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Literatur Verbotenes Stückchen vom Paradies

 ·  Der große amerikanische Roman und sein Autor: Philip Roth wird am Mittwoch siebzig Jahre alt. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird er in diesem Jahr den Literatur-Nobelpreis erhalten.

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Das jüngste Buch dieses Großmeisters des amerikanischen Romans zitiert im Titel einen Vers des irischen Lyrikers William Butler Yeats. Es handelt von einem abenteuerlichen Herzen und seiner Verwirrung, krank vor Begierde, eingeschlossen in einen verfallenden Körper:

"Und festgebunden an ein Tier, das stirbt, / Weiß es nicht, was es ist . . ." Das Herz eines alten Mannes, so meinte Yeats, als er fast so alt war wie Philip Roth heute, ist jünger als sein Körper, denn die Begierde altert nicht. Aber zugleich wird es sich selbst fremd und allen anderen zum Rätsel: "Du bist alt und ich bin jung / Wo gäbe es da Verständigung?" fragt Yeats in einem anderen Vers. Um diese drei Dinge vor allem kreist Philip Roth' Roman...

"Das Sterbende Tier“:

...das törichte Herz eines alten Mannes, seine nie endende fleischliche Begierde und die Unmöglichkeit der Verständigung zwischen einem alten Mann und einer jungen Frau. Wie in den meisten seiner gut zwei Dutzend Romane, die dem 1959 erschienenen Erstling "Goodbye, Columbus" folgten, gibt sich Roth auch hier wieder alle Mühe, manches Vorurteil zu nähren, das Frauen Männern gegenüber hegen mögen.

Als die junge und schöne kubanische Studentin Consuela zum ersten Mal allein mit ihrem ehemaligen Professor in dessen Wohnung ist, leidet Kepesh sofort unter dem kultivierten Gespräch, das ihm zwar unvermeidlich, aber herzlich überflüssig erscheint. Es sei zwar ganz schön, daß Consuelas Großvater dieses und ihre Großmutter jenes gewesen sei, schön, daß er Klavier spielen könne und ein Kafka-Manuskript besitzt, das gewaltigen Eindruck macht, "aber das alles ist lediglich ein Abschweifen von dem Weg, der uns zu unserem Ziel führt . . . Der einzige Zauber, den es braucht, ist Sex."

Sex als Mittel der Emanzipation

Es mag an Passagen wie dieser liegen, daß gegen den Roman eingewandt wurde, er fessele vor allem Leser, die das Geschlecht und das Alter des Autors teilen. Nicht ganz abwegig, und doch übersieht der Einwand etwas Wesentliches. Philip Roth ist zwar weit davon entfernt, eine Obsession für etwas zu halten, das einer Entschuldigung bedürfte, aber Sex war in den Romanen diesen bekennenden Erotomanen immer etwas, das nicht nur zwischen zwei Menschen stattfand, sondern sich in einer spezifischen gesellschaftlichen Situation ereignete. Sex ist ein verbotenes Stückchen vom verlorenen Paradies, ein Schlüssel zur Transzendenz. Es ist das Absolute, wie Professor Kepesh es beschwört: "Denn nur beim Vögeln übt man an allem, was einem verhaßt ist und was einen zu Boden drückt, eine reine, wenn auch nur momentane Vergeltung . . . Mit Sex übt man auch Vergeltung am Tod. Vergessen Sie nicht den Tod, vergessen Sie ihn nie. Ja, auch die Macht des Sex hat ihre Grenzen. Ich weiß sehr wohl, wie begrenzt sie ist. Aber sagen Sie mir: Welche Macht ist größer?"

