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Literaturtagung Klagelieder im Schriftstellerchor

27.10.2002 ·  Defätismus machte sich breit auf der Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Allein Johannes Rau sorgte für Aufheiterung.

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Passend zur Jahreszeit haben die Literaten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung bei ihrer eben in Darmstadt zu Ende gegangenen Herbsttagung Klagelieder angestimmt. Der scheidende Präsident Christian Meier eröffnete in Darmstadt den Reigen mit der Warnung vor dem Bedeutungsverlust der deutschen Sprache. Sein Nachfolger Klaus Reichert sah sogar das Ende anspruchsvoller Bücher heraufdämmern.

Büchnerpreis-Träger Wolfgang Hilbig schließlich prophezeite das Ende der Literatur im Zeitalter der Massenmedien. In diese depressive Stimmung platzte am Samstag dann auch noch Bundespräsident Johannes Rau mit der Nachricht vom Tod des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld.

Nichts Nennenswertes

Höchst unterschiedlich war der Grundton der Klagelieder. Beim emeritierten Münchner Geschichtsprofessor Meier, der nach sechs Jahren den Präsidentenposten verlässt, siegte die Lust an der Provokation. In seiner Abschiedsrede machte er sich über die hilflosen Versuche von Pädagogen und Politikern lustig, aus den schlechten Ergebnissen der PISA-Studie zu lernen. Eine Gesellschaft, die stumpfsinnig ihr Schicksal trägt, lasse keine besseren Leistungen erwarten. In deutscher Sprache werde zurzeit nichts Nennenswertes mehr gedacht und geschrieben, spitzte Meier weiter zu. Deshalb verliere sie verständlicher Weise an Bedeutung.

Statt des erwarteten heftigen Widerspruchs erntete der Präsident ergebenes Kopfnicken. Bestätigt zog er sich zurück - doch nur um danach heftig über die Kultusminister und die Rechtschreibreform herzuziehen: „Dummheit“, „Arroganz der Macht“ und „Unbelehrbarkeit“ warf er ihnen vor.

Langeweile ist kein Bewertungskriterium

Seit Meier 1996 die Führung der Akademie übernahm, hat er den Kampf gegen die Reform aufgenommen. In dieser Zeit hat die Institution einen eigenen Reformvorschlag erarbeitet, der im Frühjahr 2003 erscheinen soll. „Damit ist für uns die Debatte beendet. Entweder wird der Kompromissvorschlag angenommen oder nicht,“ sagte Meier und fügte hinzu: „Es ist keine Schande, für eine gute Sache gekämpft zu haben und zu unterliegen.“

Sein Nachfolger Klaus Reichert, Anglistikprofessor in Frankfurt, hat sich noch keine Gedanken über seine Rechtschreibreform-Strategie gemacht. Er dankte Meier, dass er die Akademie mit diesem Thema wieder in die Schlagzeilen gebracht hat. Dort will er sie halten, allerdings mit literarischen Schwerpunkten. Die Verlagspolitik, die er aus eigener Anschauung kennt, will er genau unter die Lupe nehmen. Literatur-Agenten, die junge Autoren auf den Massengeschmack hin trimmen, sind ihm ebenso zuwider wie medienwirksame Kritiker, die Langeweile als Bewertungskriterium für Bücher eingeführt haben. „Wenn diese Entwicklung anhält, werden wir bald keine schwierige Literatur mehr haben, um die wir uns bemühen müssen.“

Bücher als Freunde

Aus tiefster Seele kam dagegen die Klage von Wolfgang Hilbig. Seit er als Büchnerpreisträger feststeht, fühlt er sich von den Massenmedien gehetzt wie seinerzeit als dichtender DDR-Heizer von der Stasi. Abfällig äußerte er sich über das Bemühen der Literatur, die auf „allen Festivitäten der Medien tanzt, indem sie das Gnadenbrot frisst, das ihr in den Palästen der Zeitungshäuser und Fernsehanstalten gereicht wird.“

So gebe die Literatur ihren Platz auf. Erst am Ende dankte Hilbig der Akademie für den Preis, der ihm „Mut und Kraft“ verleiht und Hoffnung macht, „dass meine Wörter und Sätze nicht vollkommen ins Leere laufen.“ Gern nahm er auch das Lob des Bundespräsidenten entgegen, der Parallelen zwischen ihm und Georg Büchner zog und ihren mutigen Kampf gegen diktatorische Systeme hervorhob. Johannes Rau, der der Akademie seit langen Jahren wieder einmal bundespräsidiale Ehren bescherte, war als einziger positiv gestimmt. Als gelernter Buchhändler munterte er das Festpublikum auf. Für ihn ist die Zeit keineswegs vorbei, in der „ein Buch wie ein guter Freund“ sein kann.

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