Mühen wir Literaturkritiker uns umsonst ab? Findet die echte Literaturkritik heute längst auf Youtube statt?
Harun Maye: Seit es massenhaft Blogs und Vlogs gibt, haben nicht nur die Nachrichtenformate der Zeitungen und Zeitschriften eine fast schon letale Konkurrenz bekommen, sondern eben auch das Feuilleton. Was bei Computerspielen, Popmusik oder Filmen längst üblich ist, die Rezension von Usern für User, ist inzwischen bei der Literatur angekommen. Man muss akzeptieren, dass Literaturkritik heute so klingt: „Das ist wirklich eine sehr süße Geschichte: es geht um Zeitreisen und natürlich jede Menge Liebe, erste-Liebe-mäßig“ oder „Da ist übrigens ein sehr süßes Zitat im dritten Band, das ich Euch gerne vorlesen möchte: Für alle Marzipanherzen-Mädchen dieser Welt - und ich meine wirklich alle Mädchen. Es fühlt sich nämlich immer gleich an, egal ob man 14 Jahre alt ist oder 41.“ Oder auch: „Und dann stand da auch so eine total schöne Textstelle, so von wegen Edwards Hände wären nicht mehr beschützend, sondern hindernd.“
Eine der wichtigsten Aufgaben einer Literaturredaktion ist die Auswahl des zu Rezensierenden. Um welche Bücher geht es in den Vlogs?
Um Bücher von Cornelia Funke, Kerstin Gier, Stephenie Meyer, Charlotte Roche, Joanne K. Rowling. Der ganz normale Bestsellerlistenschrott also. Frauenliteratur, natürlich, aber nicht nur. Auch das klassische Genre der Geheimbund-, Schauer- und Verschwörungsliteratur ist breit vertreten, von Dan Brown bis Stephen King. Es geht auch um Accessoires und Paratexte, um Lesezeichen, Klappentexte, Verlagsankündigungen, Autorenporträts und um Buchcover, die nicht nur schön, süß oder toll sind, sondern vor allem eine taktile Erfahrung. Thematisiert werden Rillen, Markierungen und Hervorhebungen, die sich gut anfühlen. Das metallische Glänzen im typographisch ausgestellten Haupttitel oder Lesezeichen auf denen steht „Du öffnest die Bücher und sie öffnen dich“. Wichtig sind auch die Längen- und Breitenangaben. Umfangreiche Bücher und Fortsetzungsromane, in den bevorzugten Genres die Regel, sind beliebt. Alles, was man einmal als ästhetische Ideologie oder den Warencharakter der Literatur bezeichnet hat, wird ganz unbefangen gepriesen. Natürlich nicht aus einer theoretisch avancierten Einsicht, sondern aus Unbedarftheit. Zu den Hochzeiten der Kritischen Theorie waren diese Jahrgänge noch gar nicht geboren. Und das ist ja auch gut so.
Ein schmaler Grat verläuft zwischen Amateur und Dilettant. Woher haben die Vlogger ihre Sätze, woher ihre Meinungen?
Wahrscheinlich aus Fernsehserien und Kinofilmen, das war schon immer so, jedenfalls nicht aus der Zeitung. Sie studieren sicher irgendwas mit Medien, Medizin, Pädagogik oder BWL. Referenzen sind die Leserkommentare bei Amazon und die „sonstigen Buchseiten“. Eine zweite Quelle, die man nicht unterschätzen darf, ist der gymnasiale Deutschunterricht mit all seinen sozialdemokratischen Höhen und Tiefen. Manchmal erinnert sich eine Rezensentin noch daran, dass eine Geschichte eine Exposition und Steigerung, einen Höhepunkt und Abschluss haben sollte und stellt dann fest, dass das zum Beispiel bei Charlotte Roche nicht der Fall ist. Das sind aber seltene Momente. Im Regelfall klingt es eher so: „Ich finde, sie hat vom Schreibstil her gute Arbeit geleistet, auch wenn‘s eklig war, keine Frage, es ist eklig, aber ein flüssiger Schreibstil“. Oder auch: „Also Ich bin ja sehr offen für solche Themen, auch wenn ich sagen muss es ist wirklich definitiv sehr eklig...der Schreibstil ist sehr, sehr locker und leicht, man kommt sehr flüssig durch das ganze Buch, es behandelt eben einige Tabuthemen...“ Wenn überhaupt analytisches Vokabular zum Einsatz kommt, dann sind „Schreibstil“ und „Themen“ die Lieblingswörter der Mädchenmädchenkritik. Themen, so haben wir das einmal in der Schule gelernt, sind das, was erzählt wird. Mit Schreibstil bezeichnet man dagegen, wie diese Themen erzählt werden. Themen sollen immer Tabuthemen, der Stil locker oder flüssig sein.
