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Literatur Ein „Vorleser" für alle

12.07.2002 ·  Gemeinsam lesen ist schöner: Gleich zwei deutsche Städte wollen ihre Bürger zur kollektiven Lektüre eines Buches anregen. Auserwählt wurde Schlinks „Vorleser“.

Von Katja Blomberg
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Welch ein Zufall: Unabhängig voneinander haben gleich zwei deutsche Städte, Bad Hersfeld und Potsdam, eine Sommer-Aktion gestartet, die die Freude am Lesen wecken will. Je ein Buch hat man ausgewählt, das so viele Bürger wie möglich gemeinsam lesen sollen. Und wie es ein weiterer Zufall so will, hat man sich in beiden Städten auf denselben Titel geeinigt: auf Bernhard Schlinks „Der Vorleser“.

Die Idee, dass eine Stadt ein Buch liest und ihre Bürger über die Literatur neu miteinander ins Gespräch kommen, stammt aus den USA. Seit dem vergangenen Herbst lebt Chicago nach dem Motto: „One City - one Book“. Während man sich am Lake Michigan schon in den zweiten Titel vertieft hat, soll in diesem Sommer das kollektive Lesefieber auch auf Deutschland übergreifen.

„Der Vorleser“ überall

Zum Virus wurde „Der Vorleser“ auserkoren - empfohlen von zwei Jurys in einer öffentlichen Online-Abstimmung in Potsdam und von einer expertenbesetzten Arbeitsgruppe in Bad Hersfeld. Schon oberflächlich betrachtet, scheint dieses Buch genau jene Mischung zu bieten, die jugendliche wie auch ältere Leser gleichermaßen interessieren könnte: ein bisschen Sex, ein bisschen deutsche Geschichte, ein bisschen Tragödie, ein bisschen was fürs Herz und für den Verstand - und dann auch noch politisch korrekt.

Tatsächlich ist „Der Vorleser“ angesichts der Herzensreise seines 15-jährigen Protagonisten ein hervorragend geeignetes Buch, um die Generationen über Themen wie Familie, Erwachsenwerden, Schuld, Verantwortung, Stolz und Scheitern miteinander ins Gespräch zu bringen. Sinnlich, moralisch schwerwiegend und als sehr persönliche Auseinandersetzung mit der deutschen Nachkriegsvergangenheit angelegt, erzählt der Roman, der 1995 bei Diogenes in Zürich erschien, eine deutsche Geschichte, die sich in kürzester Zeit zum internationalen Erfolg entwickelt hat.

Lesen macht friedlich

Im hessischen Bad Hersfeld hat der Magistrat Anfang diesen Jahres zu der Aktion „Bad Hersfeld liest ein Buch“ angeregt. Anlass waren die 1999 eröffnete Konrad Duden-Stadtbibliothek sowie die Neuansiedlung zweier Großbuchhändler, Amazon.de und Libri. Mit der Leseaktion outet sich Bad Hersfeld an der Weinstrasse nicht nur als lesefreudiger, sondern auch als wirtschaftlich orientierter Buchstandort. Stadt und Großbuchhändler verbeugen sich voreinander, wenn die Gemeinde die Aktion durchführt und die Händler je 500 Freiexemplare des beliebten Titels beisteuern. Lesen macht friedlich, könnte man darüber hinaus meinen, wenn man auf der städtischen Homepage erfährt, dass Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass in dieser toleranten Gemeinde keinen Platz haben sollen.

Billiger trinken mit Schlink

Potsdam geht den Lesesommer privater und gesellschaftlicher an. Hier hat sich eine neu hinzugezogene Bürgerin für das Projekt „Eine Stadt liest ein Buch“ eingesetzt. Zunächst im Freundeskreis, dann über Medien und Politiker vor Ort hat die PR-Managerin Maria Conze den Stein in Rollen gebracht. Inzwischen liegt Schlinks „Vorleser“ in den Buchhandlungen auf Spezialtischen aus. Mit einem Zuschuss von 2000 Euro wurden Handzettel gedruckt und privat verteilt. Jeder, der mit dem Buch unter dem Arm in ein Café geht, bekommt jetzt in Potsdam beim ersten Getränk Rabatt. Der Diogenes-Verlag hat 160 Freiexemplare zur Verfügung gestellt, die in Bibliotheken und Cafés ausliegen.

Und im September wird eine Woche lang vorgelesen. In beiden Städten, in Parks und in lauschigen historischen Gebäuden. Nur einer wird nicht dabei sein: Bernhard Schlink, der gerade in den USA weilt und an einem neuen Roman schreibt.

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