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Lokführerstreik Unser Leben im Abteil

 ·  Wir alle hätten in den vergangenen Tagen daheim und in den wenigen Zügen vor uns hin lächeln müssen: Der Streik war ein Streik für uns alle. Die November-Avantgarde hat uns aus den gewohnten Bahnen gerissen - eine Danksagung von Eberhard Rathgeb.

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Die Lokführer haben nicht nur für sich gestreikt, sondern auch für uns. Wenn Fabrikarbeiter streiken, weil die Fabrik geschlossen werden soll, streiken sie für sich, für ihren Arbeitsplatz, sie streiken für das Weitermachen. Alle machen weiter, und auch sie wollen weitermachen. Die Lokführer aber sitzen an einem ganz anderen Hebel. In ihrem Streik liegen allgemeine Erkenntnisse und individuelle Interessen nahe beieinander. Ihr Streik ist unsere Chance.

Sein Leben lang ist man damit beschäftigt, von A nach B zu kommen, und Heiler behaupten sogar, dass die Seele im Jenseits nicht sofort am Ziel ist, sondern zusehen muss, wie sie wohlbehalten zur reinen Quelle allen Seins (oder wie die Haltestelle der Geister dort heißen mag) kommt. In den letzten Tagen teilten viele Seelen auf Erden ein Problem: Wie sie von daheim zur Arbeit gelangen würden.

Als käme ihnen der Streik recht ...

Normalerweise fahren die Leute von daheim zur Arbeit auch mit der Bahn. In den vergangenen Tagen war das schwierig. Doch die Leute haben gegen diesen Bahnausfall nicht heftig protestiert, so als käme der Streik ihnen gerade recht. Nicht, dass sie nicht zur Arbeit wollten. Man hatte aber das irgendwie gute Gefühl, mit diesem Streik hätten die Lokführer an einer Notbremse gezogen.

Das moderne Wort dafür heißt „Entschleunigung“. Es ist ein furchtbares Wort, und dennoch (oder gerade deshalb) taucht es immer wieder in den Diskussionen auf, die sich der etwas windelweichen Frage stellen, wie wir denn leben wollen. Sie da, sagen Sie mal: Wie wollen wir denn leben? Soll es, so wie es jetzt ist, immer weitergehen, oder sollen wir etwas anderes versuchen?

Die einen reden, die anderen tun was

Die Literatur über Glück und Leben, Zeit und Arbeit wächst beim bloßen Hinschauen. Die einen reden und schreiben, die anderen aber tun was. Zum Beispiel eben die Lokführer. Man kann deswegen über diesen Streik nicht sagen: Da haben wir den Salat. Nein, man sollte einmal nicht schimpfen, weil einem irgendwer einen Stein in den Weg gelegt hat. Man sollte einmal prüfen, wie sich das anfühlt: für eine Weile eine entschleunigte Existenz zu führen. Die Streiktage im frühen November könnten deswegen in unsere mentale Verfassungsgeschichte eingehen.

Wer in diesen ruhigen Tagen am Bahnsteig stand, fand sich unter Leuten wieder, die, ob sie wollten oder nicht, eine große gesellschaftliche Erfahrung teilten. Sie waren Komplizen einer Zukunft, die mit einem Mal machbar erschien. Der Zug der Zeit wurde durch die Lokführer tatsächlich, und selbstredend symbolisch, angehalten.

Eine fatale Leere

Von daheim zur Arbeit zu gelangen füllt unser bewegtes Dasein fast ganz aus (es kommen noch einige Urlaubsreisen hinzu, nach Italien, in den Schwarzwald und so, aber das macht unsere kleine Welt nicht rund). Kommen wir nicht zur Arbeit, stehen wir unmittelbar vor uns und damit vor einer durch Arbeit nicht gefüllten Leere. Das ist ein arges Gefühl, das tödlich enden kann.

