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Londoner Buchmesse Das letzte Gefecht hat schon begonnen

 ·  Die Londoner Buchmesse sieht schlechten neuen Zeiten entgegen: China und Amazon revolutionieren den Buchmarkt und die E-Book-Branche kämpft gegen Vertrauensverluste.

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© dpa Schauplatz einer fatalistischen Buchmesse: Der Earls Court in London

An diesem Bild kommt keiner vorbei. Es dominiert den Messestand des Verlags Little, Brown und zeigt die berühmteste Autorin der Welt, die sich anschickt, einen neuen Roman zu veröffentlichen. J.K. Rowling steht da, darunter der Buchtitel „The Casual Vacancy“. Das Porträt im Stil eines Renaissancefürsten zeigt eine dünne blonde Frau, deren Dekolleté eine massive dreifache Kette schmückt, die in goldenen Viertelkreisen auf mittige Kugeln zulaufen; an der linken Hand ein doppeltes Ringband mit Edelstein. Die Fingernägel sind im French-Look lackiert, die Manschetten der Bluse umgeklappt. Alles erdfarben Ton in Ton, in einer perfekten Balance kühler Eleganz. Hier thront die Königin des globalen Buchmarkts, aber ein wirkliches Messethema ist ihr Buch dennoch nicht.

Das ist den neuesten Entwicklungen rund um Amazon und den angeblichen Preisabsprachen in Sachen E-Book vorbehalten. Keiner, der dazu nicht eine Meinung hätte, von apokalyptisch bis achselzuckend. Der Selbstvertrauensverlust der Branche ist immens, und so war die Podiumsfrage, ob die Branche im Jahr 2012 noch über ein nachhaltiges und zukunftsweisendes Geschäftsmodell verfüge, mehr als bloße Rhetorik. Eine Runde von Spitzenvertretern der Industrie gab darauf unterschiedliche, aber zunächst vertraute Antworten - näher an den Kunden, der Kunde entscheidet, gib dem Kunden, was der Kunde will - bis Richard Charkin (Bloomsbury Verlag) den Audible-Gründer Donald Katz frontal anging. Der rauflustige Büchermann warf dem wendigen Gründer des weltgrößten Hörbuchportals vor, er habe das jahrhundertealte Geschäftsmodell zwischen Autor und Verleger nachhaltig untergraben. Katz giftete bemüht höflich zurück, er befriedige nur auf direktem Wege die Kundenwünsche - wie könne ein Verlag es wagen, sich zwischen den Kunden und den Autor zu stellen?

Mehr als ein totalitärer Anspruch

Charkin hatte in seinem Statement behauptet, heute dominierten Algorithmen das Geschäft, früher seien es auch schon mal Alkorhythmen gewesen. Er spielte damit auf eine sagenumwobene Zeit der Verlegerei an, in der mit Bauchgefühl und Buchpreisbindung gewirtschaftet wurde. Diese Ära liegt im Vereinigten Königreich gerade einmal zwei Jahrzehnte zurück. Ein typischer Vertreter der neuen Generation ist etwa Edward Wilson von der Londoner Literaturagentur Johnson & Alcock. Als die Buchpreisbindung abgeschafft wurde, war er zehn Jahre alt; seit fünf Jahren ist der dreißigjährige Dynamiker im Buchgeschäft. Geradezu schwärmerisch beschreibt er die vielen neuen Chancen der Digitalzeitalters. Dass ein „Mommy Porn“ wie E.L. James’ Sadomaso-Roman „Fifty Shades of Grey“ sich als E-Book durchsetzt und dann für einen siebenstelligen Betrag von Random House Amerika gekauft wird, um als Buch verlegt zu werden, findet er umwerfend: „Das Buchgeschäft ist endlich ein Geschäft wie jedes andere auch“, sagt Wilson. Man müsse einfach härter arbeiten, früher hätten die Verleger dreistündige Mittagessen für normal gehalten.

Die Normalität des Jahres 2012 sieht weniger märchenhaft aus. Der kleinteilige Buchmarkt versucht im Schlagschatten der vier Riesen Amazon, Apple, Google und Microsoft sein Habitat zu retten. Diese Firmen haben nicht nur einen totalitären Anspruch in der Kundenbindung angemeldet - sie sind auch dabei, ihn umzusetzen. Und es geht ihnen um viel mehr als nur um die Optimierung von Profiten. Dass ein gutes Geschäft immer eines ist, in der die Gegenseite auch noch Luft zum Atmen hat, scheint so einem Hausverstand geschuldet, der Welt- vor Geldanschauung setzte.

