 1564, ist eine typische Übergangsfigur des Reformationszeitalters. Als er 1499 in den sächsischen Hofadel hineingeboren wurde, war die Einheit der katholischen Kirche noch intakt, in Rom hatte die Hochrenaissance begonnen; bei seinem Tod, mit dem zugleich die Selbständigkeit seines Bistums endete, ließ sich die religiöse Spaltung nicht mehr heilen, in Westeuropa breitete sich der Calvinismus aus, und um das Papsttum sammelten sich die Mächte der Gegenreformation. Pflug, der mit Erasmus von Rotterdam, Georg Agricola und Melanchthon korrespondierte und das Wormser Religionsgespräch von 1557 leitete, gehörte zu jener letzten Generation von Humanisten, die sich den zentrifugalen Kräften des westlichen Denkens entgegenstellte. Als ihre Vertreter in der zweiten Jahrhunderthälfte starben, erlosch auch der Humanismus als Lebensform und Geisteshaltung, jetzt führte der Weg in die Frühaufklärung und den Dreißigjährigen Krieg.

          Manches davon erfährt man in der Zeitzer Ausstellung, vor allem in ihrem zweiten Teil, der in der Stiftsbibliothek die Bücherschätze und Autographen des Bischofs ausbreitet. Der erste und größere Teil im Westflügel des Schlosses bebildert dagegen Pflugs Biographie: Herkunft, Studium, der Streit um das Bistum, das der erzreformatorische Kurfürst Johann Friedrich einem Gegenkandidaten übergab, schließlich die Amtseinsetzung nach dem Sieg Karls V. bei Mühlberg im Jahr 1547, die Verwaltungstätigkeit, der Kampf gegen den Zerfall der klerikalen Autorität.

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