24.10.2005 · In seiner Dankesrede hat Friedenspreisträger Pamuk keinen Zweifel an seiner Haltung gelassen: Er glaube nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiere. Welchen Preis Europa für einen EU-Beitritt der Türkei zu zahlen hätte, ließ er offen.
Von Hubert Spiegel„Mag es ein Pamphlet werden“, so schrieb Dostojewskij während der Arbeit an den „Dämonen“, „zumindest werde ich darin ausdrücken, was ich denke.“ In seiner Lobpreisung des europäischen Romans kam der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche mehrfach auf Dostojewskij zu sprechen. Heutige Leser, so der Friedenspreisträger, würden „Die Dämonen“ nicht mehr als Streitschrift gegen die Verwestlichung Rußlands lesen, sondern als Werk, das uns viel über die slawische Seele und die russische Wirklichkeit verrate.
Auch die Romane Pamuks verraten viel über die türkische Mentalität und die Wirklichkeit in der Türkei von heute. Und obwohl Pamuks Romane wie „Das neue Leben“ (1998) oder „Schnee“ (F.A.Z. vom 21. Mai) wahrlich keine Pamphlete sind, geben sie Hinweise darauf, was Orhan Pamuk denkt. Aber es ist oft nicht ganz leicht, diese Hinweise zu deuten. Denn vor allem erfahren wir in Pamuks Büchern, was andere denken. Pamuk definiert den Roman als Medium der „Möglichkeit, sich in andere hineinzuversetzen“.
Hinter welchen Figuren steckt der Autor selbst?
Dabei hat er seine literarische Absicht, ein anderer zu werden, andere sprechen zu lassen und jenen eine Stimme zu geben, die stumm sind oder kein Gehör finden, so konsequent umgesetzt, daß zuweilen die Frage aufkam, hinter welcher der vielen in seinen Büchern versammelten Figuren, Ansichten, Meinungen und Überzeugungen denn nun der Autor selbst zu finden sei. Das ist keine genuin literarische Frage, und deshalb wurde sie um so drängender gestellt, je öfter sich Orhan Pamuk zum aktuellen politischen Geschehen äußerte.
In seiner Paulskirchenrede hat Pamuk jetzt manche Frage aufgeworfen, aber keinen Zweifel an seiner Haltung gelassen: So wie er sich keine Türkei vorstellen könne, die nicht von Europa träume, so glaube er auch nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiere. Pamuk warnte davor, das Beitrittsgesuch der Türkei, das er mehrfach als „Friedensangebot“ seiner Heimat umschrieb, abschlägig zu bescheiden: „Es dürfte schwer sein, nach jahrhundertelangen Kämpfen und Kriegen diese freundschaftlich ausgestreckte Hand zurückzuweisen, ohne es später einmal bereuen zu müssen.“ Welchen Preis Europa zu zahlen hätte, falls der Beitritt nicht zustande kommen sollte, ließ der Schriftsteller dabei offen.
„Auf Kosten der Türkei und der Türken“
In Anwesenheit zahlreicher deutscher Politiker wie Norbert Lammert, Wolfgang Schäuble, Hans Eichel, Christina Weiss, Friedrich Merz und Wolfgang Gerhardt beklagte Pamuk, daß „in Europa von gewissen gesellschaftlichen und politischen Kreisen immer mehr gegen die Türkei Stimmung gemacht“ werde. Mancher Politiker hätte seinen letzten Bundestagswahlkampf „auf Kosten der Türkei und der Türken“ betrieben. Die Türken reagierten auf derlei Verunglimpfungen mit der „Empfindlichkeit der Abgewiesenen“. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, und dennoch sind dem Schriftsteller hier die Maßstäbe verrutscht.
Pamuk verlor kein Wort darüber, daß es für die Sorgen und Ängste von westlicher Seite durchaus gute Gründe gibt. Den „europafeindlichen, dumpfen Nationalismus“, der sich in der Türkei entwickle, schien Pamuk allein auf „Türkenfeindlichkeit“ zurückführen zu wollen. Daß türkischer Nationalismus, die Demokratiedefizite im Land, die Rolle der Frau im Islam und ganz allgemein die Unterschiede in Fragen der Kultur und Religion auch jenen im Westen Falten auf die Stirn treiben können, die dem Beitritt der Türkei offen gegenüberstehen, kam in dieser Rede leider nicht zur Sprache.
Übers Ziel hinaus geschossen
Warum nicht? Es kann kaum schwerfallen, Verständnis dafür aufzubringen, daß Pamuk Rücksichten nehmen muß. Er wird von einem Istanbuler Staatsanwalt mit einer Gefängnisstrafe bedroht, weil er öffentlich gesagt hat, daß die an Armeniern und Kurden begangenen Greueltaten in der Türkei noch immer totgeschwiegen würden. Pamuk möchte, wie jeder andere Intellektuelle auch, seine Meinung äußern und an Tabus rühren dürfen, ohne dafür ins Gefängnis oder ins Exil gehen zu müssen. Deshalb sieht er sich genötigt, seinen Patriotismus unter Beweis zu stellen.
Mit Sätzen wie den folgenden schießt er jedoch übers Ziel hinaus: „Wir würden es heute als Manko empfinden, wenn ein deutscher Schriftsteller, der mit dem Anspruch aufträte, die deutsche Gegenwart abzubilden, die Türken in Deutschland und die ihnen entgegengebrachten Ressentiments in seinem Werk ganz einfach ausblendete. Und ich persönlich empfinde es als Manko, wenn ein türkischer Schriftsteller heute nicht auf die Kurden, auf die Minderheiten in der Türkei und auf die unausgesprochenen dunklen Punkte unserer Geschichte eingeht.“ Will Pamuk mit dieser seltsamen Gegenüberstellung, etwa behaupten, die Lage der Türken in Deutschland gleiche der Situation der Kurden in der Türkei? Welcher in Deutschland lebende Türke könnte zu Recht von sich sagen, er gehöre einer unterdrückten und verfolgten Minderheit an? Integrationsprobleme sollen nicht beschönigt werden. Aber eine solche Dramatisierung der Verhältnisse kann nicht hilfreich sein.
Zweifel gehört zu seiner Kunst
Eine der Figuren in Dostojewskijs „Dämonen“ beschreibt den Helden Stavrogin als unheilbaren Skeptiker: „Wenn er glaubt, glaubt er nicht, daß er glaubt; und wenn er nicht glaubt, glaubt er nicht, daß er nicht glaubt.“ In seinen öffentlichen Äußerungen zum EU-Beitritt der Türkei gestattet sich Pamuk keinerlei Zweifel mehr: Er will fest glauben, daß er fest daran glaubt, und alle sollen glauben, daß es so ist. Der Schriftsteller Orhan Pamuk, der sich seinen festen Platz in der Weltliteratur erobert hat, wird dem Zweifel treubleiben. Denn der Zweifel gehört zu seiner Kunst, für die er in der Paulskirche zu Recht ausgezeichnet wurde.