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Literatur Hört sich an wie fernes Rössergrollen

15.05.2003 ·  Sie vermachten den Menschen eigentlich nur Schriftliches. Nun aber sind Arthur Conan Doyle und andere britische und amerikanische Autoren auch zu hören - auf einer CD-Kollektion, deren älteste Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Von Gina Thomas, London
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Robert Browning war sich offenbar bewußt, daß seine Worte von Dauer sein würden, als Edisons britischer Vertreter, Oberst George Gouraud, nach einem geselligen Abendessen in London die Gäste der Reihe nach aufforderte, in den Phonographen zu sprechen, den er mitgebracht hatte. Zunächst wollte der Dichter sich dem Partyspiel verweigern. Dann überwand er sich und begann sein berühmtes Gedicht "How they brought the good news from Ghent to Aix" in das Mundstück zu brüllen. Die Erregung ist dem fast Achtzigjährigen anzuhören. Nach wenigen Zeilen brach er ab, versuchte es noch einmal vergeblich und entschuldigte sich, immer noch munter brüllend, in einem Englisch, das heute nicht mehr gesprochen wird, daß er die eigenen Verse vergessen habe.

Von dem, was er dann sagte, sind einige Worte nicht völlig auszumachen. Doch dem Sinne nach ist klar, daß Browning verkündete, wie er sich sein Leben lang an die erstaunlichen Errungenschaften dieser "wunderbaren Erfindung" erinnern werde. Er signierte sogar mit einem Tonautogramm: "Robert Browning", deklamierte er abschließend. Daraufhin rief die versammelte Runde "Bravo", dreimal "Hipp, hipp, hurra" und noch einmal "Bravo". Das war im April 1889, knapp zwölf Jahre nachdem Thomas Alva Edison seine neue Sprechmaschine mit der Aufzeichnung des Kinderreims "Mary had a little lamb" ausprobiert hatte. Acht Monate später starb Browning in Venedig.

Romanciers und Dichter dürfen sprechen

Sein Auftritt im Hause seines Freundes, des in London lebenden deutschen Malers Robert Lehmann, gehört zu den bemerkenswertesten Tondokumenten aus der Frühzeit des Phonogramms. Ein Ausschnitt ist jetzt auf einer Sammlung mit den Stimmen anderer britischer und amerikanischer Autoren zu hören, die vor 1900 geboren wurden. Die Aufzeichnungen aus dem Lautarchiv der British Library, die vor allem wegen ihres Seltenheitswertes gewählt wurden, werden auf zwei CDs wiedergegeben. Eine ist den Romanciers gewidmet, die andere den Dichtern ("The Spoken Word - Writers", NSA CD 12, und "The Spoken Word - Poets", NSA CD 13, jeweils 9,95 Pfund).

Da spricht Alfred Lord Tennyson im Mai 1890 seine berühmten Verse über die Vernichtung der leichten Kavalleriebrigade in der Krim. Es knistert, und die Wachswalze macht beim Drehen ein Geräusch wie galoppierende Pferde, fast, als sei es inszeniert, zumal der alte Tennyson das Wort "ritten" immer wieder mit großer Emphase ausspricht. William Butler Yeats warnt vor einer Dichterlesung aus dem Jahr 1932 kämpferisch, daß er den Rhythmus besonders betonen werde, "was einige von ihnen, die es nicht gewohnt sind, merkwürdig finden mögen". Es habe ihm "teuflische Mühe" gemacht, die Gedichte in Versform zu bringen, "deswegen werde ich sie nicht lesen, als seien sie Prosa", verkündet er, bevor er langsam und mit bebender irischer Stimme zu rezitieren anhebt.

Gertrud Stein klingt, als lese sie um die Wette

Geradezu singend trägt Hilaire Belloc seine "Tarantella" vor, Kipling spricht feierlich eine Strophe aus seiner 1913 verfaßten Hymne auf Frankreich, Ezra Pound, der sich bei der Darbietung des aus dem Angelsächsischen des Mittelalters übertragenen "Seefahrers" auf der Pauke begleitet, klingt mit dem übertrieben rollenden "R" wie ein bedrohliches Biest, und Gertrud Stein trägt "A Valentine to Sherwood Anderson" vor, als lese sie um die Wette.

Auf der Schriftsteller-CD erzählt Arthur Conan Doyle 1930, zwei Monate vor seinem Tod, wie ihn der streng kritische Ansatz des Edinburgher Mediziners Dr. Bell auf die Idee brachte, eine Kriminalgeschichte zu schreiben, in der der Held das Verbrechen so anging wie sein Lehrer eine Krankheit und wo der Detektiv seine Lösungen nicht dem Zufall, sondern den Naturwissenschaften verdankt. Conan Doyle spricht in diesem einzigen Tondokument seiner Stimme mit markantem schottischem Akzent. Gilbert Keith Chesterton sinniert über das Thema "Die Würze des Lebens", E. M. Forster läßt die Demokratie als die am wenigsten verabscheuenswürdige Regierungsform zweimal hochleben - dreimal verdiente es nach seiner Ansicht nur die Republik.

Legendäre Figuren werden plötzlich lebendig

P. G. Wodehouse berichtet 1941 in einer der umstrittetenen Rundfunksendungen aus Berlin, die ihn in den Augen seiner Kritiker zum Landesverräter machten, über seine Internierung in Le Touquet, James Joyce trägt mit lyrischem Singsang aus dem Manuskript von "Finnegans Wake" vor, und Vita Sackville-West schafft eine Atmosphäre der Intimität durch die Lesung einer unveröffentlichten Passage aus Virginia Woolfs "Orlando", dem ihr gewidmeten Roman, den ihr Sohn einmal den "längsten und charmantesten Liebesbrief der Literaturgeschichte" nannte. Virginia Woolf spricht mit tiefer, gepreßter Stimme über ihr Handwerk, als habe man ihr eine Wäscheklammer auf die Nase geklemmt.

Faszinierend zu hören, wie sehr sich nicht nur idiomatische Wendungen gewandelt haben - die Aussprache selbst ist anders geworden. Der Reiz dieser Aufnahmen aber liegt vor allem darin, daß legendäre Figuren, die bislang nur durch das geschriebene Wort fortgelebt haben, plötzlich lebendig werden. "Wörter sind voller Echos, Erinnerungen, Assoziationen", sagt Virginia Woolf in dem Rundfunkgespräch, aus dem hier ein Auszug zu hören ist. Ihre Suggestionskraft ist jedoch nie so stark, wie wenn sie vom Autor selber gesprochen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2003, Nr. 113 / Seite 35
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