Diese fatale Leere erfährt jeder, der mit dem Zug zur Arbeit fährt, nichts zu lesen dabeihat und auch kein Handy in der Hand - der ein, zwei Stunden stumm und nur mit sich zusammen aus dem Fenster in die Welt schauen muss.

So fühlt sich Entschleunigung an

Die Leere vor dem Abteilfenster erwischt einen normalerweise nicht mit Haut und Haaren, sie schubst einen meistens nur, zwickt einem in die Seite, als wollte sie einem sagen: Denk dran, ich bin immer da. Und dann denkt man sich mit Schrecken sofort weg - weg aus diesen nicht viel Hoffnung und Widerstand gegen die Sinnlosigkeitsattacken versprechenden und dahinrasenden Ansichten der Welt da draußen - und zurück zu seinen vertrauten Arbeitskollegen, zu Kindern, Frauen und Freunden. Man versucht sich daran festzuklammern, bis man endlich aus dem Zug aussteigen kann. Das ist unsere tägliche Erfahrung mit dem Sinn - und mit einem Mal fahren die Züge nicht mehr.

Die Lokführer haben mit ihrem Streik gezeigt, was das ist und wie sich das anfühlt: eine Entschleunigung. Wer nicht das Auto nahm, der musste kürzertreten, besten- oder schlimmstenfalls daheim bleiben. Wie hat die Familie reagiert, hat sie sich über die unverhoffte Elternzeit gefreut? Was haben Sie daheim gemacht? Mit dem Sohn Eisenbahn gespielt?

Reisende an einem vorwinterlichen Tag

Wir alle hätten auf dem Bahnsteig und noch in den Abteilen wenigstens vor uns hin lächeln müssen. Wer in den Tagen des Streiks dennoch mit der Bahn fuhr, der flutschte durch die Lücken im kleinmaschigen Netz der Ökonomie. Nur weil die Züge nicht mehr so regelmäßig fuhren wie üblich, gewann man an Faulheit, das heißt an Freiheit. Der Ton, in dem Handygespräche geführt wurden, war laxer geworden - als hätte sich der oberste Hemdknopf geöffnet. Die Entschleunigung hat ihren eigenen Atemrhythmus. Aus Pendlern wurden Verschollene eines Tages - wer schon konnte wissen, ob er wirklich am Abend wieder nach Hause kommen würde. Das Wort vom Not- und Ersatzverkehr der Bahn verwandelte die Versagensängste, die einen sonst durch die langen Tage im Büro plagen mochten, in luftige Wolken. Wir waren allesamt nur noch Reisende an einem vorwinterlichen Tag, fast schon Literatur.

Die Bahnhöfe waren leer, als sei wie in der Novemberrevolution 1918 geschossen worden, und zum ersten Mal konnte man mit einem von Menschenmassen ungehinderten Blick im Tageslicht sehen, was die Architekten da angerichtet hatten. Zum ersten Mal konnte man sehen, wie sich die räumlichen Dimensionen in einer entschleunigten Gesellschaft verschieben werden. Denn die Bahnhöfe werden in jenen zukünftigen goldenen Tagen der Langsamkeit viel zu groß sein. Mitten im Streik wurde aus einem leeren Bahnhof, einst ein Sinnbild für eine mobile Gesellschaft, ein Fanal gegen den flexiblen Fortschrittsgeist, dessen mitgenommene Mitläufer und gestresste Sympathisanten sich in der Dunkelheit davonmachen und von der Arbeit in ihren Betten ausruhen. In hundert Jahren wären die Bahnhöfe, was uns heute die Pyramiden sind: Monumente - der Lebensfahrt hier, der Totenfahrt dort. Alle, die in dem Streikzwischenreich auf den Zug warteten, sahen sich mit den Blicken derer an, die nicht mehr genau wissen, in welcher Zeit sie sind.

