16.11.2003 · Der Schriftsteller Mohamed Choukri setzte sich kritisch mit sozialen Themen auseinander, sah sich der ästhetischen literarischen Form verpflichtet und hat damit die moderne arabische Prosa geprägt.
Von Hussain Al-MozanyIn seinem autobiographischen Roman "Das nackte Brot" gibt es eine Stelle, an der Mohamed Choukri beschreibt, wie sich sein Leben grundlegend änderte. Es war der Moment, als der Zwanzigjährige, der wegen eines kleinen Deliktes inhaftiert war, zum ersten Mal überhaupt mit der hocharabischen Sprache konfrontiert wurde. Ein Mithäftling namens Hamid schrieb auf eine Wand der Gefängniszelle den Auftakt eines Gedichtes des berühmten tunesischen Dichters Abulqasim asch-Schabi, der von 1906 bis 1934 lebte: "Wenn das Volk eines Tages nach dem Leben verlangt / dann muß auch das Schicksal gehorchen / Die Finsternis muß vergehen und die Ketten zerspringen." Choukri spürte, daß diese Worte wundervoll waren, aber er konnte ihre Bedeutung nicht verstehen. Der klassische Reim und der kraftvolle Pathos des Gedichtes beeindruckten ihn dennoch dermaßen, daß er gleich im Gefängnis begann, Hocharabisch zu lernen.
Eine weitere wichtige Station seines Lebens war seine Begegnung mit Paul Bowles, dem er seine Autobiographie diktierte und der sie 1973 in englischer Sprache veröffentlichte. Erst 1982 erschien das Buch im Arabischen und begründete Choukris Ruhm, nicht nur in Marokko, sondern in der ganzen arabischen Welt und darüber hinaus - fast alle seine Werke sind ins Deutsche übersetzt worden.
Armut, Verbrechen, Prostitution und das Nachtleben von Tanger
In seinen Büchern, etwa "Jean Genet in Tanger", "Paul Bowles und die Einsamkeit in Tanger", "Zeit der Fehler" und "Zocco Chico", behandelt er Themen wie Armut, Verbrechen, Prostitution oder das Nachtleben in der multikulturellen Stadt Tanger und stellt dabei radikal die Mythen der arabischen Wirklichkeit in Frage. "Die Fremdheit innerhalb des Gedränges, die Namen der arabischen Präsidenten, die mit Unrat auf die Mauern geschrieben sind, Flugzeugentführungen, die mit verbranntem Öl geschriebene Jugendpoesie, Hippies, die mit Eselschwänzen gezeichneten Bilder sind die Merkmale unseres tumultartigen Zeitalters", schreibt er in seinem Buch "Die Verführung der weißen Amsel".
Man gab ihm den Beinamen "Schwarzdrossel", weil er aus der Unterwelt, dem Milieu der Unterprivilegierten kam. Sein ganzes Schreiben war nichts anderes als der Versuch, sich in eine weiße Drossel zu verwandeln. Er setzte sich aber nicht nur kritisch mit sozialen Themen auseinander, sondern sah sich auch der ästhetischen literarischen Form verpflichtet und hat damit die moderne arabische Prosa in den maghrebinischen Staaten geprägt.
Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch
Mohamed Choukri empfand sich als Weltbürger, deshalb lernte er nicht nur das Hocharabische, sondern auch die englische, französische, spanische und italienische Sprache, um die Hauptvertreter der westlichen Literatur lesen und rezipieren zu können. Einige seiner Bücher waren und sind bis heute in der arabischen Welt umstritten und nicht zuletzt wegen ihrer Freizügigkeit sogar verboten. Selbst in der Amerikanischen Universität von Kairo durften seine Bücher nicht im Untericht verwendet werden. Denn er beschrieb nicht nur das "nackte Brot", er enthüllte ebenso die Heuchelei in der arabisch-islamischen Welt in schonungslosem Duktus. Am vergangenen Samstag ist Mohamed Choukri im Militärkrankenhaus von Ribat im Alter von 68 Jahren gestorben.