Die chinesische Delegation ist dreitausend Mann hoch

Seit sich das amerikanische Justizministerium und in seinem Kielwasser der Brüsseler Wettbewerbskommissar so intensiv um die Buchbranche bemüht - eine im weltwirtschaftlichen Maßstab winzige Branche -, reiben sich viele Marktteilnehmer irritiert die Augen. Die Billionen-Bankrotteure der Wall Street haben dort weniger Interesse hervorgerufen. „Collusion“ ist das Wort der Stunde: „geheimes oder betrügerisches Verhalten, Verdunklung eines Sachverhalts, abgekartete Sache, Schwindel“. Das ist der Vorhalt der Behörden gegenüber den Verlagen. In Deutschland richtet er sich an die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, zu deren Imperium auch der amerikanische Verlag Macmillan gehört. Weil sich Macmillan, wie berichtet, im E-Book-Verfahren einem Vergleich verweigert, braucht Holding-Geschäftsführer Rüdiger Salat derzeit anwaltliche Begleitung bei Terminen, wenn er sich nicht dem Verdacht der Preisabsprache ausliefern will. Das sind Methoden, die in der Buchbranche bislang unüblich waren - und die der verbreiteten Stimmung, man befinde sich in einem letzten Abwehrkampf, Zunder geben. „Die deutschen Verleger sind die Letzten, die die Fahne hochhalten“, sagt Hans-Peter Übleis, Chef der zu Holtzbrinck gehörenden Verlagsgruppe Droemer Knaur.

Dabei gibt es noch einen weiteren Schauplatz, den deutsche Verlage beobachten sollten. Wer sich der Buchmesse von der Station West Brompton her nähert, könnte meinen, das Ausstellungsgelände in Earls Court sei in die Hände der Chinesen gefallen: Eine einsame rote Fahne weht über dem Eingang, so, als hätte China London besetzt. In der Tat ist der Auftritt des Gastlandes opulenter als alle seine Vorgänger; dreitausend Mann hoch ist die chinesische Delegation erschienen. Der Protest des dissidenten Autors Bei Ling gegen die angeblich ungehemmte wirtschaftliche Zusammenarbeit ist verhallt. Die Wirtschaftsmacht China zeigt hier nicht nur, wo und wie für die Welt gedruckt wird, sondern dass sich dort auch ein riesiger Lesermarkt auftut.

Währenddessen ist der englische Markt weiter in solider Katerstimmung. Es gibt ein verspätetes Erwachen in Sachen Qualität. Nachdem seit Jahr und Tag die Lektoratsabteilungen zu Verladestationen degradiert und das Kerngeschäft an die Agenturen verwiesen wurde, waren bei einigen Diskussionsrunden Worte der Reue zu vernehmen. „Es wird noch immer das Buch eingekauft, mit dem man am wenigsten Arbeit hat“, klagte die unlängst ins Agentur-Fach gewechselte langjährige Lektorin Rebecca Carter. Und im Übersetzer-Zentrum waren gar Selbstanklagen über die Beschränktheit der englischsprachigen Welt zu vernehmen, die sich freiwillig so viele wichtige Bücher entgehen lasse. Aber auch hier ist mit AmazonCrossing, der neuen Übersetzungsabteilung, wieder ein Großer zur Stelle. Auch Selbstverlags-Plattformen schießen weiter aus dem Boden, als wäre der Menschheit damit gedient, dass noch mehr nichtlektorierte Bücher das Licht der Welt erblickten. Leben kann davon ohnehin niemand; der amerikanische Durchschnittsautor erzielt im Jahr derzeit sechstausend Dollar, in England sieht es genau so mau aus.

„Die aktuelle Idee, Bücher hinter eine Glasscheibe zu stecken“, so George Lossius von der Firma Publishing Technology, „wird in fünf bis sieben Jahren nicht mehr funktionieren.“ Der technologische Wandel werde sich weiter beschleunigen, die Verleger hätten auf ihn bisher viel zu ängstlich reagiert. Sie starrten auf Amazon wie auf einen Todesstern. Wo und wie aber sich die Branche mit Zuversicht versorgen könnte, war in London nicht wirklich auszumachen. Richard Charkin illustrierte die Lage mit seinem Blackberry. Wenn er in einer Mail „colluding“ - die Verlaufsform von „to collude“ (unter einer Decke stecken) - eingibt, streikt das Rechtschreibprogramm und fragt, ob „colliding“ gemeint sei.

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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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