07.07.2005 · Zuflucht und Falle zugleich: Von Anfang an verbinden sich mit der Londoner U-Bahn auch Bilder des Todes. Seit dem 11. September 2001 ist in London mit einem Anschlag auf die Züge gerechnet worden.
Von Gina Thomas, LondonFür eine kurze Zeit, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg, diente die U-Bahn den Londoner als Zufluchtsstätte, als Ort der Geborgenheit, während oben auf der Straße die Hölle los war.
In zahlreichen Chroniken ist die aufgesetzte Heiterkeit dokumentiert, jener nahezu mythische „Geist des Blitzes“, mit dem die Briten standhielten, obwohl sich mit dem Troglodyten-Dasein die größten Unannehmlichkeiten vor allem sanitärer Art verbanden. Dennoch wurden tief unter der Erde Feste gefeiert, Spiele gespielt, Abendstunden abgehalten, Theater-und Film-Aufführungen veranstaltet. Es gab Leihbibliotheken und Kantinen.
Aus der Tiefe
In einem dieser improvisierten Luftschutzräume wurde sogar ein Klavier hervorgeholt. In Swiss Cottage brachte eine Gruppe eine Zeitung heraus mit dem Titel „De Profundis“ (Aus der Tiefe). In der ersten Nummer grüßten die Herausgeber ihre „nächtlichen Gefährten, unsere vorübergehenden Höhlenbewohner, unsere Schlafkompagnons, Schlafwandler, Schnarcher, Schnatterer und alle, die die Station Swiss Cottage auf der Bakerloo-Linie von Sonnenuntergang bis Morgengrauen bewohnen“.
Henry Moore aber hat in seinen berühmten Zeichnungen ein grimmigeres Bild zusammengedrängter Menschen festgehalten, die ohnmächtig daliegen in klaustrophobisch Verhältnissen. Die gesichtslosen Figuren wirken wie sterbende Tiere, die sich in einem Dachsbau vergraben haben; die Decken, in die sie gehüllt sind, ähneln Leichentüchern.
Im Laderaum eines Sklavenschiffs
Moore, der oft in Liverpool Street, einer der jetzt von den Anschlägen getroffenen Stationen, tätig war, hat seine Zeichnungen anhand von Skizzen und Notizen aus der Erinnerung gefertigt. An Ort und Stelle zu arbeiten erschien ihm so, wie wenn man im Laderaum eines Sklavenschiffs gezeichnet hätte. Daher auch der visionäre Charakter dieser Arbeiten, die mitunter in die Nähe von Gericaults Leichenhausstudien für das „Floß der Medusa“ und Giacomettis Skulptur eines sterbenden Mannes gerückt worden sind.
Von Anfang an verbinden sich mit der Londoner U-Bahn denn auch Bilder des Todes. Als Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Pläne geschmiedet wurden für ein getunneltes Verkehrsnetz, welches das Chaos der Kutschen und von Pferden gezogenen Omnibusse lindern sollte, beschwor ein Prediger finstere Bilder. Dr. Cuming warnte vor der Beschleunigung des bevorstehenden Weltuntergangs durch den Bau von unterirdischen Eisenbahnen, die höllische Gebiete durchbohren und so den Teufel stören würden.
Beleidigung des Verstandes
Skeptisch beurteilte auch die „Times“ das Vorhaben. Es sei utopisch und würde sich nie rentieren, schrieb das Blatt 1861: „Die ganze Idee gleicht allmählich den Plänen für fliegende Maschinen, Krieg mit Ballons, Tunnel unter dem Ärmelkanal und anderen kühnen, aber gefährlichen Vorschlägen ähnlicher Art.“ Es sei eine Beleidigung des Verstandes, anzunehmen, daß die Menschen es sogar vorziehen würden, in der Finsternis durch die faulige Untererde Londons gefahren zu werden Knapp zwei Jahre später feierte die „Times“ die Eröffnung der Metropolitan Railway als „großen technischen Triumph der Zeit“.
Die Begeisterung aber war schnell verflogen. Die fensterlosen Abteile wurden „gepolsterte Zellen“ genannt, und schon bald kam der Beiname „die Elendslinie“ in Umlauf. Ein amerikanischer Journalist berichtete Ende des Jahrhunderts, wie er bei einer Fahrt von Baker Street nach Moorgate fast erstickt wäre. In seinem Tagebuch notierte er, er habe soeben seine „erste Erfahrung mit der Hölle“ gemacht und wenn es dort unten tatsächlich so sei, werde er niemals wieder etwas Falsches im Leben tun. Er gab diesem mit Schwefel, Kohlestaub, Pfeifengestank und dem üblem Rauch der Gaslampen gefüllten Transportmittel keine lange Zukunft. Von den Unannehmlichkeiten der U-Bahn wissen die Pendler auch heute noch ein Lied zu singen.
36 Kegel Schießpulver
Neben dem Aberglaube des Dr. Cuming und den atavistischen Ängsten vor dem einer Grabkammer gleichenden Unterirdischen, ist die U-Bahn lange vor der Bedrohung durch Al Qaida als Angriffsziel betrachtet worden. In vielen Londoner Hinterköpfen spukt auch nach vierhundert Jahren immer noch das Trauma der verteilten Verschwörung des Guy Fawkes, der in den Kellergewölben des Parlaments 36 Kegel Schießpulver verstaut hatte, um die ganze Legislative zu vernichten.
Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges hieß es, deutsche Geheimdienstagenten hätten Sprengstoff in einem Tunnel versteckt. In den siebziger und achtziger Jahren, als die IRA ihre Terrorkampagne auf dem Festland ausübte, galt die U-Bahn als bevorzugtes Ziel. Im März 1976 kam es zu einem Zwischenfall in einem Zug der District Line, wo die Bombe eines irischen Terroristen plötzlich Rauch ausstieß. Er geriet in Panik, warf die Bombe zu Boden und verletzte damit neun Passagiere, sich selber eingeschlossen. Bei seinem Fluchtversuch erschoß er einen Mann und verwundete einen anderen.
Längst verdrängte Angst
Das Ereignis ist kaum jemandem in Erinnerung geblieben und die Angst vor der IRA ist längst verdrängt worden, zunächst durch apokalyptische Visionen eines chemischen Angriffes, die sogar dazu geführt haben, daß die Putzkräfte ein anderes Mittel verwenden müssen, um das Erbrochene betrunkener Passagiere zu beseitigen, weil das weiße Pulver von einst die U-Bahn-Benutzer in Angst und Schrecken versetze.
Seit dem 11. September 2001 ist in London mit einem Anschlag, vor allem auf die U-Bahn, gerechnet worden. Als die schlimmsten Befürchtungen nun in Erfüllung gingen, wirkten die Fernsehmoderatoren plötzlich wie Schauspieler, die ihre Rolle übernommen haben in einem der vielen Szenarien, die in Dokumentarfilmen und imaginierten Darstellungen einer solchen Katastrophe ausgemalt wurden. Erst allmählich holte die Realität die Zuschauer ein. Und während klar wurde, daß es sich um eine koordinierte Kampagne handelte, behauptete sich insbesondere bei den Sicherheitskräften erneut der vielgerühmte Geist des Blitzes, den bereits Henry Moore sinnbildlich erfaßt hat.