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Literaturbetrieb Und nächstes Jahr den Nobelpreis!

„Wir haben eine sehr gute deutsche Schriftstellerin entdeckt“, jubelte die Jury in Klagenfurt. Dabei hatte eher Kathrin Passig den Bachmann-Wettbewerb entdeckt. Wie ihre „Zentrale Intelligenz Agentur“ den Literaturbetrieb unterwandert.

© F.A.Z.-Foto Herschelmann Vergrößern Kathrin Passig (M.) und die anderen Agenten der „Zentralen Intelligenz Agentur”

Sie waren schon ein wenig müde, die Menschen vor den Fernsehapparaten und die Juroren hinter ihren Holzkisten in Klagenfurt. Der Tag hatte zwar gerade erst begonnen, aber vielleicht war das genau der Grund, vielleicht war die Nacht davor zu kurz gewesen, oder die vergangenen Tage waren zu lang und zu voll von Texten, von lähmenden, klappernden und maultrommelnden Texten, Texten über das Scheitern, gescheiterten Texten. Und dann sitzt da plötzlich eine junge Frau in Camouflage-Shirt, liest, beeindruckt und gewinnt. Den Ingeborg-Bachmann-Preis. Und den Publikumspreis gleich noch dazu. Und alle fragen sich: Wer ist Kathrin Passig?

Harald Staun Folgen:  

Dabei könnten sie es eigentlich wissen. Es gab da zum Beispiel jene drei Buchstaben, die auf dem T-Shirt zu lesen waren, das die Preisträgerin dann am Tag der Preisverleihung trug, die Buchstaben „ZIA“ unter einem gezeichneten Computer, und mit ein wenig detektivischem Spürsinn oder einfach nur Neugier hätte man schnell herausfinden können, wofür diese Abkürzung steht. Denn das rätselhafte Kürzel hat in Klagenfurt schon fast Tradition: 2004 trug der Publikumspreisträger Wolfgang Herrndorf ein T-Shirt mit demselben Logo. Und auch die Gewinnerin des Ernst-Willner-Preises 2005, Natalie Balkow, hatte etwas mit ZIA zu tun, auch wenn sie das Logo gemeinerweise unter einem grauen Sakko versteckte.

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Das Zentralorgan der Agentur: die „Riesenmaschine“

Aber vielleicht hätte das alles auch nichts geholfen. Was das nämlich genau sein soll, ZIA, das erschließt sich nicht unbedingt sofort nach einem Besuch der Website dieser Organisation, der „Zentralen Intelligenz Agentur“; das immerhin hat die Gruppe mit dem echten Geheimdienst gemeinsam, den sie in ihrem Namen parodiert. Es handle sich um ein „kapitalistisch-sozialistisches Joint Venture“, ist dort zu lesen, das „an der Schnittstelle von Journalismus, Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst“ arbeite; es gibt eine Mitarbeiterkartei, unterteilt in Agenten, Inoffizielle Mitarbeiter und Schläfer. Passig, die die Agentur 2001 zusammen mit Holm Friebe und anderen gegründet hat, ist Agentin für „Taktik, Technik und Theorie“, Balkow firmiert als „Senior Consultant“, Herrndorf ist IM.

Zu den „Operationen“ der ZIA gehören Kolumnen für die „Berliner Zeitung“ und die „taz“, Newsletter für Werbeagenturen oder Werbetexte für BMW. Man veranstaltet abwegige Lesungen wie die „Bunny Lectures“, eine Comedy-Reihe, bei der die beiden Figuren „Supatopcheckerbunny“ und „Hilfscheckerbunny“, beides Charaktere aus dem gleichnamigen „Titanic“-Comic des Zeichners Tex Rubinowitz, zum Leben erweckt werden. Seit Anfang des Jahres gibt es auch sogenannte „Après Bunny Formate“ wie das „Powerpoint Karaoke“, bei dem sich Besucher an kreativen Improvisationen zu Powerpoint-Vorträgen aus dem Internet versuchen.

Das Zentralorgan der Agentur allerdings ist das vor kurzem mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete Blog „Riesenmaschine“ (http://riesenmaschine.de), das sich als kollaboratives Weblog zum Thema „Fortschritt“ versteht und mit dem Anspruch antritt, den Blog-Journalismus in Deutschland nach amerikanischem Vorbild zu professionalisieren. Statt Tagebuchnotizen und Befindlichkeitsimpressionen verfassen die Autoren feuilletonistische Einträge über wissenschaftliche und mediale Entwicklungen. Ein „Blog mit Bügelfalte“ nannten das die Grimme-Juroren. Darüber hinaus bietet die ZIA auch „Gehirnstrom-Protokolle“ zu beliebigen Themen an, für 100 Euro pro teilnehmendem Experten aus der Kartei.

Einfach den Ball ins Tor gehauen

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