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Literaturarchiv Marbach Schwere Stunde für die Deutsche Schillergesellschaft

10.07.2008 ·  Am Samstag wird ein neuer Vorstand gewählt, der die Geschicke des Marbacher Literaturarchivs bestimmen soll. Diese Wahl steht ganz im Zeichen eines Konflikts zwischen Tradition und Reform.

Von Jürgen Kaube
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Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach liegt in heftigem Streit - mit sich selbst. Auf der einen Seite des Konflikts stehen Manfred Ehrhardt, einst Wissenschaftssenator von Berlin, jetzt Präsident der Deutschen Schillergesellschaft, die das Archiv rechtlich trägt, sowie dessen Direktor, Ulrich Raulff. Auf der anderen Seite steht eine Reihe von Mitgliedern desselben Vereins, darunter ehemalige und jetzige Angestellte des Archivs, denen nicht gefällt, wie das Haus, indirekt von Ehrhardt und direkt seit 2004 von Raulff, geführt wird.

Am morgigen Samstag wird der Vorstand der Schillergesellschaft neu gewählt, und es ist nicht auszuschließen, dass diese Wahlen ein Kampf ums Rechthaben und ums Machthaben in Marbach werden. Ende Mai schon waren vier Mitglieder des Wahlausschusses, darunter die Germanisten Ernst Osterkamp (Berlin) und Christine Lubkoll (Erlangen) sowie der verdiente Stuttgarter Verleger Wolf von Lucius, aus unheiterem Himmel heraus abgewählt und in einem halbdestruktiven Misstrauensvotum durch zum Teil nahezu unbekannte Vereinsmitglieder ersetzt worden.

Streit um die Deutungsmacht

Worum geht es? Da der Streit schon lange schwelt, haben sich persönliche, sachliche und rechtliche Motive längst untrennbar vermischt. Eigentlich geht es um die Rangordnung der Aufgaben dieser wichtigsten deutschen Sammlung und Ausstellungshalle von literarischen Nachlässen. Demzufolge stehen Programm- und Personalfragen im Vordergrund: Das Literaturarchiv gibt im Jahr gut zehn Millionen Euro aus und beschäftigt mehr als 180 Mitarbeiter. Wie stark sollen sie forschen? Und welcher Art soll diese Forschung sein, mehr eine editorische oder auch eine mit Sinn für gegenwärtige Fragen der Germanistik, der Geschichtswissenschaft, gar der ästhetischen Theorie? Wie sehr sollen sich ihre Ausstellungen an literarische Kenner wenden, wie sehr an ein Publikum, dem die Gegenstände erst erschlossen werden müssen? Heißt Literatur ausstellen, eher etwas zur Lektüre oder eher etwas zur Anschauung zu geben? Und welche Rolle sollen über die Pflege der Schriftsteller hinaus geisteswissenschaftliche und ideengeschichtlich bedeutsame Nachlässe spielen?

Jede dieser Fragen ist sinnvoll und hat eine lange Diskussionsgeschichte, in der über Unterschiede wie die von Liebhaber und Forscher, Sammler und Hermeneut, Germanist und Historiker debattiert wird. Der Name Friedrich Schillers gibt für manche Position Motive her. Wer das Archiv und sein Museum allerdings ganz ausschließlich auf Literatur verpflichten wollte, hätte in ihm keinen Gewährsklassiker. Schiller war nicht nur Dichter, sondern auch Historiker, außerdem Philosoph und Intellektueller.

Ein Direktor tut, was ein Direktor tun muss

Dasselbe gilt für die Ästhetik der Ausstellungen, die im 2006 eröffneten „Literaturmuseum der Moderne“ gemacht worden sind. Auch sie mag man mögen ob der sinnlichen Reize und Assoziationen, die sie, mehr an der Materialität von Literatur als an der Ausbreitung von Lesestoff interessiert, bieten. Oder man mag umgekehrt an ihnen die besinnliche Atmosphäre eines mit biographisch angeordnetem Lesestoff angefüllten Lokalbahnhofs vermissen, die der dokumentarische Stil früherer Tage besaß. Manches Unbehagen, das sich gegen die Führung des Archivs richtet, dürfte auf das Tempo zurückgehen, mit dem es in den vergangenen drei Jahren reformiert wurde.

