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Literatur Frankreich: Skandal um Kindersex-Roman

29.08.2002 ·  Der französische Verlag Gallimard will das Buch „Rose bonbon“ nicht mehr ausliefern. Der Vorwurf: Pornografie mit Minderjährigen.

Von Andrea Klingsieck
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Das angesehene Pariser Verlagshaus Gallimard gab am Mittwoch bekannt, es werde den vor zwei Tagen erschienenen Roman „Rose bonbon“ nicht mehr ausliefern. Es reagierte damit auf den Vorwurf einer Kinderschutz-Organisation, Pornografie mit Minderjährigen zu veröffentlichen.

Nicolas Jones-Gorlin beschreibt in seinem Roman einen gut 30 Jahre alten Ich-Erzähler, der sich unwiderstehlich von kleinen Mädchen angezogen fühlt. Er lebt sein pädophiles Verlangen ohne Schuldgefühle aus. Nachdem er in der Toilette eines Cafés ein kleines Mädchen sexuell belästigt und dessen Mutter geschlagen hat, wird er festgenommen. Doch da er bereit ist, sich einer Therapie zu unterziehen, wird er gleich wieder entlassen. Ohne die geringste Läuterung lebt er seine perversen Phantasien weiter aus. Er begegnet einem anderen Pädophilen und gründet mit ihm eine Event-Firma für Kinderfeste, bei denen er als singender Clown auftritt.

Empörung

Die Kinderschutz-Organisation „L'enfant bleu“ war durch den Hinweis einer Journalistin auf das Buch aufmerksam geworden. In einem empörten Brief wies sie den Verlag darauf hin, der Roman könne „die Empfindsamkeit der Öffentlichkeit und der zahlreichen Opfer von Pädophilen verletzen“. Sie verlangte vom Verlag, die 3.000 Exemplare, die bereits in den Buchhandlungen liegen, zurückzuziehen. Dies lehnte der Verlag ab und erklärte sich lediglich bereit, keine weiteren Exemplare mehr auszuliefern.

Der Verlag gab zu, die Veröffentlichung des Romans sei im Hause selbst lange und heftig debattiert worden. Doch sei man schließlich zu dem Schluss gelangt, es handle sich um Literatur. Man müsse den Roman auch mit mehr Abstand lesen. Im Grund sei „Rose bonbon“ nämlich satirisch gemeint, behauptete Gallimard in einem Antwortbrief an „L'enfant bleu“. Auch gegenüber der franzöischen Nachrichtenagentur AFP stellte sich der Verlag auf die Seite seines Autors. Man könne Jones-Gorlin „natürlich keine Verteidigung der Pädophilie“ vorwerfen. Der Verlag stelle sich lediglich auf dessen Seite, ohne aber sein Handeln entschuldigen zu wollen.

Moderne Teufel

Nicolas Jones-Gorlin erklärte dem Radiosender France Inter: „Ich beschreibe das Verlangen der Hauptperson. Ich beschreibe, was er sieht, was er fühlt, diese Situation, in der er gefangen ist. (...) Ich habe eine Fabel über den modernen Teufel schreiben wollen. Ich wollte niemanden schockieren, auch wenn mir durchaus bewusst war, dass der Roman heftige Reaktionen hervorrufen wird. Ich wollte ein Problem ansprechen, an dem unsere Gesellschaft leidet.“

Die Präsidentin der Kinderschutz-Organisation „L'enfant bleu“, Brigitte Bancel-Cabiac, ist da anderer Meinung. Sie erklärte France Inter gegenüber: „Natürlich muss das Thema der Pädophilie öffentlich debattiert werden. Das kann gerade ich als Ärztin nur unterstützen. (...) Doch dieses Buch trägt in keiner Weise zur Debatte bei. Die beschriebenen Szenen sind extrem provokant, unerträglich, zum Teil Übelkeit erregend. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Problem der Pädophilie gibt es jedoch nicht.“

Schockiert

Der Anwalt von „L'enfant bleu“, Yves Créspin, kündigte an, am Montag Strafanzeige wegen Pornografie mit Minderjährigen zu erstatten. Er zeigte sich auch schockiert über die Verkaufs-Banderole des Buches mit dem Wortspiel „Amours mineures“. Dies kann im Französischen sowohl „minderjährige“ als auch „geringfügige“ Liebschaften bedeuten. Dies könne suggerieren, Pädophilie sei etwas „Belangloses“, meinte Créspin. Ein weiteres makabres Detail: Im Nachwort bittet der Verleger den Leser, sich von der Hauptperson zu distanzieren.

Dabei ist „Rose bonbon“ kein Einzelfall. Gallimard plant, Ende September einen Roman von André Gide herauszugeben, der ebenfalls für einen Skandal sorgen dürfte: „Le Ramier“ (Die Ringeltaube) schildert die Liebesbeziehung eines Erwachsenen zu einem kleinen Jungen. Ein weiterer Roman sorgt in den Buchhandlungen bereits für Aufruhr: „Il entrerait dans la légende“ (Er wird in die Geschichte eingehen) von Louis Skoreci handelt ebenfalls von einem Pädophilen, der zudem noch Serienmörder ist. Diese Reihe an Neuerscheinungen wirkt um so geschmackloser, als in Frankreich momentan debattiert wird, Pornografie im Fernsehen ganz zu verbieten. Zudem hatten vor wenigen Tagen erst die Entführung und Ermordung zweier 10-jähriger Mädchen in Großbritannien auch in Frankreich für viel Emotion gesorgt.

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