13.12.2000 · Literatur-Nobelpreisträger Gabriel Garcia Márquez meldet sich zurück. In Kürze erscheint seine Autobiografie.
Von Holger ChristmannVor einem Jahr beunruhigte eine Meldung die Weltöffentlichkeit. Gabriel Garcia Márquez, der aus Kolumbien stammende Nobelpreisträger für Literatur, sei schwer krank, hieß es damals.
Die Nachricht wurde vermeldet, als ginge es weniger um einen Schriftsteller, als um einen gütigen Monarchen, der vom Volk geliebt wird und um den es sich sorgt. Ähnlich traurig sind streng gläubige Katholiken, wenn der Papst erkrankt. Wenn heute gemeldet wird, dass Garcia Márquez genesen ist und sogar ein Interview gegeben hat, dann ist das mehr als eine Randnotiz. Ein ganzer Kontinent scheint aufzuatmen. Und mit ihm Leser in aller Welt.
Politische Autorität
Gabriel Garcia Márquez wird in Lateinamerika verehrt wie kein zweiter Schriftsteller dieses an Literatur so reichen Kontinents. Man nennt ihn dort liebevoll „Gabo“. Geliebt wird er nicht nur für seine Romane, die ihn auch in Europa berühmt machten: „Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt“ (im Original erstmals 1961 veröffentlicht), „Hundert Jahre Einsamkeit“ (1967), „Chronik eines angekündigten Todes“ (1981) oder die „Liebe in den Zeiten der Cholera“ (1986). Geachtet wird er auch als politische Autorität. Die Armen sehen in ihm einen Anwalt gegen die Auswüchse des Kapitalismus, den er immer wieder anprangert, wenn auch moderater als sein Duz-Freund Fidel Castro. Dass er dabei die kubanischen Verhältnisse schönredet, ist eine andere Sache. Die Übrigen respektieren ihn für das Selbstbewusstsein, mit dem er den oft als arrogant empfundenen Vereinigten Staaten entgegentritt.
Der Autor hat viele, die ihm schreiben
Das hat er mit dem mexikanischen Schriftsteller Carlos Fuentes gemein, der in seinem jüngsten Roman „Die Jahre mit Laura Diaz“ davon spricht, dass die mexikanische Gesellschaft zivilisierter sei als die amerikanische. Wie Fuentes, so gibt Garcia Márquez Lateinamerika das Selbstbewusstsein zurück, dass es in den Jahren der Diktaturen und der damit verbundenen „Fremdbestimmung“ durch die unbeliebten „Yankees“ einzubüßen drohte. Anders als der Intellektuelle und Salonlöwe Fuentes bewahrte sich Garcia Márquez immer eine Volkstümlichkeit. Die drückt sich literarisch in überbordender Erfindungslust und in der Vermischung von Wundern und Wirklichkeit aus. Wie beliebt Garcia Márquez in Kolumbien ist, ist seiner Kolumne „Gabo contesta“ (Gabo antwortet) anzumerken. Der Schriftsteller hat (anders als der Oberst) viele, die ihm schreiben - und literarische Fragen an ihn richten. Alle paar Wochen beantwortet „Gabo“ eine Frage, dann aber ausführlich.
Mit den Mächtigen auf gutem Fuß
Wenn Gabriel Garcia Márquez sich politisch äußert, dann findet er auch international Gehör. Sein großer Artikel über die zwei Identitäten des gefürchteten venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chavez erschien gleichzeitig in vielen Zeitungen in aller Welt. Während der Nato-Bombardements auf Serbien erschien von ihm eine Erinnerung an persönliche Begegnungen mit dem damaligen Nato-Generalsekretär Javier Solana und mit dem Oberbefehlshaber der Aktion, General Wesley J. Clark. Auch dieser Beitrag wurde in der ganzen Welt beachtet, auch wenn er in der literarischen Qualität an das Chavez-Porträt nicht heranreichte. Die persönliche Bekanntschaft mit Mächtigen - seit Neuestem verkehrt er auch mit Bill Clinton - verleiht „Gabos“ Urteil zusätzliche Autorität. Garcia Márquez ist neben Mario Vargas Llosa der letzte und romantischste Vertreter des politisch engagierten Großschriftstellers.Das macht ihn zu einem Fossil des 20. Jahrhunderts und ist Teil seiner Faszination.
Gefeierte Rückkehr in den Journalismus
Seine Meinungsartikel veröffentlicht „Gabo“ in der kolumbianischen Zeitschrift „Cambio“. Die Zeitung hat er jüngst gekauft und damit seine Rückkehr in den Journalismus machtvoll demonstriert. Als Reporter hatte er angefangen. Er krönte seine journalistische Karriere mit dem romanhaften „Bericht eines Schiffbrüchigen“ (1955). Seinen Ruhm als Schriftsteller mehrte er durch den reportagehaften Roman „Nachricht von einer Entführung“ (1996). So überkreuzen sich bei ihm die Stile. Bei der Reportage setzt Garcia Márquez nicht auf effekthascherische Zuspitzungen, sondern auf das geduldige Aufrollen einer Begebenheit. Die färbt er durchaus subjektv. Der „Bericht eines Schiffbrüchigen“ ist in der Ich-Form geschrieben.
Plötzliche Erkrankung an Lymphdrüsenkrebs
In den letzten Jahren wurde es still um den Schriftsteller. Interviews gibt er so gut wie nie. Als der Autor dieser Zeilen einmal um ein Gespräch nachsuchte, wurde ihm beschieden, er dürfe dabeisein, wenn Garcia Márquez eine Redaktionskonferenz abhalte. Der Schriftsteller werde sich aber nicht in seinem Büro hinsetzen und Fragen beantworten. Der Besuch kam nicht zustande, weil der Schriftsteller, der meistens in Mexiko lebt, krank wurde. Die Diagnose: Lymphdrüsenkrebs.
Nach einem Jahr ist er genesen. Und der kolumbianischen Zeitung „El Tiempo“ hat der 73jährige auch ein Interview gegeben. Er sei überrascht über das große Glück, das dieses Hindernis in seinem Leben gewesen sei. Aus Angst, seine dreibändige Biographie und zwei Bücher mit Kurzgeschichtgen nicht mehr abschließen zu können, habe er sich zurückgezogen und fleißig gearbeitet. Er habe sich eingeschlossen, um jeden Tag ohne Unterbrechung von acht Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags zu schreiben.
In Kürze erscheinen „Gabos“ Memoiren
Den ersten Band der Memoiren hat er abgeschlossen. Sie liegen dem Lektor vor und sollen nächstes Jahr unter dem Titel „Vivir para contarlo“ (Leben, um es zu erzählen) erscheinen. Der erste Teil handelt von seinen Eltern handeln und endet mit der Veröffentlichung seines ersten Romans „Der Laubsturm“ 1955. Der zweite Band soll bis zur Veröffentlichung seines Meisterwerks „Hundert Jahre Einsamkeit“ reichen. Im dritten Band will sich der Schriftsteller seiner Freundschaft zu Politikern widmen. Viele werden der Versuchung erliegen, in seiner Lebensgeschichte nach Parallelen zu seinen Romanfiguren suchen. Gespannt darf man auch sein, ob der Schriftsteller ein romanhaftes Element seiner Biographie enträtselt und endlich sein wahres Geburtsjahr bekannt gibt. Bis heute hat Garcia Márquez im Unklaren gelassen, ob er am 6. März 1928 oder ein Jahr vorher geboren ist. Hier macht sich der Schriftsteller seit Jahren künstlich interessant. Und das hat er gar nicht nötig.