Aber Sex ist auch, seit "Portnoys Beschwerden", dem Roman, mit dem Philip Roth Ende der sechziger Jahre berühmt wurde, ein Mittel der Emanzipation. Noch der siebzigjährige Kepesh ist geprägt von den Umwälzungen der sexuellen Revolution der sechziger Jahre. Die schöne Consuela ist zwar die Frau, vor der er auf den Knien liegt, aber die amerikanische Währung möchte er nach einem anderen Mädchen benannt wissen: nach Janie Wyatt, der freizügigen Studiengefährtin der sechziger Jahre und Anführerin der "Wilden Mädchen", also jener Studentinnen, die die sexuelle Befreiung nicht passiv, sondern überaus aktiv erlebten. Für Kepesh Anlaß genug, den Dollar in "Wyatt" umzubenennen. Janies bleibende geschichtliche Leistung: "Sie hat den Anspruch auf Lust demokratisiert."

Nun gehört diese Passage nicht unbedingt zu den stärksten des Buches, aber sie wirft ein wichtiges Schlaglicht auf diesen Autor: Wenn Roth an Sex denkt, denkt er an Amerika. Das puritanische Erbe der Pilgerväter und die sexuelle Revolution der sechziger Jahre waren dreißig Jahre lang die Extreme, zwischen denen Portnoy, Nathan Zuckerman oder Kepesh ihrem erotischen Programm folgten. Nun, in den letzten zehn Jahren, ist unter dem Banner der Political correctness ein Richtungswechsel erfolgt, der auch Roth' Figuren nicht unberührt läßt. An der Tür zu Kepeshs Büro hängt ein Zettel, der vor sexueller Belästigung warnt. Während der Professor auf der Hut ist, seine Begierden bezähmt und sich erst nach dem Ende des Semesters seinen Studentinnen zuwendet, gerät der ahnungslose Coleman Silk in eine Maschinerie, vor der er sich sicher glaubte.

"Der menschliche Makel", ...

....der vielleicht beste Roman dieses Autors, erzählt das Schicksal eines Universitätslehrers, dem ein paar harmlose Worte als diskriminierende Bemerkung ausgelegt werden. Coleman Silk muß das Institut verlassen, sein Lebenswerk ist zerstört. Aber hinter der Fassade des erfolgreichen Wissenschaftlers lauerte ein Leben lang die Angst vor Diskriminierung. Silk war ein Schwarzer, der seine angeborene Hellhäutigkeit dazu nutzte, den größten Sprung zu tun, der in Amerika denkbar ist: Silk wechselte aus dem Lager der Schwarzen ins Lager der Weißen.

Die Geschichte Silks ist dem Schicksal des berühmten amerikanischen Literaturkritikers Anatole Broyard nachempfunden, und sie führt ins Zentrum der Arbeiten von Philip Roth: Der Enkel von Sender Roth, einem jüdischen Einwanderer aus Osteuropa, hat sich zeitlebens mit den Themen des Außenseitertums und dem Schicksal der Juden in Amerika beschäftigt. Und erstaunlicherweise ist Philip Roth, der in allen seinen Büchern die Grenzen zwischen dem eigenen Leben und der Fiktion als fließend empfindet und mehrfach seinen Romanfiguren den eigenen Namen geliehen hat, mit seinen Büchern genauso weit ins Zentrum Amerikas vorgestoßen wie John Updike, der als typischer White-Anglo-Saxon-Protestant diesem Zentrum entspringt.

In dem autobiographischen Bericht "Mein Leben als Sohn" hat Philip Roth die Verhältnisse beschrieben, aus denen er stammt. Das einzige Familienerbstück, das aus der Zeit nach der Einwanderung der Großeltern erhalten blieb, war der Rasiernapf des Großvaters mit der Inschrift "S. Roth, 1912". Auf den jungen Philip Roth hatte er die Wirkung "einer griechischen Vase, auf der die mythischen Ursprünge der Rasse abgebildet waren".

So bescheiden waren die ersten Bildungserlebnisse eines jungen Juden aus Newark, der zu einem der bedeutendsten Schriftsteller Amerikas geworden ist. Heute wird Philip Roth siebzig Jahre alt. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird er in diesem Jahr den Nobelpreis erhalten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2003, Nr. 66 / Seite 37
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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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