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Lob des Augenblicks : Verweile doch, du kostest was

  • -Aktualisiert am

Dinge finden nicht statt, wenn sie sich nicht vorher bequem mit dem Telefon planen lassen: Erleben ist im Zeitalter der Smartphones nur noch schwer möglich Bild: dapd

Auch das smarteste Telefon kann nicht mehr, als unseren Alltag planen und organisieren. Erleben müssen wir ihn schon selbst - ohne digitale Mätzchen.

          Es waren zwei starke Sätze, die Peter Sloterdijk zum Ende eines Fernsehinterviews im Schweizer Fernsehen sagte. Mehr als eine Stunde war das Gespräch mit dem Philosophen gelaufen. Als die Kamera beinahe schon abblenden wollte, wurde er gefragt, wie man wenigstens ein paar der vielen philosophischen Ideen in den Alltag retten könne. Und ganz salopp sagte er: „Man darf den Begriff ,Alltag’ nicht in sich einlassen. Sobald man denkt, heute ist Alltag, hat man mit dem Angebot des Moments keinen guten Umgang.“ Wir kennen sein Argument: wenn schon Routine und Wiederholung, dann wenigstens als bewusste Übung. Aber wenn wir es doch kennen, warum ignorieren wir es?

          Man darf Peter Sloterdijk widersprechen. Tut man es aber, ehrlich sich selbst gegenüber, nicht, dann erkennt man: Der Alltag hat gewonnen und der Augenblick verloren. Wir sind nicht mehr bereit, uns auf Momente einzulassen, und wir haben es verlernt, sie zu erleben. Wir sind so gut darin, unseren Alltag zu meistern, dass wir die Angebote der Augenblicke missachten.

          Es ist nicht mehr der Anrufer, der uns stört

          Begonnen hat es wahrscheinlich mit dem Einzug des Telefons in den Alltag. Telefongespräche beginnen einfach, sie kündigen sich nicht an, und sie zerstören, selbst, wenn sie unbeantwortet bleiben, seit Anbeginn Augenblicke; sie reißen aus Gesprächen mit anderen und aus Gedanken mit sich selbst; sie passieren einfach, rücksichtslos und fordernd. Die zur absurden Kulturübung gewordene Frage, ob man mit einem Anruf störe, versteckt sich zwar im Kostüm der höflichen Antizipation; doch in ihr kann kaum eine Achtung des Augenblicks stecken. Die Höflichkeit bleibt allein Aufgabe des Angerufenen: Nein, natürlich störe der Anrufer nicht, sagt man, weil man denkt: Jetzt ist es doch eh zu spät.

          So schlimm war es 1990. Heute ist es katastrophal. Mittlerweile begleiten uns die Telefone überall hin. Sie klingeln, blinken und vibrieren unentwegt. Sie lassen uns nicht mehr in Ruhe. Erstaunlicherweise ist es aber nicht mehr der Anrufer, der uns stört. Nach Jahrzehnten des gemeinsamen Leidens wird es inzwischen durchaus akzeptiert, einen Anrufer zu ignorieren, weil die Mailbox einspringt oder das Registrieren des Anrufversuchs oft schon reicht. Auch das Ausweichen in die Textnachricht ist heute bequem.

          Es ist alles ausgereizt

          Aber den Augenblick rettet das nicht - im Gegenteil: Die modernen Telefone zerstören ihn noch ganz anders. Inzwischen sind wir es selbst, die die Eigenrechte der Situation einfach übergehen, ohne auch nur einen Gedanken an die Potentiale des Moments zu mobilisieren. Mitdenken ist kaum mehr notwendig, weil alles schon geplant wurde. Miterleben ist nur noch schwer möglich, weil wir, an der Planung orientiert, in Gedanken schon längst der aktuellen Situation enteilt sind. Welches ist das optimale Ziel, und wie verläuft die perfekte Route dorthin? Wer auf diese Fragen nicht mindestens eine konkrete Antwort hat, bewegt sich kaum noch. Dinge finden nicht statt, wenn sie sich nicht vorher bequem mit dem Telefon planen lassen. „Auf gut Glück!“ ist ironischerweise nur noch ein Button auf der Google-Suchseite, den niemand benutzt.

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