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Literaturwettbewerb Klagenfurt Bachmann-Preis an Berlinerin Inka Parei

29.06.2003 ·  Inka Pareis Parabel vom Sterben eines alleinlebenden Mannes gewann den mit 22.500 Euro dotierten Bachmann-Preis sowie den durch Internet-Abstimmung ermittelten Kelag-Publikumspreis von fünftausend Euro. Insgesamt enttäuschte das Niveau der Texte.

Von Felicitas von Lovenberg, Klagenfurt
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Im neuen "Harry Potter" wird Harry von der sadistischen Lehrerin Dolores Umbridge zur Strafarbeit verdonnert. Daß er dabei stundenlang immer wieder denselben Satz - "Ich darf keine Lügen erzählen" - schreiben soll, gehört zum Grundrepertoire des Nachsitzens. Doch der Satz erscheint nicht nur Zeile für Zeile in Tinte auf dem Papier. Jedes Mal, wenn Harry die Feder neu ansetzt, ritzen sich die Worte auch in seinen Handrücken. Nach drei Stunden hat die Ermahnung eine Blutspur auf der Haut hinterlassen. Der Schmerz vergeht, doch der Schriftzug bleibt als Narbe sichtbar - und dem Leser die Szene unvergeßlich.

Phantomschmerzen

Die Haut hat ihr eigenes Gedächtnis. Wer liest, will berührt werden. Das Risiko, sich dabei statt Streicheleien und Schulterklopfen auch mal blaue Flecken zu holen, Schürfwunden oder gar Knochenbrüche, gehört unbedingt dazu. Was nicht dazugehört, das ist der Eindruck, daß man sich die Schrammen beim hilflosen Stochern im Wortnebel zugezogen habe. Beim 27. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt hatte die literarische Notambulanz jetzt allerdings einige ruhige Tage, hatte sie es doch höchstens mit eingebildeten Kranken zu tun. Deren seelischer Phantomschmerz allerdings war akut.

Es herrscht eine seltsame, irritierende Blutarmut in der jungen deutschsprachigen Literatur, die sich nicht nur in einer extremen Handlungs- und Gefühlsarmut der vorgestellten Texte zeigte, sondern auch im ermüdenden, monotonen Kreisen um die eigene Befindlichkeit, im floskelhaften Bemühen der großen Themen Liebe, Tod und Teufel, ohne daß der Vorhof der Hölle je betreten würde. Das Altmodische der Themen hätte durchaus ein Vorteil sein können, wenn der allzu gewollt poetische Umgang mit ihnen nicht dazwischengekommen wäre.

Wettbewerbsprosa

So gewann man selbst bei Texten von erfahrenen Autoren, die längst beim Publikum und bei der Kritik angekommen sind, den Eindruck, die von ihnen geschilderten Lebens- und Schreibweisen seien oft nichts als Hilfskonstruktionen, Krücken auf dem Weg zur Literatur, Abziehbilder dessen, worum es eigentlich geht - Wettbewerbsprosa eben. In den meisten Texten wurde nicht nur nichts bewältigt, sondern es gab auch nichts zu tun, nichts zu sehen, hören, riechen oder schmecken, keine Begegnung und keine Erfahrung. Die Schlingen der Fiktion vermochten das Leben nicht einzufangen. Generationen, Geschwister, Liebende und andere Schicksalsgefährten arbeiten sich aneinander ab, ohne daß dies Folgen für die Figuren, den Autor oder gar den Leser hätte. Gefühle, sofern tatsächlich vorhanden und nicht nur behauptet, werden zugeplappert oder mit Arbeit, Alkohol oder Drogen betäubt. Trotz des Materialaufwands wirken die Kranken dieser Geschichten, Junkies, Verrückte, Verzagte, wie Hypochonder, die sich den Kopf halten und das Herz meinen.

Im wirklichen Leben hatte der eine derweil Kopfschmerzen von der letzten durchzechten Nacht, ein anderer Blessuren vom Fußballspiel, einem dritten war der Wörtherseefisch schlecht bekommen: harmlose Wehwehchen, die traditionell dafür sorgen, daß die Beteiligten Klagenfurt nicht ganz so rasch wieder vergessen wie das Gros der Texte, die sie dort zu hören bekamen. Kein Aspirin konnte die Beklommenheit verscheuchen, die sich mit jeder Lesung lähmender über die Anwesenden im ORF-Studio Kärnten senkte. Gemessen am Klagenfurter Niveau, ist der Puls der Gegenwartsliteratur beängstigend schwach. Anämisch waren die Patienten allesamt - ein Befund, den die Jury in ihrer Diskussion zwar immer wieder diagnostizieren, aber nicht therapieren konnte.