Neue Aussichten gewonnen

Wenn einer den Zug nicht erreichte, dann hatte er nicht etwa das Leben verpasst, sondern neue Aussichten gewonnen. Es hatte ja keinen Sinn, auf den nächsten Zug, der Stunden später einfahren sollte, zu warten. Man wurde von einer unsichtbaren Hand wie eine Kasperlepuppe am Kragen gepackt und aus der Arbeitsgemeinschaft herausgenommen - und konnte in aller Gewissensruhe nach Hause gehen.

Wer die Züge des Streikfahrplanes nutzte, der war kein Streikbrecher, eher ein Pionier im Zug nach dem unbekannten Westen, Teil einer verlangsamten Welt, deren, sagen wir es nur: Morgenröte auf den stumm dahinziehenden Schienen lag. Die Leute sahen mit einem Mal viel legerer aus, nicht mehr so zugepackt und verkrampft wie zu den normalen hektischen fahrplanmäßigen Zeiten. Der Reisende, der in jenen Tagen im Zug saß, war durch die allgemeine Lage entspannt, er konnte keinen Anschluss verpassen, an ihm konnte es dieses Mal nicht liegen, wenn er nicht am Ziel ankam. Er war einer neuen Zeit und den ersten zaghaften Schimmern einer neuen Arbeit ausgeliefert. Das muss ein Gefühl wie beim Rebirthing gewesen sein (ja, lassen Sie sich in der vollen Badewanne in Embryonalstellung von ihrem Partner hin und her schaukeln).

Zu spät zum Essen - und das war gut so

Der Anzug passt doch nur, wenn der Fahrplan eingehalten wird. Wo gestreikt wird, tauchen die Strahlen jenes Abenteuersinns auf, den man aus Kindheitstagen kennt und der einen beim Spielen in eine andere Zeit als die Zeit der Erwachsenen gerissen hat. Mit diesem Gefühl saß man im Zug, man kam zu spät zum Essen - und es war gut so.

Man lernt laufen, reden, lesen, rechnen, Bahn fahren, immer folgt ein Schritt auf den anderen, man weiß manchmal gar nicht, wie einem geschieht. Später wird es meistens noch schlimmer, und irgendwann geht es dann nicht mehr weiter, man kriegt einen Herzinfarkt, oder man hat Krebs und kippt nun aus den Schienen, auf denen man in all den Tagen immer von A nach B gekommen ist. Das machen so gut wie alle Leute hier, und wenn es alle machen, dann macht das also die ganze sogenannte Gesellschaft. Das nennt man Fortschritt.

Individuelle Lösung brachte keinen voran

In den Tagen des Streiks aber kam man nicht auf dem gewohnten, dem schnellsten Weg von A nach B. Man musste Umwege und Wartezeiten in Kauf nehmen, man musste umsteigen und sich mitten auf der Strecke zu besinnen lernen. Keiner weiß heute schon zu sagen, ob das gesellschaftliche Heilerfolge nach sich ziehen wird. Jeder, der ins Auto flüchtete und auf eigene Faust sich durchzuschlagen versuchte, blieb im Stau derer stecken, die blind wie Maulwürfe ihren Gewohnheiten folgten. Die individuelle Lösung brachte keinen wirklich voran, im Gegenteil, was bei den Lokführern nur eine Entschleunigung war, das wuchs sich bei den Autofahrern zum Stillstand aus.

Die Lokführer haben, wie das Proletariat bei Karl Marx, wahrscheinlich noch kein deutliches Bewusstsein von ihrer Entschleunigungsfunktion. Eine Partei, die ihnen das beibiegt, brauchen wir heute nicht. Für uns gilt: Wir sitzen alle in einem Zug. Früher sagte man: Wir sitzen alle in einem Boot. Wegen der Flutkatastrophen taugt diese Metapher nicht mehr, wir denken dann sofort an Schiffbruch, Rettungsboote, Untergang. Die Bahn ist schon als Metapher irgendwie sicherer geworden. Nur, wir, die Reisenden, haben so viel Avantgarde im November nicht erwartet.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.11.2007, Nr. 46 / Seite 25
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