17.10.2002 · Ein geschickter Werbemann war er schon immer. Jetzt will er seine Kunstsammlung ins Licht rücken: Charles Saatchi zieht um.
Charles Saatchi, der als Kunstsammler beim Triumphzug der „Britart“ in den 90er Jahren eine entscheidende Rolle gespielt hat, bezieht im kommenden Frühjahr mit seinem Privatmuseum, der „Saatchi-Gallery“, ein neues Quartier am Südufer der Themse. Unweit der Tate Modern und direkt gegenüber von Big Ben und den Houses of Parliament soll das ins Zentrum gerückte Museum dann zu einer noch größeren Touristenattraktionen in der britischen Hauptstadt werden, als es die Neue Tate schon ist.
Saatchi zieht mit seiner Sammlung in die früheren Gebäude des Londoner Stadtrats. Sie soll sieben Tage in der Woche jeweils zwölf Stunden zugänglich sein. Saatchi will in den neuen Räumen eine größere Auswahl aus seiner rund 3.000 Werke umfassenden Kollektion vorstellen. Zu den Vorteilen des neuen Standorts zählt man die Nähe zum Eurostar-Bahnhof Waterloo, wo Besucher vom europäischen Festland anlangen.
Saatchi-Künstler sind bekannt
Neben der ständigen Schau wird es Wechselausstellungen geben. Bisher war die Galerie, vergleichsweise abgelegen, in ehemaligen Industrieräumen im Nordlondoner Stadtviertel St. John's Wood beheimatet. Der Umzug an die South Bank soll nach 15 Jahren nun einem größeren Publikum die zeitgenössische britische Kunst nahe bringen. „Ich will nicht, dass die Künstler, an die ich glaube, bis zu ihrer Pensionierung warten müssen, bis das Publikum ihre Werke in großen Ausstellungen sehen kann“, meint Saatchi.
Er besitzt Werke von Künstlern wie Damien Hirst, Tracey Emin, den Chapman-Brüdern, Jenny Saville, Fiona Rae oder Sarah Lucas, die er selbst berühmt gemacht hat. Mit seinem Umzug liegt Saatchi im Trend vieler Londoner Kunstinstitutionen, die sich in den vergangenen zwei Jahren räumlich vergrößerten und in den billigeren Osten oder Süden Londons abwanderten. Auch Jay Jopling, dessen erste Galerie im Westend die Größe eines Wohnzimmers hat, hat inzwischen eine erhebliche Erweiterung im Osten Londons vorgenommen und plant für die nahe Zukunft eine weitere Galerie: White Cube2.
Londons Liebe zur zeitgenössischen Kunst hält an
Das Phänomen des andauernden Londoner Kunstbooms lässt sich an einer Ausstellung in der Royal Academy of Arts ablesen: „The Gallery Show 2002“. Dabei bespielen 20 führende Londoner Galerien für Gegenwartskunst in 20 Sälen ihr aktuelles Programm. Das dokumentiert die neue Bedeutung und Popularität der zeitgenössischen Kunst im ehemals „antimodernen“ Großbritannien. Immerhin hat sich in den vergangenen fünf Jahren die Zahl der Galerien, die in London ambitioniert zeitgenössische Kunst anbieten, von weniger als 10 auf mehr als 50 erhöht.
Die Eröffnung der Tate Modern vor zwei Jahren war ein weiterer Meilenstein. Daneben zeigen auch Institutionen wie Tate Britain, Whitechapel Gallery, South London Gallery, Hayward Gallery und die Royal Academy of Arts inzwischen regelmäßig Kunst der unmittelbaren Gegenwart.
Die Zeitung „The Daily Telegraph“ stellte angesichts des geplanten Saatchi-Umzugs die Frage, ob der Londoner Markt nicht allmählich übersättigt sei, da die „Young British Artists“ längst zum Establishment gehörten und die Substanz ihrer Schock-Werke abklängen. Sollte alles nur Show und Talent zur Selbstvermarktung gewesen sein? Eines scheint jedenfalls sicher, kommentiert der „Daily Telegraph“: Die Kunst von Hirst, Tracey Emin oder Garry Hume habe allein schon deshalb große Überlebenschancen, weil die Museen bereits große Geldsummen in sie investiert hätten.