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Literatur-Nobelpreis Der Einzelgänger

03.10.2003 ·  Er versteckt seine Vornamen hinter Kürzeln, meidet Preisverleihungen und nur wenige Fotos kursieren von ihm: Der frischgebackene Literatur-Nobelpreisträger J. M. Coetzee und sein Verhältnis zu Südafrika.

Von Robert von Lucius
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Die Auszeichnung sei eine Ehre für die südafrikanische Nation und den afrikanischen Kontinent: Mit diesen Worten gratulierte der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki John Maxwell Coetzee zum zweiten Literaturnobelpreis eines Südafrikaners in gut einem Jahrzehnt. Und der regierende Afrikanische Nationalkongreß hoffte, dies werde ein Ansporn sein für junge Autoren des Landes sowie des ganzen afrikanischen Kontinents. Coetzee, der nie ein einfaches Verhältnis zu seiner Heimat hatte, ist vor zwei Jahren nach Australien übergesiedelt und lebt heute in Adelaide. Aber schon vor der Auswanderung des Schriftstellers dürften Mbeki und der ANC Coetzee eher distanziert bis ablehnend gegenübergestanden haben.

Weniger noch als die anderen südafrikanischen Autoren von internationalem Rang - Athol Fugard, Nadine Gordimer, Breyten Breytenbach und Andre Brink - ist Coetzee ein afrikanischer Schriftsteller. Dabei gaben Südafrika, Rassentrennung und Unterdrückung ihm seine zumindest anfangs wichtigsten Themen, vor allem in seiner Allegorie "Warten auf die Barbaren", die ihm vor gut zwei Jahrzehnten zum Durchbruch verhalf.

Man fand Coetzee in Chicago

Nicht nur in seinem Verhältnis zu Südafrika, zur Zeit der Rassendiktatur ebenso wie zur jüngsten Vergangenheit, zeigt sich die innere und äußere Distanz Coetzees, die er sorgsam pflegt. Er spricht nur durch seine Bücher, nie über sie, versteckt seine Vornamen hinter Initialen, ist bei Preisverleihungen nicht anwesend: Als erster Autor überhaupt ist er zweimal mit dem renommierten englischen Booker-Preis ausgezeichnet worden, blieb aber beiden Zeremonien fern. Es ist typisch für Coetzee, daß die Nobelstiftung ihn zunächst nicht ausfindig machen konnte, als sie ihm die Entscheidung mitteilen wollte. Man fand in schließlich in Chicago, wo er derzeit lehrt.

Nicht nur wegen seiner zurückgezogenen Lebensweise oder seiner anspruchsvollen Sprache ist Coetzee in Südafrika nicht übermäßig bekannt. In einem Land, in dem nur jeder hundertste Einwohner überhaupt Bücher kauft, haben seine Werke noch geringere Auflagen als die vieler seiner Kollegen. Auch am Donnerstag und Freitag gab es in Johannesburgs Buchläden keinen Kaufrausch.

Seine Werke sind zeitloser, abgehobener und symbolreicher

Coetzees Werke sind von Südafrika geprägt, aber zugleich zeitloser, abgehobener, symbolreicher als die Werke von Nadine Gordimer oder Brink. Diese waren fast immer geprägt von den Beziehungen zwischen Weiß und Schwarz, Arm und Reich sowie dem Leiden an der Heimat. Und die Autoren versuchten, die Politik zu beeinflussen durch ihre Novellen und Erzählungen ebenso wie durch öffentliche Aufrufe und politische Stellungnahmen. Am stärksten dürfte das dem verstorbenen Ur-Liberalen Alan Paton gelungen sein, dessen Buch "Denn sie sollen getröstet werden" ("Cry, the Beloved Country") früher und stärker als jedes andere Werk auf die Ungerechtigkeit der Apartheidpolitik aufmerksam machte - just in dem Jahr, in dem sie offiziell zur Regierungspolitik wurde.

Nadine Gordimer und mehr noch Brink wurde von Kritikern immer wieder vorgeworfen, bisweilen wohlfeil in politische Gefälligkeiten abzugleiten. Schon 1991 hätte, so war immer wieder zu hören, statt Gordimer Coetzee den Preis erhalten müssen. Zumindest für Südafrika wäre das womöglich zu früh gewesen. Nach drei Jahrhunderten in Afrika und auch nach dem Ende der Apartheid sind Weiße noch immer Fremde - das ist wohl die Botschaft seines 1999 erschienenen Romans "Schande", eine Botschaft, die die auf Versöhnung setzende Regenbogennation nicht gern hört.

Ein politischer Propagandist war er nie

Auch in die zweite Gruppe der "literarischen Großen" Südafrikas, Fugard und Breytenbach, gehört der eigenbrötlerische Coetzee nicht. Dabei entziehen sich auch diese jeder glatten Einordnung. Fugard, der zeitweise in den Vereinigten Staaten meistgespielte Dramatiker nach Shakespeare, hat in seinen Kammerspielen mit fast unerträglicher Intensität das Leiden, die Einsamkeit, die Suche gezeigt. In seinem Leben litt er, vielfach von der Apartheidregierung verfolgt und zensiert, für seine Überzeugungen, politischer Propagandist aber war er nie. Auch Breytenbach war ein Opfer der Politik - als "Terrorist" war er sieben Jahre in südafrikanischer Haft, und davor und danach ging er ins Exil. Beide waren mutige Widerständler in Wort und Tat.

Coetzee, ein Erbe Kafkas, wählte dagegen die innere Emigration des Schreibens und des Lehrens an der Universität Kapstadt, jenem Ort, der weder so recht Afrika noch Europa ist. Das mag mit seiner Herkunft zusammenhängen, mit der Sprache - wie Fugard entstammt er einer afrikaansen Familie, schreibt und spricht aber englisch -, mit gespaltenen Loyalitäten. Er fühlt mit den Unterdrückten, weiß aber, daß er Teil jener Gruppe ist, die er als Sklavenhaltergesellschaft definierte. Er wuchs auf im hügeligen Weinbaugebiet um Kapstadt herum, das er als Heimat betrachtet, und wollte doch als Rastloser schließlich fort. Stärker als er es wohl zugeben mag, ist J. M. Coetzee wie Fugard, Breytenbach, Brink geprägt von jener Gruppe der (weißen) Afrikaaner, die so ganz weder in Afrika noch in Europa daheim ist.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2003, Nr. 230 / Seite 39
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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