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Literatur Rückblick: 100 Jahre Literatur-Nobelpreis

09.10.2001 ·  Der Nobelpreis für Literatur feiert dieses Jahr sein 100. Jubiläum. Seine Geschichte erzählt vom Ruhm und von Skandalen.

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Zur 100. Wiederkehr der ersten Vergabe des Nobelpreis für Literatur 1901 wird alles sein wie gehabt: Spannung überall auf der Literaturwelt vor der Bekanntgabe im Oktober, heftige Reaktionen von Begeisterung bis Empörung über die Entscheidung der „Schwedischen Akademie“ und dann im Dezember wieder die sorgsam eingeübte, tiefe Verbeugung des Preisträgers vor dem König.

Dass wegen des großen Nobeljubiläums der Preisträger oder die Preisträgerin etwas ganz Besonderes sein müsse, weist Akademiesekretär Horace Engdahl bestimmt von sich: „Das wird eine ganz normale Entscheidung.“

Ein Jahrhundert Nobelpreis

Als „ganz normal“ aber ist im ersten Jahrhundert der Preisgeschichte selten eine Vergabe eingestuft worden. Dass überragende Gestalten der Literaturgeschichte wie Alexander Tolstoj, James Joyce, Virginia Woolf, Marcel Proust, Henrik Ibsen und selbst der Schwede August Strindberg den Preis nie zuerkannt bekamen, erregt dabei die Gemüter mehr als zahlreiche äußerst zweifelhafte Vergaben an längst vergessene Autoren wie etwa eine Italienerin namens Grazzia Deledda (1927).

Rücksicht auf den Zeitgeschmack

„Die Akademie spiegelt natürlich immer auch den Zeitgeschmack wieder“, räumt Engdahl ein und begründet damit, dass eine heute als „seicht“ eingestufte Autorin wie die Amerikanerin Pearl S. Buck (1938) oder sechs Jahre zuvor der Brite John Galsworthy ausgezeichnet wurden.

60 Kilo Bücher

Den heutigen „Zeitgeschmack“ mit einem sicheren literarischen Urteil zu vereinen, bedeutet schon fast Knochenarbeit für die fünf Mitglieder des Nobelkomitees, die die Vorauswahl unter jährlich 200 Vorschlägen treffen.

Von den fünf Autoren in der Endauswahl müssen sie laut Engdahl jedes Buch gelesen haben. „Ja, von Grass habe ich alles gelesen“, versichert der Akademiesekretär und fügt hinzu, „den in Deutschland von der Kritik überwiegend verrissenen letzten Roman "Ein weites Feld" sogar drei Mal“. 60 Kilo Bücher habe ihm die Nobel- Bibliothek in seinem ersten Jahr als Akademiemitglied 1998 in die Sommerferien schicken lassen. „Lesekrisen kann ich mir nicht leisten“, stellt der schwedische Oberjuror fest.

Kein Debütantenpreis

Da möchte mancher den Schweden vielleicht einen jungen Lyriker mit betont schmalem Gesamtwerk wünschen, damit sie im viel zu kurzen schwedischen Sommer auch mal was anderes als nur Buchstaben anschauen können. „Der Nobelpreis ist kein Debütantenpreis“, sagt Engdahl dazu. Niemand bekommt den Literaturpreis, der zum ersten Mal auf die Liste ernsthafter Anwärter gekommen sei. Auch Grass habe „mehrfach“ drauf gestanden.

Der vom Journalisten ins Jurorenfach gewechselte Stockholmer betont aber auch, dass die Definition von „Literatur“ für die Akademie sehr weit gefasst ist: „Ein Bob Dylan kann als Kandidat behandelt werden, weil seine Liedertexte gedruckt vorliegen.“ Gleiches gelte für Essayisten, Dramatiker und Literaturkritiker.

Die Praxis der letzten Jahrzehnte allerdings spricht eine andere Sprache. Der Preis an den italienischen Dramatiker Dario Fo 1996 hatte auch etwas „Sensationelles“ an sich, weil bis auf die Vergabe 1953 an den britischen Ex-Premierminister Winston Churchill ausschließlich Romanautoren und Lyriker ausgezeichnet wurden.

Geschichte der Skandale

Tatsächlich haben Skandale die Geschichte des Literaturnobelpreises begleitet - wie die von der Sowjetführung erzwungene Ablehnung des Preises 1958 durch Boris Pasternak („Dr. Schiwago“). 1964 lehnte der Franzose Jean-Paul Sartre als bisher einziger von 96 seit 1901 ausgewählten Preisträgern den Nobelpreis freiwillig ab und erklärte stolz: „Jeder Preis macht abhängig.“

Horace Engdahl drückt die Bedeutung der von ihm mit verwalteten Auszeichnung mit Mut zum Zynismus aus: „Man sagt ja immer, dass junge Nationen sich vor allem zweierlei wünschen. Die Atombombe und den Nobelpreis.“

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