25.07.2005 · Die Entscheidung ist gefallen: Bei der Weltmeisterschaft im Luftgitarrespiel im finnischen Oulu wird Deutschland von einer Frau vertreten. Die Studentin Katharina Tomaschek spielte in Berlin die männliche Konkurrenz an die Wand.
Von Klaus UngererAnzuzeigen ist ein betrüblicher Mißstand. Als hätten wir nicht an parlamentarischen Auflösungserscheinungen, am WM-Logo, an der Gegenfinanzierung jeder Finanzierung sowie dem Nena-Revival genug zu tragen, so müssen wir Deutschen uns eine weitere ernüchternde Wahrheit eingestehen: Im Luftgitarrenspiel sind wir nicht nur noch nie an der Spitze gewesen, es ist auch noch ein weiter Weg dorthin, und es ist nicht kapriziös zu behaupten: Dieser Weg liegt für uns abseits des Scheinwerferlichts in einem diffusen Dunkel, und wie Kabelsalat am Boden drohen mancherlei Stolperfallen, über die zu stürzen dem Luftgitarrennovizen ein leichtes ist.
Am vergangenen Wochenende fand im gut besuchten Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei die zweite deutsche Meisterschaft statt, und gewiß war da vieles gut Abgekupferte zu sehen, vieles von dem, was das Spielen der Rockgitarre ausmacht, wenn man sich einmal eingestanden hat, daß die Materialgitarre aus Holz und Stahl eigentlich ein überflüssiges und oft überaus hinderliches Attribut ist, dessen Verbannung von der Bühne man der seit zehn Jahren organisierten Luftgitarrenbewegung gar nicht hoch genug anrechnen kann.
Entblößte Körperlichkeit
Jeder der Geladenen hatte zweimal eine Minute Zeit, um sich über Kür und Pflicht für das Finale zu qualifizieren, und nicht ungern vermerkte man, wie das, was man für Randerscheinungen von Rockkonzerten gehalten hatte, hier endlich in die gebührende Zentralposition rückte: Kai Lachmann, der brandenburgische Meister, darf als stilbildend auf dem Gebiete der Haupthaarpräparierung gelten, welche ihn unentwegt Bühnenschweiß um sich schleudern ließ, um die Entschwundenheit der Gitarre zur Demonstration der eigenen, oberhalb der Hose entblößten Körperlichkeit zu nutzen.
Die Mitbewerber beackerten meistens dasselbe Feld: Bühnenjogging war Trumpf, gerne wurde auch hinterwärts umgekippt und sich auf dem Rücken im Kreise gedreht, gerne wurden Podest und Lautsprecherturm zur Entrückung des Leibes genutzt, welcher dann um so effektiver wieder auf eine Bühne rummsen konnte, auf der es sich in Rosen, Bier und Spucke suhlen ließ, welche von den anwesenden Parteien dorthin verbracht worden waren.
Unglückseliger Geniegedanke
Bei vielen Teilnehmern sowie auch im oft undisziplinierten Publikum schien ein unglückseliger Geniegedanke vorzuherrschen, der sich wahrer Meisterschaft verweigert und den prototypisch der Vorjahressieger Ingo Schulz aus Berlin vertritt: Spontan sei er 2004 auf die Bühne gegangen, spontan habe er „Highway to Hell“ von „AC/DC“ zum besten gegeben, sei „einfach nur der Musik gefolgt“. Der Wille zu Selbstverwirklichung und öffentlichem Minutenvollrausch scheint unserer jungen deutschen Luftgitarrenelite als Motivation zu genügen, es ist ihr nicht um den ehrlich erarbeiteten Sieg zu tun, lieber springen sie gleich zu Beginn ihrer Pflichtminute ins Publikum, um sich dort von erhobenen Händen durch den Saal tragen zu lassen, verwaschene Handbewegungen im Lendenbereich bleiben als traurige Schwundstufe dessen, wofür einmal das Studium eines geschichtsschweren Instruments vonnöten war.
Deutschland wird sich schwertun bei den bevorstehenden zehnten Weltmeisterschaften im finnischen Oulu. Hält man sich die Auftritte der letzten Weltmeister vor Augen, so muß eine gähnende Qualitätskluft konstatiert werden zwischen uns und besonders den asiatischstämmigen Amerikanern, deren sprichwörtliche Tüchtigkeit auch den diffizilen Umgang mit einem nicht vorhandenen und um so präsenteren Instrument zu prachtvoller Blüte getrieben hat.
Konzentrationskraft und Professionalität
Voriges Jahr demonstrierte Siegerin MiRi „Sonyk-R.O.K.“ Park, wie man eine Bühne und ein Publikum von Tausenden beherrscht: Wildes Herumrennen hat hier keinen Wert, die Dynamik hat doch am Boden gebunden zu sein, das Publikum muß fixiert und gebannt und dann erst mitgerissen werden. Und David „C-Diddy“ Young, Titelträger von 2003, zeigte, daß auch die abwesende Gitarre in dieser Sparte zum Gravitationszentrum taugt. Wie er sie seinerzeit hielt und umschmeichelte, wie er sie und sich gleichermaßen zur Ekstase brachte - das hatte eine Konzentrationskraft und Professionalität, wie sie in Deutschland noch kaum erkennbar sind.
Immerhin, ein echtes Talent hat 2005 den Sieg davongetragen. Katharina Tomaschek, eine vierundzwanzigjährige Studentin aus Eberswalde, trat nach vier Probetagen vor dem Spiegel unter dem Namen Leni Kravitzkowski erstmals an, und ihr Sieg ist ein Indiz dafür, wie wenig gefestigt die deutsche Spitze noch ist. Sie siegte nicht unverdient. Ihre sportive Spannkraft und Beweglichkeit waren eine Augenweide nicht nur für die dreifach männliche Jury; ihre Choreographie war doch immerhin solide durchgearbeitet und vereinte Spaß, Po-Wackeln und Karate-Ausfälle; darüber hinaus wies sie im Pflichtprogramm mehr Musikalität und Ernsthaftigkeit nach als das Gros ihrer Mitbewerber.
Wenn sie bis zur Weltmeisterschaft an ihrer technischen Präzision im Saitenspiel arbeitet und ein Bühnenkostüm findet, dessen Glamour unser insgeheim so lebenslustiges Land würdig vertritt vor der Welt, so sollte Ingo Schulz' elfter Platz vom Vorjahr zu überbieten sein. Aber selbst ein Vordringen in die Top ten dürfte keinesfalls darüber hinwegtäuschen, daß ein bestürzend hoher Anteil von Mitwirkenden und Zuschauern die deutsche Meisterschaft im Luftgitarrenspiel für eine Freizeitveranstaltung zu halten schien.