Langsames Sterben

Von achtzehn Texten - jeder Juror hatte zwei ausgewählt - passierten zu Recht nur zwei die Auseinandersetzung relativ unangefochten, beides Kandidaten von Ursula März. Feridun Zaimoglus furios zwischen archaisch-atavistischer Dorfwelt und Gegenwart vermittelnde Erzählung "Häute", die ihm den mit zehntausend Euro dotierten Preis der Jury eintrug, war die einzige, an die man sich auch am nächsten und übernächsten Tag noch erinnern konnte und wollte. Und Inka Pareis tastende Parabel vom langsamen Sterben eines alten, alleinlebenden Mannes in Frankfurt-Rödelheim beeindruckte nicht nur die Juroren durch ihr Ringen um Wahrhaftigkeit und ihre poetische Emphase. Der Text, ein Romananfang, gewann den mit 22 500 Euro dotierten Bachmann-Preis sowie den durch Internet-Abstimmung ermittelten Kelag-Publikumspreis von fünftausend Euro.

Abgesehen von Gregor Hens, der den Besuch John F. Kennedys auf Costa Rica mit dem Ausbruch des Iranzú in gewohnt eleganter, aber allzu cooler Manier verknüpfte; von Lukas Hammerstein, der seine essayistische Bestandsaufnahme einer abgestumpften Berliner Gegenwart mit einer Liebesgeschichte jenseits der Klischees anzureichern wußte; mit Ausnahme auch von Henning Ahrens, für dessen "Commander Coeursledge" die verstörende, verwirrende Zukunft der Science fiction längst begonnen hat, hinterließen die Erzählungen kaum Spuren. Farhad Showgi wurde für die kunstvoll, aber auch künstlich verlangsamte, dichte Prosa seines Textes "Die große Entfernung" mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet, während Ulla Lenze für ihre Indienexpedition von "Schwester und Bruder" der ebenfalls mit fünftausend Euro dotierte Ernst-Willner-Preis zugesprochen wurde.

Was war mißlungen?

Nicht die Autoren waren schlecht - die Texte waren es: ein Vorwurf, dem sich nicht zuletzt die Jury stellen muß, deren Mitglieder entweder bei der Auswahl aus den Manuskriptstapeln keine glückliche Hand hatten oder aber sich nicht genug Mühe gemacht hatten, mit den Autoren an ihren Texten zu arbeiten. Die neu konstituierte Jury hatte erhebliche Entschlüsselungs- und Interpretationsarbeit zu leisten. Unter dem polemisch engagierten Vorsitz von Iris Radisch kristallisierten sich bald individuelle Vorlieben und Geschmäcker heraus, wobei die Frauen, erstmals in der Überzahl, den Männern allemal die Show stahlen, allen voran Ursula März und Daniela Strigl. Burkhard Spinnen, bewährter Juror schon der letzten Jahre, faßte mit gewohnter rhetorischer Brillanz den kleinsten gemeinsamen Nenner zusammen. Norbert Miller verströmte die gelassene, unaufgeregte Weisheit des Akademikers, der um die begrenzte Haltbarkeit der meisten Literatur weiß.

Doch so erfreulich die Erneuerung der Jury war: Das enttäuschende Niveau der Texte muß auch sie sich vorhalten lassen, um so mehr, als es noch bestätigt wurde vom Ausbleiben der Verteidigung. Längst nicht jeder Juror begriff es offenbar als seine Pflicht, die von ihm vorgeschlagenen Texte gegen Kritik in Schutz zu nehmen. Vor allem dieser Mangel an selbstbewußtem Urteil trug dazu bei, daß der Wettbewerb, der kein Forum für Debütanten sein will, streckenweise dennoch wie ein Nachwuchswettbewerb wirkte. Was davon bleibt, ist ein Kitzel auf der glatten Oberfläche - bestenfalls Gänsehaut.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2003, Nr. 148 / Seite 35
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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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