04.10.2006 · Schulen und Universitäten haben versagt bei der Vermittlung von Fertigkeiten, die wir für die moderne Welt benötigen. Es mangelt an Disziplin, sagt der ehemalige Internatsdirektor Bernhard Bueb - und stimmt ein Lob auf selbige an.
Von Jürgen KaubeZu den größten Problemen der Erziehung, schrieb Immanuel Kant in seiner Pädagogik, gehört es, wie man die Unterwerfung der Zöglinge unter den erzieherischen Zwang mit ihrer Fähigkeit vereinigen könne, sich ihrer Freiheit zu bedienen: „Der Zwang ist nötig! Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?“
Das Buch des pensionierten Internatsdirektors Bernhard Bueb erörtert die Bedingungen von Erziehung unter den umgekehrten Voraussetzungen. Nicht die Freiheit, so lautet sein Argument, sondern die pädagogische Einsicht in die Notwendigkeit von Zwang ist problematisch geworden. Psychologische Einfühlung regiert in Erziehungsfragen und führt meist dazu, Festlegungen autoritär zu finden. Der Unwille zu diskutieren hat keinen guten Ruf. „Nein“ zu sagen fällt den Eltern schwer, sich auf Debatten einzulassen ist ihre Neigung, auf Regeln zu bestehen, leuchtet ihnen um so weniger ein, als ihr eigenes Leben meist Opportunitäten folgt. Oder die Eltern sind zu bequem, Normen durchzusetzen, schrecken hedonistisch vor Konflikten mit den Kindern zurück.
Bekenntnis zur „Freude an der Macht“
Dabei ist es leicht zu begreifen, daß es den Kindern schadet, wenn Erziehung auf Verhaltensstandards und ihre Durchsetzung verzichtet, um sich statt dessen darauf zu verlassen, daß die Kleinen schon irgendwie groß werden. Buebs Frage kann man darum so formulieren: Wie kultiviere ich die Disziplin bei all der Freiheit, die moderne Verhältnisse dem Nachwuchs gewähren? Die Erfahrungen, die seiner Antwort zugrunde liegen, sind solche des Internats Salem, dem der Autor lange vorstand. Dort übernimmt die Schule auch die Verantwortung für das, was nach dem Unterricht geschieht. Probleme, die sich unter normalen Umständen nur Eltern stellen, müssen von Lehrern gelöst werden. Bueb leistet sich darum nicht die Ausrede, daß Schulprobleme eigentlich Familienprobleme sind, sondern sucht nach Gesichtspunkten, die in beiden Zusammenhängen gelten. Er findet sie im Ideal der Konsequenz. Die Aufgabe der Erwachsenen ist es danach, dem Nachwuchs unnachgiebig zu zeigen, daß es Maßstäbe gibt, daß man nicht über alles verhandeln kann und daß die primäre Form der Auseinandersetzung mit der Welt „Arbeit“ und insofern Selbstüberwindung heißt.
Bueb bekräftigt diese Postulate, die niemand, der bei Verstand ist, bezweifeln dürfte, durch zeitdiagnostisch gemeinte Einlassungen. Er beklagt, daß Askese und Training gegenwärtig keinen hohen Stellenwert haben und den Rückzug der Religion. Der Nationalsozialismus habe die Deutschen den einfachsten Tugenden entfremdet, weil sie fortan als sekundär galten. Ein Erziehungsstil der Beliebigkeit habe sich breitgemacht. Auch andere Sozialisationsumstände, von den Medien bis zur Konsumgüterindustrie, sind erziehungsfeindlich. Die Eliten seien, weil mittelmäßig, keine Vorbilder mehr. Es herrsche ein aggressiver Materialismus. Der Protestantismus - bildungshistorisch nicht gerade bekannt für laxe pädagogische Einstellungen - habe durch Innerlichkeit den Glauben an die äußeren Formen untergraben. Daß man die Menschen zum Glück zwingen müsse, daß „nur der den Weg der Freiheit beschreitet, der bereit ist, sich unterzuordnen“, daß „man sich zur Freude an der Macht“ als Erzieher bekennen müsse, dies alles werde nicht mehr verstanden.
Erfahrungsquelle als Fehlerquelle
Um den Phrasen von 1968 gegen bürgerliche Einstellungen in der Erziehung etwas entgegenzusetzen, scheut der Autor vor keinem Lob der Härte zurück. Aber das Beste auf der Welt ist, entgegen dem Motto des Bandes, gewiß kein Befehl. Auch Buebs Vorschlag, „Unschuld im Verhältnis zur Macht“ wiederzugewinnen, ist insofern keine sinnvolle pädagogische Empfehlung, als Erziehung wohl kaum der Versuch ist, Kinder wie aufsässige Völkerschaften zu unterwerfen. Die Erfahrungsquelle Internat wird hier zur Fehlerquelle, weil Bueb im Grunde immer Disziplinprobleme von ganzen Gruppen vor Augen hat. Familie, Schule, Kaserne - für die Differenzen zwischen solchen Sozialsystemen interessiert sich das Buch wenig.
Tatsächlich fällt Bueb sich selbst wiederholt in den Ruf zur Ordnung, etwa indem er einschiebt, in der Erziehung komme es auf das richtige Maß zwischen Strenge und Freiheitsgewähr an und die Regeln dürften nicht „mechanisch“ durchgesetzt werden. Andererseits sollen Manieren und Umgangsformen „wie die Atmung oder die Verdauung ohne Einschaltung des Verstandes funktionieren“. Daß der Autor zuerst strenge Normdurchsetzung preist, um dann Pestalozzis Postulat als „unverzichtbar“, wenngleich „kaum erfüllbar“ zu zitieren, Kinder dürften nie mit anderen Kindern, sondern nur mit sich selbst verglichen werden, macht vollends ratlos. Sind in Salem die Noten abgeschafft? Und heißt nicht Disziplin oder Umgangsformen durchsetzen ebendies: ganz bewußt und ohne schlechtes Gewissen das Verhalten von Kindern mit dem von Mitschülern und anderen Personen zu vergleichen?
Schülermitverwaltung als Schnapsidee
Übelnehmen kann man Bueb solche Unklarheiten nicht, denn es ist der passionierte Lehrer, der mit ihm durchgeht. Er idealisiert die Erziehung in alle Richtungen: Freiheit, Zwang, Strenge, Güte, Individualität und Normbefolgung sollen alle gleichermaßen und durch einander verwirklicht werden. Für den Lehrer sieht er sogar „Liebe“ zu den Schülern vor. An dieser Stelle würde uns eine professionelle Einstellung geduldiger Aufmerksamkeit genügen.
So sind es weniger seine Grundsätze als seine Erfahrungsberichte, die das Buch lesenswert machen. Daß Manieren beim Essen Zeit kosten, daß Ironie in der Erziehung allenfalls als Selbstironie der Erzieher erlaubt ist, daß die Schülermitverwaltung eine Schnapsidee ist - aus solchen Befunden lernt man mehr als aus allgemeinen Räsonnements über den Zerfall der Familien. Hervorzuheben ist auch Buebs Kritik, daß das deutsche Gymnasium unter allen Begabungen fast nur die akademischen honoriert. Den Begriff der Begabung gegen die bildungspolitische Fetischisierung des Zertifikats in Stellung zu bringen wäre lohnend. Und auch der Hinweis, daß die deutschen Universitäten ihre Erziehungsaufgaben ignorieren und wider besseres Wissen so tun, als seien alle Studenten erwachsen, sagt mehr über die Misere der Hochschulen als hundert Strukturreformpapiere.