Manches wirkt auf den ersten Blick geradezu verboten. Wie anrüchig sind solche Video-Blogs? Ist die Literatur am Ende nur ein Vorwand?
Die Mädchen sind zwischen 19 und 25 Jahre. Sie haben lange Haare, sind furchtbar süß und in der Regel stark geschminkt. Die Selbstinszenierung, Zimmereinrichtung, Kleidung und Schminke erinnern aber eher an die Verfilmung eines Gesellschaftsromans aus dem 19. Jahrhundert als an Youporn. Es ist die Welt der Brontë-Schwestern, Eugenie Marlitt oder Stephenie Meyer, aus der das Design dieser Wohnzimmer und das Bewusstsein der Bewohnerinnen besteht. Die haben auch alle einen Freund, zum Leidwesen ihrer männlichen Fans, die sich in den Kommentaren austoben dürfen.
Wer ist denn schuld? Die Medien?
Schuld ist man immer selbst. Die Medien und ihre Theorie arbeiten diesem Trend ja sogar entgegen. Schon auf den ersten Seiten von „Understanding Media“, McLuhans medientheoretischer Bibel, kann man lesen, dass der „Inhalt“ jedes Mediums immer ein anderes Medium ist. Das Interesse für Inhalte blendet den Leser, der Inhalt ist nur ein saftiges Steak, das der Einbrecher mit sich führt, um den Wachhund abzulenken. Es scheint vergessen, dass Inhalte, Themen und Werte als solche überhaupt nichts wert sind. Sie sind nur Masken, „Pflichtübungen“ und „Umwege“, wie Hans Blumenberg gesagt hat, um überhaupt ein Buch in die Hand zu nehmen, zumal wenn es umfangreich ist. Inhalte sind die Einstiegsdroge, die Einführung in das Lesen. Das ist die rhetorische Funktion von Inhalten, nicht mehr und nicht weniger. Wenn Inhalte, Werte oder Themen aber ins Zentrum der Kritik rücken, dann hat sie ihr Thema verfehlt. In diesem Sinne sind nicht nur die Amazonen der Literaturvlogs, sondern auch Leselisten, I-Like-Buttons oder Hinweise wie „Kunden kaufen diesen Artikel zusammen mit...“ Varianten einer an Inhalten orientierten Lektüre. Das ist eine Amazonisierung der Literatur, die ihre Bisse hinter Küssen versteckt.
Schlechte Zeiten jedenfalls für Strukturen, wenn im Netz Buchbesprechungen zum reinen Content Management absinken. Aber enden wir doch positiver: Welches ist nun dein Lieblingsliteraturgirl?
Ganz klar Reni. Das ist am härtesten und ehrlichsten. Da sieht man an jedem Detail der Sprache, der Klamotten und des Zimmers das gute Elternhaus, in dem sie behütet aufgewachsen ist, das ist einfach faszinierend unsympathisch. Ein Satz wie „Hallo Schönheiten“ oder „Hallo Ihr Lieben“ eröffnet eine endlose Tour de Force durch ihre Lippenstiftsammlung, Lieblingslacke im Herbst und Lieblingsbücher. Nebenbei studiert sie noch irgendwas. Faszinierend in der Art, dass man sich gleich mehrere Videos ansehen muss, damit man vorbereitet ist auf die schöne neue Welt, die in diesen Vlogs beschrieben wird und die ja zu großen Teilen auch schon unsere Wirklichkeit ist. Shopping, Schminke und Literatur bilden hier eine Einheit, die außer Bret Easton Ellis so deutlich noch niemand als das Wesen unserer Jahrzehnte beschrieben hat. Kein Ausgang.
Die Fragen stellte Oliver Jungen.