http://www.faz.net/-gqz-7hnrq

Loriot-Ausstellung in München : Das hat Loriot nicht verdient

Die Knollennase weist den Weg zu Loriots Werken. Textliches bleibt in der Ausstellung Mangelware Bild: Andreas Gebert/dpa

Bespielung einer Marke: Das Münchner Literaturhaus stellt den Nachlass Loriots aus. Das ist schön anzusehen, mehr aber auch nicht. Dem Meister und seinem Werk wird die Ausstellung so nicht gerecht.

          Als Loriot im August 2011 starb, hatte der 1923 als Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow geborene Zeichner, Schauspieler und Regisseur den Status eines deutschen Denkmals erreicht. Keiner, der ihn nicht mag, viele, die passagenweise Szenen auswendig können. Der kleinste und gleichzeitig größte gemeinsame Humor-Nenner, auf den sich die Nation in allen Altersklassen einigen kann. Inklusive des Missverständnisses, Loriot sei ein rein deutsches Phänomen. Man mache den Test mit europäischen Nachbarn: Die erkennen das „typisch Deutsche“, aber auch die universale Botschaft der Knollennasenwelt.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Ausstellung mit Werken aus dem Nachlass, die Peter Geyer und O.A. Krimmel jetzt im Literaturhaus München kuratiert haben, hält das Interesse an Loriot mit 250 Objekten wach. Optisch intimer gemacht hat man den langen, schwer zu bespielenden Ausstellungsraum mittels Kabinetten. Durch die zur Pappfassade aufgeblasene „MiezKaserne“ (eine Zeichnung, die ein Mehrparteienhaus voller Katzen zeigt) betritt man den Raum mit den „Frühstücken“. Hier sind Loriots erste Gehversuche auf dem Gebiet der Witzzeichnung zu sehen, dazu eine Handvoll Briefe, die er an Redaktionen der Zeitschriften „Weltbild“ und „Quick“ schrieb.

          Kein Meister fällt vom Himmel

          Die Antworten beweisen, dass er nicht als Meister vom Himmel fiel. Am 6. Oktober 1952 bietet er eine „Witzserie“ an, die „Weltbild“ zwei Tage später als „nicht geeignet“ ablehnt. Zwei Jahre später liefen die Geschäfte besser, Loriot wohnt in Hamburg in der respektablen Parkallee, die Redakteurin Gullan Schündler findet die Zeichnungen „ganz himmlisch“. Rückschläge bleiben nicht aus, nicht immer findet er den richtigen Ton für das „hochwassergeschädigte“ Publikum. Am 5. März 1956 schreibt Helmut Wahl, „in der ganzen Redaktion“ sei „kein Mensch hinter die Pointe gekommen“. Es sei eben bedauerlich, „daß der liebe Gott es Dir versagt hat, Frauen zu zeichnen“. Gezeichnet „Dein Helmut“.

          Der Chronologie dieser Künstlerbiographie folgt die Schau bewusst nicht. Parallel zu den Anfängen im Magazin-Bereich werden nebst Vorstudien die acht ausgeführten Köpfe der als eigenes Buch geplanten „Deutschen Köpfe“ gezeigt. Witziger als diese weithin bekannten Knollennasen-Porträts von Dürer bis Arno Schmidt ist freilich die handschriftliche Liste der Deutschen, die Loriot zu zeichnen plante. Darauf die Namen Hegel, Kant, Bach, Fontane, Kopernikus, Einstein und Kleist; dann die Beutedeutschen Maria Theresia, Freud und (Gottfried) Keller – sowie die orthographisch unsauberen Herren „Nitzsche“ und „Humbold (Wilh.)“ sowie ein moderner Jedermann namens „Schultze (unbekannt)“.

          Oben rechts lächelt der Humorist, der sich den Schatten stellt: Ausschnitt aus einem „Nachtschattengewächs“ von 2009.
          Oben rechts lächelt der Humorist, der sich den Schatten stellt: Ausschnitt aus einem „Nachtschattengewächs“ von 2009. : Bild: Loriot

          Widmungsblätter aus Briefen und Büchern zeigen „Privates und Halbprivates“ und dass Loriot neben Familie und Freunden und Künstlerkollegen auch seinem Postboten die Reverenz erwies. Neue Möpse sind auch aufgeboten. Wie er seine Gäste beim Abschied inszenierte, hat unlängst das „Loriot Gästebuch“ dokumentiert, auch diese hübsche Idee erhält ausreichend Raum. Die ersten Versuche mit der Super-8-Kamera zeigt ein Kurzfilm aus dem Jahr 1961, den die Eheleute von Bülow mit Gästen drehten. Die Persiflage auf Edgar Wallace „Die toten Augen von Gauting“ wird nicht in die Filmgeschichte eingehen, zeigt aber schon die Präsenz, die Loriot mitbringt.

          Weitere Themen

          Freiheit, die sie malte

          Alice-Neel-Schau in Hamburg : Freiheit, die sie malte

          Die amerikanische Malerin Alice Neel ist noch immer eine berühmte Unbekannte. Eine Ausstellung in Hamburg ändert das jetzt. Zu sehen ist ihr grandioses Lebenswerk.

          Gestohlene Lennon-Tagebücher beschlagnahmt Video-Seite öffnen

          John Lennon-Nachlass : Gestohlene Lennon-Tagebücher beschlagnahmt

          John Lennons Tagebücher, die typische Brille, eine Schachtel mit Jahrzehnte alten Zigaretten - diese und rund hundert weitere offenbar gestohlene Gegenstände aus dem Nachlass des Musikers hat die Polizei in Berlin beschlagnahmt. Ein 58-Jähriger wurde wegen des Verdachts auf Hehlerei festgenommen.

          Auf gut Deutsch Video-Seite öffnen

          Uhren : Auf gut Deutsch

          Es müssen nicht immer Schweizer Uhren sein. 15 Beispiele für Zeitmesser Made in Germany.

          Topmeldungen

          Berthold Albrechts Witwe Babette kämpft im Rechtsstreit bei Aldi Nord um ihren Einfluss (Bild aus dem Jahr 2015)

          Gerichtsverfahren : Machtkampf bei Aldi Nord geht weiter

          Vor Gericht streiten die Firmenerben von Aldi Nord weiter um ihren Einfluss auf die Führung des Discounters. Wie steht es um die Entscheidung im Machtkampf der Nachfahren von Theo Albrecht?

          Schwierige Regierungsbildung : Die Verantwortung der SPD

          Die Sozialdemokraten stehen vor einem entscheidenden Wendepunkt. Solange Jamaika möglich war, sprach nichts gegen konsequente Opposition. Doch jetzt sieht die Lage anders aus. Ein Kommentar.

          Kampf um CSU-Spitze : Seehofer und der verdrehte Kalender

          Einigen in der CSU reißt langsam der Geduldsfaden. Doch Vorsitzender und Ministerpräsident Horst Seehofer bestimmt immer noch selbst, wann was entschieden wird. Ein Beraterkreis soll helfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.