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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Literatur Er liest nicht - er liest doch

 ·  Maxim Biller wollte sich nie vorschreiben lassen, worüber er schreiben darf. „Esra“ jedoch erscheint manchen so sehr aus dem Leben gegriffen, dass sie die Lesung verbieten ließen. Für Biller kein Grund, überhaupt nicht zu lesen.

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Als Thomas Mann ein kleiner Junge war, malte er gerne kleine schwarze Herren mit Bleistift auf Papier. Der junge Zeichner, der später einmal Dichter werden sollte, fand sie sehr schön und lief mit seinem Kunstprodukt zum Publikum: zu Eltern, Tanten und anderen Verwandten, um Lob zu ernten. Doch statt Lob erntete er nur die Frage: "Wer soll das sein?" Der kleine Mann empörte sich: "Niemand soll das sein!" und weinte beinahe. "Es ist ein Mann, wie du siehst, eine Zeichnung, die ich gemacht habe, bestehend aus Umrissen, Herrgott noch mal . . ."

Sein ganzes Dichterleben lang sollte sich der kleine Zeichner von damals mit der Frage "Wer soll das sein?" herumärgern müssen. Prozesse, Feindschaften fürs Leben und das grimmige Schweigen Gerhart Hauptmanns waren die Folge. Und sein Leben lang wurde er nicht müde, die Kunst vor einer Wirklichkeit, die sich in künstlerischen Werken wieder- und wiedererkennen wollte, in Schutz zu nehmen. "Du mußt mir versprechen, daß du nie etwas über mich schreibst", läßt der Schriftsteller Maxim Biller Esra, die Titelheldin seines neuen Romans, Adam, den Ich-Erzähler, anflehen.

Als nähme man ihm die Luft zum Atmen

Der Schriftsteller windet sich: "Ich bin zwar niemand, der sich ständig Notizen macht und jede Sekunde seines Lebens für zukünftige Geschichten und Romane verplant - dennoch will ich nicht gesagt bekommen, worüber ich schreiben darf und worüber nicht. Das ist so, als nähme man mir die Luft zum Atmen." Und lehnt das Verbot als unannehmbar ab.

Jetzt hat sich die Wirklichkeit gemeldet. Zwei Personen haben sich in den Romanfiguren Esra und ihrer Mutter Lale Schöttle wiedererkannt, sehen ihre Persönlichkeitsrechte verletzt und haben beim Landgericht München gegen das Buch eine einstweilige Verfügung erwirkt (F.A.Z. vom 6. März). Das Buch darf vorerst vom Verlag nicht mehr verkauft und beworben werden.

Verdichtete Wirklichkeit

Trotzdem fand gestern abend im Roten Salon der Berliner Volksbühne eine öffentliche Buchpräsentation statt. Doch schon die Kartenverkäufer, die die Tickets mit großgedruckter "Esra"-Aufschrift ausgaben, sagten, aus dem neuen Buch werde nicht gelesen. Was aber niemanden vom Besuch der Lesung abhielt.

Zunächst kam der Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow auf die Bühne, bedauerte, daß sich Menschen von dem Roman offenbar verletzt fühlten, beharrte aber auf der Freiheit der Kunst und behielt sich rechtliche Schritte gegen die einstweilige Verfügung vor. Ein Mann im Publikum rief "Publicity-Trick!", die anderen sagten nichts, und dann kam Maxim Biller. Ohne viele Worte vorwegzuschicken begann er einfach mit ruhiger, eindringlicher, weicher Stimme eine andere, bislang unveröffentlichte Geschichte zu lesen, eine präzise gearbeitete, intensive, bewegende Erzählung über die Fußball-WM 1974, den Tod des Bruders des Erzählers beim Sechs-Tage-Krieg und die Sehnsucht nach Israel.

Und vielleicht war auch sie so intensiv, weil sie nicht ausgedacht war. Gefunden statt erfunden. Verdichtete Wirklichkeit. Ein Kunstwerk. Das Publikum war eine Stunde lang gebannt wie selten bei einer Lesung. "Noch immer male ich Männerchen, bestehend aus Umrissen", schrieb Thomas Mann 1906 in seinem Selbstrechtfertigungs-Essay "Bilse und Ich", "und gar niemand stellen sie vor, wenn nicht mich selber." Sein Lebensbekenntnis. Die Vorwürfe hörten trotzdem nie auf.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2003, Nr. 56 / Seite 40
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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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