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Popmusik und Hochkultur : Falscher Preis für den Richtigen

Bob Dylan, 1966 Bild: danapress

Die Entscheidung für Bob Dylan als Literaturnobelpreisträger soll unkonventionell und zeitgemäß wirken. In Wahrheit ist sie Ausdruck von Desinteresse, von Unsicherheit und vielleicht sogar von Arroganz.

          Nichts gegen Dylan. Es ist auch gar nicht wichtig, wie gut oder schlecht man ihn nun findet. Wie einzigartig seine Stimme. Wie ergreifend seine Texte. Wie radikal seine Hinwendung von der akustischen zur elektrischen Gitarre und zu Jesus und wieder zurück. Wie entscheidend seine Rolle als Chronist amerikanischer Verhältnisse und Akteur ihres Wandels. Wie bewundernswert seine Ausdauer, seine Unbestechlichkeit, seine Unbeirrtheit. All das spielt überhaupt keine Rolle, um den Nobelpreis für Literatur an Bob Dylan für einen Fehler zu halten: Und zwar nicht um der Literatur, sondern um der Popmusik willen.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Am Donnerstag hat die Schwedische Akademie nämlich in erster Linie einem Popmusiker einen Literaturpreis verliehen - und damit die Uhr weit zurückgedreht. Sie hat eine Entwicklung rückgängig gemacht, die selbst nur schwer in Gang gekommen war und noch lange nicht am Ende ist - was man spürt, wenn man jetzt all die Texte über Dylan hört und liest und die auf den Jubelruf hinauslaufen, am Donnerstag sei die Popmusik endlich, endlich, endlich im Olymp angekommen. Texte, die mit einem gewaltigen Apparat an literaturgeschichtlichen Referenzen (Ovid) dem Preisträger seinen Platz zuweisen unter den ewigen Sternen der Hochkultur.

          Was für ein Missverständnis. Die Popmusik ist dort doch längst angekommen. In Wirklichkeit hat am Donnerstag eine (wie auch immer einzuschätzende) Institution einer kanonisierten und selbstgewissen Kunstform sich dazu herabgelassen, einer viel jüngeren Kunstform eine Auszeichnung aufzuzwingen, die das überhaupt nicht nötig hat - und damit für klare Verhältnisse gesorgt. Und die Ordnung in der Hierarchie bestätigt.

          Doch die Popmusik ist eine Kunstform aus eigenem Recht und mit eigenen Regeln. Daran wird dieser Literatur-Nobelpreis 2016 für den amerikanischen Sänger Bob Dylan nichts ändern. Eine falsche Entscheidung bleibt er trotzdem. Eine Entscheidung, die sich zwar unkonventionell gibt, zeitgemäß und ground-breaking - aber ganz im Gegenteil ein Ausdruck von Desinteresse ist, von Unsicherheit und vielleicht sogar von Arroganz. Als wäre Popmusik etwas, das sich noch rückversichern muss.

          Man konnte Ähnliches beobachten, als vor ein paar Jahren amerikanische Fernsehserien wie „The Wire“ zu den Romanen von heute erklärt wurden, als Videospiele immer filmischer wurden. Legitimation über Bande.

          Wer sich also jetzt für seinen Helden Bob Dylan freut, soll es tun. Wer aber denkt, dass da den Literaturspießern auf der ganzen Welt aber mal so richtig eins ausgewischt wurde; wer glaubt, dass die Schwedische Akademie hier eine alltagsnahe Entscheidung darüber getroffen hat, was alles Literatur sein kann, der täuscht sich. Die Wahl ist elitärer, als sie wirkt.

          Popmusik ist Poesie – aber eben nicht nur

          Wenn überhaupt, dann hätte Bob Dylan den Nobelpreis für Popmusik verdient. Er ist eine der überragenden Figuren seiner Branche, ob man ihn nun mag oder nicht. Und Dylan wäre auch nicht der oder die Erste, dem oder der man so einen Nobelpreis für Popmusik verleihen könnte: Denn da gibt es ja noch, ohne jede Rangfolge, Joni Mitchell und Morrissey und Paddy McAloon und Aretha Franklin und Peter Hein, Eminem, Françoise Hardy und Bruce Springsteen. Kraftwerk. Sufjan Stevens.

          Aber es ist nun einmal der Nobelpreis für Literatur, den Dylan jetzt bekommen hat. Die Akademie beruft sich in ihrer Begründung auf „Poesie“. Sicher. Klar. Natürlich: Eine Zeile wie „You don’t need a weather man / To know which way the wind blows“ aus „Subterranean Homesick Blues“ gehört ins Lesebuch für die Oberstufe wie Enzensbergers „lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: / sie sind genauer.“ Die Frage ist nur, was so ein Vergleich bringt und ob er nicht eher verunklart als zu helfen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Popmusik ist auch Poesie, ja, sie gehört unbedingt dazu (und dann wieder auch nicht, was man beim Techno merkt, der oft ohne Worte auskommt), es gehören perfekte Zeilen dazu genauso wie phantastischer Quatsch, „Da do ron-ron-ron / da do ron-ron“ oder „I said a hip hop / Hippie to the hippie, / The hip, hip a hop, and you don’t stop, a rock it / To the bang bang boogie, say, up jump the boogie, / To the rhythm of the boogie, the beat“ oder „I would like to salute / the ashes of American Flags / and all the fallen leaves / filling up shopping bags“ oder „Ich kenne das Leben / ich bin im Kino gewesen.“

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