25.02.2003 · Der Film „About Schmidt“ basiert auf einem Roman von Louis Begley. Ein Gespräch mit dem Autor über Jack Nicholson, über das Fehlen sexuell aufgeladener Szenen und über sein neues Buch.
Der Film „About Schmidt“ basiert auf einem Roman von Louis Begley. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sprach mit dem Autor über den Hauptdarsteller Jack Nicholson, über das Fehlen sexuell aufgeladener Szenen im Film und über sein neues Buch.
Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie den Film "About Schmidt" zum erstenmal gesehen haben?
Ich muß Ihnen leider sagen, daß ich eine solch jungfräuliche Erfahrung gar nicht machen konnte. Denn einer der Produzenten hatte mir das Drehbuch geschickt,. Einiges, woran ich mich noch gut erinnerte, kam darin nicht mehr vor. Ich war also gewarnt und darauf vorbereitet, daß der Anwalt Albert Schmidt aus dem feinen Bridgehampton auf Long Island sich in den Versicherungsfachmann Warren Schmidt aus Omaha verwandeln würde.
Wie haben Sie auf die Veränderungen reagiert?
Nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, fragte ich den Produzenten: Wie können Sie denn um Himmels willen einen Hollywoodfilm mit einem Superstar wie Jack Nicholson drehen und keinen Sex miteinplanen? Ich dachte, es sei eine Grundregel, daß es in einer solchen Produktion romantische, sexuell aufgeladene Szenen geben müsse. Ihr Fehlen hat mich darum ungeheuerlich in Erstaunen versetzt.
Zumal ja auch der Titelheld Ihres Buches nicht gerade enthaltsam lebt.
Natürlich nicht, und das ist für meine Geschichte auch sehr wichtig. Der Geschlechtstrieb meines Schmidtie, ich fühle mich sogar verleitet zu sagen: sein rebellischer Geschlechtstrieb, ist der Schlüssel zum Verständnis seiner Vergangenheit. Im Gegensatz dazu hat mich der Umzug Schmidts von Bridgehampton nach Omaha, Nebraska, nicht weiter berührt. Ich hatte Alexander Payne, den Regisseur, und Jim Taylor, seinen Drehbuchautor, kennengelernt und ihre Filme "Election" und "Citizen Ruth" gesehen, und danach war mir klar, daß Bridgehampton nicht ihr natürliches Milieu war. Was ja wirklich nicht von Nachteil ist, denn ihr eigenes Ambiente kennen sie um so besser. Gott allein weiß, auf welche Irrwege sie geraten wären, wenn sie statt dessen versucht hätten, mein Milieu zu schildern.
Haben Sie nicht bedauert, wieviel der Film von ihrer Geschichte ausließ?
Vieles hätte gar nicht in den neuen Rahmen gepaßt. Denken Sie etwa an Schmidts antisemitische Neigungen. Sie werfen ein Schlaglicht auf Leute von Schmidts Alter, Herkunft und Erziehung. Ein zurückgenommener, abgemilderter, aber doch heimtückischer Antisemitismus gehört einfach zum Porträt eines solchen "Wasp" und seiner sozialen Klasse. In Omaha dagegen, wohin sich, wer weiß, noch nie ein Jude getraut hat, stellt sich das Problem des Antisemitismus sicher ganz anders.
Schwerer wiegt, daß die junge Kellnerin, in die Schmidt sich verliebt, nicht vorkommt.
Der Auftritt einer jungen Frau bietet in meinem Roman nicht nur die Gelegenheit, heißen Sex zu beschreiben. Durch sie fand Schmidt einen Weg zur Heilung vom Gefühl des Verlustes seiner Frau und von Wunden, selbst zugefügten oder nicht, aus der problembeladenen Beziehung zu seiner Tochter. Für mich war das ein sehr wichtiger Aspekt im Porträt von Schmidt. Alexander Payne und Jim Taylor haben so etwas Ähnliches wohl angepeilt, als sie den kleinen Jungen Ndugu erfanden, und das ist völlig in Ordnung, auch wenn mir das niemals eingefallen wäre.