Der Unterschied aber zwischen einer Kontroverse über solche Grundfragen der Traditionspflege und der Traditionspflege selbst ist, dass Letztere jene Fragen in Entscheidungen überführen muss. Dafür hat ein Haus einen Direktor, und wenn es ihn hat, dann muss er die Möglichkeit dazu haben. Das gilt umso mehr, wenn die Themen, die an ihn herangetragen werden, ständig zunehmen: durch Zukäufe, vermehrte Nachlässe zu Lebzeiten, das neue Museum, veränderte Forschungsbedürfnisse. Es sollten zwar, wenn er klug ist, nicht nur ein- oder mit Präsident zweisame Entscheidungen sein. Der begründete schwäbische Lokalstolz im Soziotop Marbach ist beachtenswert, und ein Entscheider muss auch die Folgen seines Tuns vertreten. Doch die Kompetenz für Richtungsangaben und Personalentscheidungen wird man dem Direktor eines solchen Hauses von Weltruf nicht sinnvoll absprechen können. Andernfalls hätte man nur einen Frühstücksdirektor, was schwäbischer Pragmatik ja auch nicht entspräche.

Satzungsstreitigkeiten

Genau hier liegt nun das weit über Literaturfragen hinausgehende Streitmotiv in Marbach. In seiner Stellungnahme zum Archiv hatte der Wissenschaftsrat vor einem Jahr auf dessen wenig effiziente Organisationsstruktur hingewiesen. Eine Satzungsänderung sei dringend erforderlich. Damit war die Abhängigkeit gemeint, in der die Archivleitung bislang gegenüber der Schillergesellschaft steht. Finanziell sind es das Land Baden-Württemberg und der Bund, die zu fast gleichen Teilen für 95 Prozent des Etats einstehen. Rechtlich hingegen, so der Wissenschaftsrat, sei der Direktor entweder ohne Entscheidungsmacht, oder er habe eine solche kraft Delegation des Präsidenten der Schillergesellschaft, ohne dass eine solche Delegation von deren Satzung überhaupt vorgesehen sei.

Der Rat war, das Literaturarchiv, etwa durch Konstruktion einer Stiftung bürgerlichen Rechts, in eine andere Trägerschaft zu überführen. Eine, die beispielsweise vermeiden würde, dass Angestellte des Archivs als aktive Mitglieder der Schillergesellschaft zugleich die Chefs ihres Chefs sind. Das jedoch verlangte von einem Bürgerverein mit langer Tradition, was jeder Organisation schwerfällt: die Einsicht in die sachlichen Vorteile einer Mäßigung des eigenen Einflusses.

Die Neigung der Mitglieder dazu wurde durch forsche Äußerungen ihres Präsidenten wohl nicht erhöht. Doch es würde zum patriotischen Eigensinn und zur Selbstverpflichtung auf eine große Tradition besser passen, wenn die Frage nach der Zukunft des Hauses nicht in einer Atmosphäre des Beleidigtseins und des unbedingten Willens zur Blockade behandelt würde. Die Sorge, das könne trotzdem passieren, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass eine öffentliche Stellungnahme der Beraterkommission, die unter Vorsitz von Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten des Goethe-Instituts, Ideen für eine neue Organisationsstruktur in Marbach ausarbeitet, soeben verschoben worden ist. Wie stünden auch Berater da, die am selben Tag erste Vorschläge machten, an dem diese gerade gegenstandslos geworden wären!

Wird also von den Reformern zu verlangen sein, dass sie dem protestierenden Teil der Schillergesellschaft mitteilen, was diese bekommt, wenn sie etwas abgibt, so werden die Protestierer sich fragen müssen, ob sie nicht die Institution beschädigen, wenn sie ihre Ansichten über deren Sinn, und seien diese noch so verständlich, absolut setzen.

Denn was man Raulff und Ehrhardt nicht vorwerfen kann, sind Misserfolge. Das Literaturarchiv steht gut da, was auch zugeben muss, wer nicht jede seiner Aktivitäten für das Nonplusultra des Umgangs mit der Tradition hält. Die Besucherzahlen des Museums, die vor allem in den neunziger Jahren stark nach unten gegangen waren, sind derzeit so beachtlich wie der Umgang mit den unterschiedlichen Generationen der Besucher, deren Altersdurchschnitt gesunken ist. Das Volumen der eingeworbenen Drittmittel lässt sich sehen, die Neuerwerbungen ohnehin. Eine Kooperation mit amerikanischen Spitzenuniversitäten wurde eingeleitet, der Ruf des Archivs als eines Orts der Forschung ist gestärkt. Es gibt also genug Gründe, die Entscheidungsfähigkeit des Hauses auch bei Dissens im Einzelnen zu bewahren.

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