Im Film bleibt lange in der Schwebe, welche Rolle der Junge in Schmidts Leben spielt und ob nicht die ganze Episode ironisch gefärbt ist.
Ich glaube, sie ist ernst gemeint, wenn ich auch weder mit Payne noch Taylor darüber gesprochen habe. Es ist fast egal, ob es diesen Jungen wirklich gibt, ob Schmidt an der Nase herumgeführt wird oder nicht. Wichtig ist, daß er so die Möglichkeit selbstloser Liebe erkennt, daß er die Chance bekommt, über sich hinauszuwachsen. Denn das tut er schließlich, und ich finde, der Film zeigt das ganz wunderbar. Er wird da sehr berührend, sehr rein.
Sehen Sie in den Tränen, die Schmidt am Filmende vergießt, eine Art Wiederentdeckung der Welt?
Ja, so habe ich das verstanden, und ich glaube, es ist großartig gelungen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, das so darzustellen. Zudem ist Film ein außerordentliches Medium, allein durch die Schauspielkunst. Was sich etwa in Nicholsons versteinertem Gesicht zu Anfang des Film widerspiegelt, als er auf die Uhr schaut, die ihm die letzten Sekunden seines Berufslebens anzeigt, das ist einfach umwerfend. Ich mußte ziemlich hart daran arbeiten, um Schmidts Gefühle beim Verlassen seiner Firma in Worte zu fassen. Und dort auf der Leinwand war es dann konzentriert zu sehen, im Phlegma dieses Mannes. Wie läßt sich das in Worte fassen? Fabelhaft!
Hätte Jack Nicholson auch als Anwalt aus Bridgehampton Furore gemacht?
Natürlich! Er kann alles. Er könnte auch eine saure Gurke glaubhaft verkörpern.
Hat Ihre Toleranz für Veränderungen, ja Ihre Freude daran womöglich auch damit zu tun, daß der Film die Welt des Albert Schmidt unangetastet läßt, daß Ihr Buch gleichsam intakt blieb?
Genauso ist es wohl. Ich glaube, ich hätte Höllenqualen durchlitten, wenn Payne und Taylor dazu entschlossen gewesen wären, eine getreue Adaption herzustellen. So aber gab es keine vulgarisierte Version meines Buches, keine falschen Zitate. Wie hätten die beiden auch wissen sollen, was ich dachte und fühlte?
Hätten Sie Lust, selbst ein Drehbuch zu verfassen?
Das einzige Drehbuch, das ich je gelesen habe, war das zu "About Schmidt", und ich hatte den Eindruck, einen Dramentext vor mir zu haben. Mir kam das zwar nicht obskur vor, aber es lag außerhalb meines künstlerischen Erfahrungsbereichs.
Gleichwohl soll es in Ihrem nächsten Roman auch etwas über filmisches Geschichtenerzählen zu lesen geben.
Ja, er wird den Titel "Shipwreck" tragen, und sein Protagonist ist ein Schriftsteller, den ich an einem bestimmten Punkt dazu bringen mußte, New York zu verlassen. Ich schickte ihn zunächst einmal nach Paris, wo ein Film nach einem seiner Bücher gedreht wird. Anschließend brauchte ich ihn in Hollywood, und dabei kam mir der Gedanke, ihn mit Schwierigkeiten beim Drehbuchschreiben nach George Eliots "Daniel Deronda" auszustatten. Es muß da viel vereinfacht werden, weil es um einen viktorianischen Roman geht mit vielen Haupt- und Nebenhandlungssträngen. Aber es gibt noch eine weitere Dimension: Film kann Bedeutung durch Bilder vermitteln, ohne viel Hilfe vom Dialog. Natürlich muß ein Roman statt dessen Wörter einsetzen, also Dialoge und, in meinem Fall, oft innere Dialoge.
Wird es in "Shipwreck" um den Unterschied zwischen beiden Erzählformen gehen?
Nein, das ist nur Motiv.